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1:2 in Frankreich : Es funkelt wieder etwas im deutschen Spiel

Leroy Sané stand in der Startelf und machte ein gutes Spiel in Paris. Bild: Picture-Alliance

Der bisher verzagte Bundestrainer Joachim Löw überrascht und schickt ein junges DFB-Team ins Spiel bei Weltmeister Frankreich. Nach dem unglücklichen 1:2 von Paris stellt sich aber eine Frage.

          So viel Zufriedenheit in der Niederlage hat man lange nicht gespürt bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Was schon auch etwas darüber sagt, was aus diesem Team geworden ist in den vergangenen Monaten. Auf die Idee, Freudensprünge zu machen angesichts des 1:2 in Paris und der damit höchst virulenten Abstiegsgefahr in der Nations League, wäre natürlich niemand gekommen, schon gar nicht die Spieler, die in den Minuten nach dem Schlusspfiff vor die Mikrofone traten, Kapitän Neuer, Schulz, Gnabry, sie alle waren vor allem eines: enttäuscht, nicht mehr aus diesem verheißungsvollen Abend im Stade de France gemacht zu haben.

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          Aber auch aus ihnen sprach das gute Gefühl, zumindest wieder etwas darzustellen nach der Demütigung in Amsterdam drei Tage zuvor. Manuel Neuer schien sich gar in eine verkehrte Fußballwelt versetzt zu fühlen. Die Mannschaft habe bei ihrem „sehr mutigen“ Auftritt beim neuen Weltmeister gespielt, als habe sie in den Niederlanden 3:0 gewonnen und nicht mit diesem Resultat verloren, sagte er. Und er hatte ein Frankreich gesehen, „das Angst vor uns hat“. Wie war das möglich nach der verzagten Erscheinung vom Samstagabend?

          Die Antwort war ebenso naheliegend wie – in dieser Form – überraschend. Denn dass Joachim Löw sich entschließen würde, ein derart verwandeltes Team in dieses Spiel zu schicken, war kaum zu erwarten gewesen angesichts des zuvor ebenso verzagten Bundestrainers. Aber plötzlich standen sie alle auf dem Aufstellungsbogen und wenig später leibhaftig auf dem Platz: Leroy Sané, Thilo Kehrer, Serge Gnabry, Niklas Süle, alle 22 oder 23 Jahre alt, auch Nico Schulz, 25 Jahre alt, war neu im Team. Dazu kam eine neue taktische Ausrichtung: mit Dreierkette (Süle, Hummels, Ginter), dynamischer Doppel-Sechs (Kimmich, Kroos) und vor allem einem Angriffstrio, das für Tempo und Esprit sorgte, wie man es zuletzt kaum mehr im DFB-Trikot gesehen hat: Werner, Sané und Gnabry. Letzterer hatte am Mittag von seiner Startelf-Nominierung erfahren, „ein bisschen überraschend“, wie er sagte, aber er machte, wie seine Kollegen auch, ziemlich viel daraus.

          Gnabry, Sané, aber auch die forschen Kehrer und Schulz auf den Außenpositionen – sie sorgten dafür, dass das verjüngte deutsche Team nicht nur im besten Sinne rotzfrech, sondern in der ersten Halbzeit geradezu dominant auftrat. Auch Kroos, der zuletzt oft im falschen Sinne quer gedacht hatte, wirkte von dieser Entdeckung der Schnelligkeit, regelrecht beflügelt. So, dass hinterher der Ärger verständlich war, nicht mehr aus alledem gemacht zu haben als die 1:0-Führung durch den von Kroos verwandelten Handelfmeter (14. Minute). Es war einer von vielen Angriffen, die mit Tempo in die Tiefe des Raumes stießen, diesmal von Kimmich über Gnabry auf Sané. Die beste Gelegenheit zu einem zweiten Treffer vertat Sané dann nur wenige Minuten später, als er, der französischen Abwehr schon enteilt, noch auf Werner querlegte, dabei den Ball aber zu weit nach vorne spielte, so dass Torwart Lloris noch die Hand dazwischen bekam.


          So wie in dieser Szene wirkte das deutsche Spiel öfter an diesem Abend in Paris: noch ein wenig ungeschliffen, aber man sah schon etwas funkeln. Und so stellte sich natürlich die Frage, ob man davon nicht viel früher etwas hätte freilegen können – uns sich damit manchen Verdruss erspart hätte. Der Bundestrainer war bemüht, das alles eher als Teil eines organischen Prozesses zu schildern, über den selbstverständlich er Herr ist. „Ich treffe meine Entscheidungen immer aus Überzeugung“, sagte er. „Manchmal sind Aufstellungen falsch in einer Trainerkarriere. Bei mir waren sie häufig richtig, manchmal nicht. Daraus muss man dann die Lehren ziehen.“ Er lobte die jungen Spieler, sprach von der „Entwicklung“, aber eben auch von den „Schwankungen“, denen diese noch unterworfen seien, und dass man nun „von Spieltag zu Spieltag“ sehen müsse. Der Blick sei darauf ausgerichtet, in zwei Jahren bei der Europameisterschaft erfolgreich zu sein.

          Zugleich aber ließ sich der Eindruck nicht vermeiden, dass Löw sich erst unter dem immensen Innovationsdruck von außen, den der fortschreitende Verfall des Weltmeisters von 2014 erzeugt hatte, in diese Richtung begeben hat. In jedem Fall erscheint nach diesem Vorgeschmack auf die Zukunft schwer vorstellbar, dass es einen Weg zurück geben könnte, auch wenn Löw noch einmal die Bedeutung der „richtigen Mischung“ und den Wert der erfahrenen Spieler hervorhob – speziell im Fall von Thomas Müller, der erst in der 88. Minute für Gnabry eingewechselt wurde. „Thomas Müller hat sich vielleicht zuletzt nicht so gezeigt. Aber er ist ein Antreiber, der mit den jungen Spielern spricht. Von daher ist Thomas weiter absolut wichtig.“ Beinahe hätte Müller sogar noch den Ausgleich erzielt, als er eine Kopfballchance nicht richtig nutzen konnte, so aber blieb es bei der am letztlich unglücklichen Niederlage.

          Doppeltorschütze: Antoine Griezmann trifft nach dem Kopfballtor noch per Elfmeter. Bilderstrecke

          In der zweiten Hälfte war Verschiedenes zusammengekommen für das deutsche Team: eine Straffung des zuvor zum Laissez-faire neigenden Weltmeisters, dazu ging ein wenig vom eigenen Mut verloren, und dann war es, nach dem 1:1 durch Antoine Griezmanns Kopfball (62.) auch noch Pech, dass es bei einem Zweikampf zwischen Hummels und Matuidi Elfmeter gab – dabei war Matuidi beim Tritt auf Hummels‘ Fuß zu Fall gekommen und nicht umgekehrt. Die Chance jedenfalls ließ sich Griezmann nicht entgehen und sorgte in der 80. Minute nicht nur für das Siegtor, sondern auch für ein unangenehmes Déjà-vu – er hatte schon im EM-Halbfinale 2016 beide Treffer für die Equipe Tricolore erzielt. Es war aber immerhin eines mit einer Perspektive für die Deutschen, auch wenn sich noch zeigen muss, was sie und vor allen der Bundestrainer daraus machen.

          Wie schon in Amsterdam schob Löw die Fragen zu seiner eigenen Job-Perspektive beiseite. „Zwischen zwei solchen Spielen denke ich an anderes“, sagte er. Am Sonntag hatte es noch einmal ein Gespräch mit Reinhard Grindel gegeben. Darin soll Löw Unterstützung vom DFB-Präsidenten erhalten haben. Sicher ist, dass auch Grindel erleichtert darüber war, wie sich das neuformierte am Dienstag präsentierte. „Ich finde, dass wir ein Stück Umbruch gesehen haben, der Mut macht für die Zukunft. Was diese junge Mannschaft heute gezeigt hat, darauf lässt sich aufbauen.“ Am Samstag hatten er und Oliver Bierhoff noch wortlos das Stadion in Amsterdam verlassen. Auch der Nationalmannschaft-Direktor wertete die Leistung in Paris nun als „wichtiges, gutes Zeichen“ – nicht zuletzt pro Löw. „Es ist ein Umbruch da“, bekräftigte Bierhoff. Blieb nur die Frage, warum von dem die ganze Zeit so wenig zu sehen war.

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          Der Abstiegskampf in der deutschen Nations-League-Gruppe

          Nach dem 1:2 in der Nations League am Dienstag in Frankreich kann die deutsche Fußball-Nationalmannschaft den Klassenverbleib in der Nations League nicht mehr aus eigener Kraft schaffen. Die Auswahl von Bundestrainer Joachim Löw ist auf Hilfe der Franzosen angewiesen, die selbst nicht mehr aus der Liga A des neuen Uefa-Wettbewerbs absteigen können. Die Ausgangslage für die DFB-Auswahl:

          Deutschland steigt aus der Liga A der Nations League ab...,

          ... wenn die Niederlande am 16. November gegen Frankreich gewinnt.

          ... wenn die Niederlande am 16. November gegen Frankreich unentschieden spielt und man selbst drei Tage später gegen Oranje nicht mit mindestens vier Toren Vorsprung gewinnt.

          ... wenn man am 19. November gegen die Niederlande nicht gewinnt. (dpa)

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