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Der Videobeweis : Undurchsichtig

  • -Aktualisiert am

Der Videobeweis muss so transparent wie möglich sein: In der Schalke-Arena sieht der Zuschauer nur Logos Bild: VOGEL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Wütende Trainer, verdrossene Fans: Die Bundesliga schimpft über den Videobeweis. Warum aber sorgt er in Italien für Vertrauen? Und warum ist kein großes Hockey-Turnier mehr ohne denkbar?

          8 Min.

          Der Videobeweis? Nach elf Spieltagen macht sich rund um die Bundesliga eine völlig irrationale Wahrnehmung breit. Nicht die Korruptionsskandale der Fifa, nicht die Wettbetrugsfälle, schon gar nicht das viele Geld, sei es von Investoren oder vom Fernsehen, das via Champions League für ein Ungleichgewicht in den nationalen Ligen sorgt und für die immer selben Meister und Langeweile in der Titelfrage, auch nicht die geschmacklosen Ausfälle der Ultra-Szene scheinen plötzlich die größte Gefahr zu sein, dass sich der Fan abwendet. Nein, es ist der Videobeweis. Vielleicht liegt das größte Problem da schon in der Wortwahl – ein stichhaltiger Beweis ist er häufig nicht, eher die größtmögliche Annäherung, eine Hilfe eben.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Für die Kritiker, die gerne alles so lassen würden, wie es war, ist er aber ein einziger Graus, dabei soll er doch für mehr Gerechtigkeit auf dem Platz sorgen, drastische Fehlentscheidungen verhindern. Als der Regelboard Ifab verkündete, dass dieses System von dieser Saison an in einigen Ländern getestet werden solle, meldete sich auch die Bundesliga. In Deutschland schien das Experiment auf sicheren Füßen zu stehen, denn angesichts deutscher Gründlichkeit durfte damit gerechnet werden, dass allzu große böse Überraschungen ausbleiben würden und offensichtliche Fehler im System schon im Vorfeld erkannt würden. Es galt doch, all jene Pessimisten zu überzeugen, die schon da den drohenden Untergang des Fußballs heraufziehen sahen – und sich derzeit bestätigt sehen. Die ernüchternde Bilanz nach elf Spieltagen: Es wird kaum noch über etwas anderes als über den „Videobeweis“ geredet, der für wütende Trainer, tobende Sportdirektoren und für allerlei Verdruss bei den Zuschauern gesorgt hat. Was ist da schiefgelaufen?

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          Unterhält man sich mit Vertretern aus anderen Sportarten, die den „Videobeweis“ längst mit Erfolg praktizieren und ihn nicht mehr missen möchten, wäre der größte Fehler leicht zu verhindern gewesen: die mangelnde Transparenz. Im Hockey und Rugby etwa – den beiden Mannschaftssportarten, bei denen die Vergleichsmöglichkeiten zum Fußball am größten sind – ist erstaunlicherweise sofort erkannt worden, dass jeder Beteiligte, ob im Stadion oder zu Hause im Fernsehsessel, sofort und immer Bescheid wissen muss. „Der Videobeweis muss so transparent wie möglich sein“, sagt Peter von Reth. Der Niederländer ist Mitglied im Direktorium des Deutschen Hockey-Bundes, war zehn Jahre lang Vorsitzender der Schiedsrichterkommission des Welthockey-Verbandes. Den „Videobeweis“ im Hockey gibt es nur bei großen internationalen Turnieren, und ein Punkt in den Vergabekriterien ist dessen öffentliche Präsentation. Erstmals angewendet wurde er offiziell bei der WM 2006 in Mönchengladbach, und schon damals liefen die betroffenen Szenen auf der Videoleinwand. Seitdem wurde diese Unterstützung für den Feldschiedsrichter ausgeweitet, immer wieder neu justiert – und der Zuschauer immer mitgenommen. Bei den Olympischen Spielen in London 2012 war erstmals auch der Gesprächsinhalt des Funkverkehrs zwischen dem Feldschiedsrichter und dem Videoschiedsrichter für alle hörbar. „Es gibt keine Geheimniskrämerei“, sagt von Reth, „und ohne Videobeweis wäre ein großes Turnier heute nicht mehr denkbar.“ Genauso sieht es im Rugby aus – niemand käme auf die Idee, diese technische Hilfe in Frage zu stellen.

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