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Deutsche Fußball-Frauen : Endlich Herausforderungen

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Erfolgsduo: Svenja Huth und Lea Schüller Bild: Jürgen Fromme /firo Sportphoto

Der Wunsch nach mehr Sichtbarkeit ist in der Szene groß, doch zuletzt hatte das Team von Bundestrainerin Voss-Tecklenburg zu oft leichtes Spiel. Das wird im neuen Jahr anders.

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          Hannelore Ratzeburg ist im deutschen Frauenfußball weite Wege gegangen. Oder noch besser: den ganzen Weg. Als sie einst ihr erstes Spiel im Trikot von Grün-Weiß Eimsbüttel absolvierte – der DFB hatte sein Fußballverbot für Frauen gerade aufgehoben –, „da standen am Spielfeldrand 200 Männer und haben sich die Bäuche gehalten vor Lachen“, erzählte die 70-Jährige dieser Tage.

          Ratzeburg hat die Zeiten erlebt, in der ihr Sport hierzulande verlacht wurde. Hat als Pionierin an vorderster Front gekämpft in jenen Jahrzehnten, in der ihr Sport, gelinde gesagt, nicht ernst genommen wurde. Hat als Funktionärin mit Sitz im DFB-Präsidium (als einzige Frau) die Fortschritte gesehen und zum Teil mitangestoßen. Angesichts von fast 45 Jahren im Einsatz für die Belange des Frauenfußballs darf Ratzeburg es als einen Erfolg betrachten, dass man sich im DFB rund um das letzte Länderspiel des Jahres vor allem über eins mokierte: Dass das WM-Qualifikationsspiel am Mittwochabend in Portugal um 19 Uhr nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, sondern „nur“ im ZDF-Livestream übertragen worden ist.

          Nun würden sich diverse andere Sportarten enorm freuen über eine Übertragung auf solch einer gewichtigen Plattform. In den immergleichen Forderungen aus der Szene nach mehr Sichtbarkeit für den Frauenfußball wird mitunter übersehen, dass das Produkt auch seine Schwächen hat. Und damit ist nicht die deutsche Nationalmannschaft gemeint, welche einige, obwohl der breiten Öffentlichkeit nicht vertraute, sehr gute Spielerinnen und eine sehr patente Bundestrainerin zu bieten hat. Doch weder atmosphärisch noch von der Qualität der sportlichen Auseinandersetzungen her hat die Frauenfußball-Nationalmannschaft viele Feiertage zu bieten. Was daran liegt, dass das Leistungsgefälle zwischen den Topnationen und dem Rest immer noch erheblich ist.

          Sechs Siege mit 31:2 Toren

          Nun wurden die Portugiesinnen im Vorfeld der Partie als Team von Rang gepriesen, das eine echte Hürde für die DFB-Elf darstelle. Und doch zeigte sich vor nur 500 Zuschauern im Estádio de São Luís in Faro (Stichwort Atmosphäre) wieder nur das aus Qualifikationsspielen altbekannte Bild: Die deutsche Mannschaft dominierte auch den „härtesten“ Gruppengegner von Anpfiff an fast nach Belieben und beseitigte mit drei Toren in den ersten 28 Minuten auch vermeintliche Restzweifel, wer sich in Gruppe H nach sechs Siegen aus sechs Partien (31:2 Tore) direkt für die Weltmeisterschaften 2023 in Australien und Neuseeland qualifizieren wird.

          Pionierin des Frauenfußballs: Hannelore Ratzeburg ist weite Wege gegangen
          Pionierin des Frauenfußballs: Hannelore Ratzeburg ist weite Wege gegangen : Bild: dpa

          Der 3:1-Erfolg in Portugal entsprang einer vor allem in der ersten Halbzeit starken Leistung. Doch am Ende eines von hohen Siegen gegen international zweitklassige Konkurrenz geprägten Länderspieljahres 2021 geht der Blick der Bundestrainerin fast sehnlich ins neue Jahr. Im Februar steht in England ein Vorbereitungsturnier für die im Sommer dort stattfindenden Europameisterschaften an. Martina Voss-Tecklenburg spricht zurecht von „echten Härtetests“ angesichts von Partien gegen Gastgeber England, Olympiasieger Kanada und die starken Spanierinnen, die sich überwiegend aus der aktuell besten Vereinsmannschaft, dem FC Barcelona, rekrutieren.

          Nach drei Jahren ohne sommerliches Turnier und zuvor den beiden Misserfolgen bei der WM 2019 und der EM 2017 (jeweils Aus im Viertelfinale) soll im Sommer 2022 die dringend benötigte Trendwende erfolgen. Das Halbfinale sollte es schon sein, heißt es von DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Und DFB-Präsident Rainer Koch sagte nach drei Tagen beim Team in Faro: „Wenn die Mannschaft sich weiter so entwickelt, gehört sie zu den Favoriten in England.“

          Koch hält es zwar für unwahrscheinlich, dass den DFB nach dem Bundestag im März eine Doppelspitze anführen wird, weil dazu eine Satzungsänderung notwendig sei. Aber: „Ganz sicher werden im nächsten DFB-Präsidium mehr als eine Frau sitzen“, so Koch. Die Nachfolgerinnen von Hannelore Ratzeburg betreten im Bereich des Frauenfußballs ein weites Feld. Mit Herausforderungen, wie es der stark sinkenden Zahl von Mädchen- und Frauenmannschaften in den Vereinen hierzulande begegnen gilt und der darbenden Vermarktung der Frauen-Bundesliga.

          Und Chancen, wie der aussichtsreichen Bewerbung um die WM 2027 als Ko-Gastgeber. Hannelore Ratzeburg wird, wenn auch dann nicht mehr als Aktivposten, gewiss als beratende Kraft weiter wirken. Die Reise nach Portugal war ihre letzte als Delegationsleiterin bei der deutschen Elf. „Was Hannelore für den Frauenfußball geleistet, ist nicht in Worte zu fassen“, sagt Martina Voss-Tecklenburg, „das ist eine Lebensleistung.“

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