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Deutsche Nationalmannschaft : Die Lücke hinter Podolski

  • -Aktualisiert am

Nicht nur den Fans wird „Poldi“ fehlen. Bild: dpa

Ein Mann, ein Schuss, ein Tor. Podolskis Abschiedsvorstellung in der Nationalelf war beeindruckend, fast kitschig. Doch das Spiel gegen England zeigte auch: Die nächste Generation braucht noch Zeit.

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          Am Ende spielten sie immer wieder das Lied vom „Kölschen Jung“. Der Song bildete so etwas wie den Soundtrack für einen großen Abschied, der einem Drehbuch mit einer besonderen Pointe zu folgen schien. Lukas Podolski posierte mit einer Fahne seiner Lieblingsstadt, hauchte einen Kuss auf das rot-weiße Stück Stoff und legte sich später einen Schal um, wie ihn Fans des 1. FC Köln tragen. Bei seinem hundertdreißigsten und letzten Länderspiel fühlte sich der 31 Jahre alte Stürmer wie zu Hause, weil er den Eindruck hatte, „bestimmt dreißigtausend Kölner, wenn nicht sogar mehr“ seien nach Dortmund gekommen, um ihn auf den letzten Metern seiner Karriere als Nationalspieler zu begleiten.

          Aber Podolski ist nicht einfach so abgetreten nach fast dreizehn Jahren in Diensten der Elite-Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes. Im Prestigeduell gegen England setzte er ein letztes Ausrufezeichen; der kölsche Jung wuchtete den Ball aus gut zwanzig Metern unhaltbar in den rechten Winkel, mit dem linken Fuß und mit voller Wucht (69. Minute).

          Dortmund : Poldi verabschiedet sich mit Traumtor

          Ein Mann, ein Schuss, ein Tor. Und was für eins! Bundestrainer Joachim Löw klang wie ein beeindruckter Kunstkritiker, als er später von einem „typischen Poldi“ sprach. Und der Schütze äußerte ohne großsprecherisch wirken zu wollen, die Annahme, das könnte sein zwölftes „Tor des Monats“ gewesen sein. Was für ein Schlussakkord. „Wir gewinnen 1:0 und ich mach’ das Ding – dass es am Ende so läuft, ist wie im Film“, sagte er. Es war wie an einem Set, an dem alles dafür getan wurde, dass der Hauptdarsteller zu glänzen vermag.

          Thomas Müller etwa berichtete, er habe „vor dem Spiel zu Toni Kroos gesagt, wir müssen Poldi am Strafraum in Schussposition bringen. Kroos hat das Vorhaben dann im Zusammenspiel mit André Schürrle in die Tat umgesetzt. Hinterher wirkte Müller ein wenig unschlüssig, was er davon halten sollte. Einerseits könne man eine solche Geschichte als Drehbuch „nicht besser schreiben“, sagte er, andererseits wäre es ihm „als Regisseur ein bisschen zu kitschig gewesen, das glaubt einem ja keiner.“

          Abschied vom „Kölsche Jung“ Bilderstrecke
          Abschied vom „Kölsche Jung“ :

          Bei allem Hype um Podolskis Abschied mag mancher sich von dem Test gegen England Erkenntnisse versprochen haben für die nähere und mittlere Zukunft der Nationalelf, die an diesem Sonntag in der WM-Qualifikation ein Auswärtsspiel gegen Aserbaidschan bestreitet. Löw behauptete, aus diesem schwächeren Länderspiel seiner Mannschaft ließen sich durchaus „einige Schlüsse ziehen“, verriet aber nicht, was genau er damit meinte. Der Bundestrainer stellte nur fest, für die vielen jungen Spieler sei es wichtig, bestimmte Erfahrungen zu machen, „gerade in solchen Spielen, in denen der Gegner einem alles abverlangt“.

          Die nächste Generation braucht noch Zeit

          Löw hatte eine junge Elf aufgeboten, in der (bis zur Einwechslung von Müller) nur drei Stammkräfte mitwirkten: Mats Hummels, Toni Kroos und Jonas Hector. Vor allem in der ersten Hälfte brachte die deutsche Mannschaft ohne angeschlagene Spieler wie Özil, Draxler und Gomez im Angriff so gut wie nichts zustande.

          Dem Debütanten Timo Werner, aber auch unerfahrenen Jung-Nationalspielern wie Julian Brandt und Leroy Sané war anzumerken, dass Auftritte wie gegen England für sie noch ungewohntes Terrain sind. Sie brauchten lange, um ihre Nervosität einzudämmen. Die drei standen zwar nicht mit dem Rücken zur Wand, oft aber mit dem Rücken zum Tor; es war schwierig, sie anzuspielen. Unfreiwillig wirkten sie wie Nebenfiguren, die sich dezent zurückhielten, um die Kreise des jugendlichen Helden von einst nicht zu stören. Als wollten sie sagen: Dieser Abend gehört „Poldi“, unsere Zeit kommt noch früh genug.

          In der zweiten Hälfte sei die junge Garde, „besser ins Spiel gekommen“, sagte Löw. Als Podolski zu seinem letzten Volltreffer im Nationaltrikot ansetzte, hätte der Weltmeister aber längst mit einem oder zwei Toren in Rückstand liegen können. Doch die Engländer trafen nur den Pfosten und scheiterten an Torhüter Marc-André ter Stegen, der als Vertreter Manuel Neuers eines seiner besseren Länderspiele machte.

          Die nächste (Stürmer)-Generation braucht noch Zeit. Also war Löw am Ende froh, dass Podolski seinen letzten Auftritt so lange wie möglich auskosten wollte. Zunächst sei geplant gewesen, ihn früher auszuwechseln; in der Halbzeitpause habe Podolski jedoch den Wunsch geäußert, „unbedingt bis kurz vor Schluss zu spielen“. Löw hielt sich in der Kabine bedeckt, ließ seinen an diesem Abend wirkungsvollsten Angreifer aber letztlich bis zur 84. Minute auf dem Feld und räumte später ein, es sei „gut gewesen, dass er noch auf dem Platz war“, als das Spiel nach vorn ein wenig besser wurde – gut genug zumindest, um einen Mann in Szene zu setzen, der von sich sagt, der liebe Gott habe ihm einen linken Fuß gegeben, auf den er sich meist verlassen könne.

          Von nun an wird die Nationalmannschaft ohne Podolskis Schüsse und Sprüche auskommen müssen. Und der Bundestrainer weiß auch schon wie. „Jetzt muss Müller wieder treffen“, sagte Joachim Löw. Um sicher zu gehen, dass es auch jeder mitbekam, wiederholte er diesen Satz. So ähnlich, wie sie kurz zuvor im Stadion das Lied vom kölschen Jung wiederholt hatten.

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