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Deutsche Fußballfrauen : Wie einst in Wolfsburg

Was nun? Bundestrainerin Silvia Neid machte Fehler Bild: dpa

Die deutschen Fußballfrauen werden bei der EM ihrem Anspruch nicht gerecht. Im Viertelfinale gegen Italien am Sonntag steht auch der gute Ruf von Bundestrainerin Silvia Neid auf dem Spiel.

          Plötzlich erinnerte in Kalmar vieles an Wolfsburg. Nicht an die teils herrlich anzusehende Spielweise der Triple-Siegerinnen vom VfL Wolfsburg, die in der vergangenen Saison bei ihrem Siegeszug die europäische Konkurrenz das Fürchten lehrten. Vielmehr wirkte das deutsche Frauenfußball-Nationalteam so ratlos wie 2011 im WM-Stadion von Wolfsburg, als der große Traum der deutschen Fußballfrauen vom Titelgewinn im eigenen Land geplatzt war.

          Standen ihnen damals im Viertelfinale noch Japanerinnen gegenüber, die später zu Weltmeisterinnen gekürt wurden, so hieß der Gegner bei der Frauenfußball-Europameisterschaft in Schweden nun Norwegen. Die Skandinavierinnen haben zwar als einziges europäisches Team sowohl Welt- und Europameistertitel als auch den Olympiasieg errungen. Aber an diese Zeit erinnert nur noch der kürzlich wieder engagierte Trainer Even Pellerud.

          Am Mittwochabend genügte beim 1:0-Sieg über Deutschland durch einen Distanzschuss von Ingvild Isaksen in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit nun sogar die „B-Elf“, um die deutsche Auswahl in eine ähnliche Verzweiflung zu stürzen wie einst Japan. Die wie Deutschland schon vor dem „Endspiel um den Gruppensieg“ für die K.o.-Runde qualifizierten Norwegerinnen hatten freiwillig auf sechs Stammspielerinnen verzichtet. Und dennoch hatten sie kaum Probleme, den deutschen Seriensiegerinnen vor 10.000 Zuschauern die erste Niederlage bei einem EM-Turnier nach zwanzig Jahren zuzufügen.

          „Das lag aber nicht am Gegner, dass wir nicht ins Spiel kamen, sondern an uns“, sagte Innenverteidigerin Saskia Bartusiak. „Das einzig Positive ist, dass es ein Gruppenspiel war und kein K.o.-Spiel. Wir können im Viertelfinale gegen Italien wieder alles gutmachen.“ Spielführerin Nadine Angerer äußerte sich derweil drastischer. „Wenn wir nicht bald den Arsch hochkriegen, wird das kein gutes Turnier“, sagte die 34 Jahre alte Torhüterin, die zu den wenigen überzeugenden Spielerinnen zählte.

          Nach dem 0:1 gegen Norwegen wurden die Deutschen nur Gruppenzweiter

          Im Offensivspiel hatten ihre Vorderfrauen wieder einmal keine Mittel gegen einen tief stehenden und gut organisierten Gegner, wie es auch Italien im Viertelfinale sein dürfte. Die Deutschen scheinen nach den Eindrücken der Testspiele vor EM-Beginn zwar gut vorbereitet für Gegenpressing und ein schnelles Umschaltspiel nach Balleroberungen gegen offensiv ausgerichtete Gegner. Wenn sich ein Team aber vornehmlich der Sicherung des eigenen Tores widmet, dann fehlt jede Kreativität. „Wir haben aber eigentlich Mittel und Spielertypen, um gegen tief stehende Gegner Lösungen zu finden“, sagt Saskia Bartusiak. „Nur haben wir gegen Norwegen diese Lösungen nicht gefunden.“

          Offenkundig konnte auch Bundestrainerin Silvia Neid bei der Suche nicht helfen. Stattdessen vermittelte sie mit ihren Einwechslungen Hilflosigkeit. Sie brachte plötzlich Melanie Behringer ins Spiel, die in den Testspielen keine einzige Minute gespielt hatte. „Wenn ich unser Spiel von außen beobachtet hätte, hätte ich gesagt: Gegen die kann man gewinnen und braucht keine Angst zu haben“, sagte die Bundestrainerin. Die Favoritenbürde ist das deutsche Team nach Ansicht von Silvia Neid also definitiv los.

          Im Viertelfinale wartet auf Leonie Maier und Co. nun Italien

          Für die Bundestrainerin steht freilich gegen das vom ehemaligen Weltklassespieler und Weltmeister Antonio Cabrini betreute Italien (Sonntag, 18.00 Uhr / Live bei Eurosport und in der ARD), das auch 2009 auf dem Weg zum Titelgewinn beim 2:1-Sieg im Viertelfinale der Gegner war, ihr guter Ruf auf dem Spiel. Nach dem enttäuschenden Auftreten ihres Teams bei der WM schien sie zuletzt tatendurstig wie lange nicht mehr. Auch die Verletzungsmisere ihres Teams vor dem Turnier schien sie nicht sonderlich zu beeindrucken, stattdessen vermittelte sie große Freude an der Zusammenarbeit mit den nachgerückten Talenten.

          Allerdings unterliefen der Bundestrainerin auch strategische Fehler: Nach dem 4:2-Testspielsieg über Weltmeister Japan hatte sie unnötigerweise davon gesprochen, dass ihr Team bereits „hundert Prozent“ seines Leistungsvermögens gezeigt habe. Eine solche Aussage zwei Wochen vor Turnierbeginn widerspricht den Grundsätzen der Sportpsychologie wie auch den Erfordernissen eines Formaufbaus bis zum Saisonhöhepunkt. Und dann genehmigte sie ihrem Team auch noch, mit der Aufschrift „Laganda008“ auf den von allen Spielerinnen getragenen roten Armbändern schon vor dem ersten Spiel den Fokus auf den achten Titelgewinn zu richten.

          „Wenn wir nicht bald den Arsch hochkriegen, wird das kein gutes Turnier“: Nadine Angerer

          Spätestens die lähmenden Erfahrungen der WM 2011, als der Sieg in der öffentlichen Wahrnehmung schon vor dem Auftaktspiel eine Gewissheit schien, hätten aber eigentlich Mahnung genug sein müssen, von Spiel zu Spiel zu planen. Nach der Niederlage gegen Norwegen kritisierte die Bundestrainerin ihr Team nun recht heftig für eine „unterirdische“ Leistung. Dennoch irritierte Silvia Neid auch mit einer zur Schau getragenen Gelassenheit. „Dann sind wir eben Gruppenzweiter“, sagte sie lapidar.

          Sollte ihr Auftreten zum Erfolg führen, hat die Bundestrainerin letztlich alles richtig gemacht. Im Misserfolgsfall muss als Maßstab herangezogen werden, was Steffi Jones als fürs Nationalteam verantwortliche DFB-Direktorin Frauenfußball vor dem Turnier im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte: „Ich erwarte nicht den Titelgewinn, aber ich erwarte, dass unser Team guten Fußball spielt.“ Bislang ist das deutsche Team diesem Anspruch - bis auf wenige Ansätze - nicht gerecht geworden.

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