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Champions-League-Finale : Das französische Trauma des VfL Wolfsburg

Wölfe-Torhüterin Almuth Schult hielt beim Pokalfinale zwei Elfmeter und will nun gegen Lyon den Königsklassen-Titel. Bild: Jan Huebner

Gegen Lyon soll für die Wolfsburger Fußballfrauen der Titel her. Es ist das Duell zwischen dem „derzeit besten Team in Europa“ und dem finanzstärksten Klub der Welt. Diesmal stehen die Chancen gut für die Wölfe.

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          Almuth Schult reckte die geballten Fäuste Richtung Himmel. Die Torfrau des VfL Wolfsburg stolzierte durch den Strafraum, als ob sie ihr Herrschaftsgebiet abschreitet und mögliche Eindringlinge abschrecken will. Den an der Mittellinie wartenden weiteren Schützinnen des Gegners musste sie viel größer erscheinen als mit ihren ohnehin schon respektablen 1,80 Metern Körperlänge. Als Schult im Elfmeterschießen des DFB-Pokalendspiels der Frauen am vergangenen Samstag gegen Bayern München zur Matchwinnerin wurde, da hatte sie womöglich auch schon Olympique Lyon als möglichen Adressaten für die Bilder der Jubelposen im Sinn.

          Denn der Gegner im Champions-League-Finale an diesem Donnerstag (18.00 Uhr bei Sport1) in Kiew wird genau hingeschaut haben, als sich der deutsche Dauerkonkurrent der vergangenen Jahre mit dem zweiten Titel nach der bereits drei Spieltage vor Rundenende gesicherten deutschen Meisterschaft weiteres Selbstvertrauen geholt hat für die Königsklasse.

          In Kiew wollen die VfL-Spielerinnen nun das französische Trauma überwinden. In den vergangenen drei Jahren war Wolfsburg abwechselnd an Lyon oder Paris gescheitert. Besonders bitter ist die Finalniederlage nach Elfmeterschießen gegen das bereits viermal im Europapokal siegreiche Olympique im Jahr 2016 in Erinnerung. „Ein weiteres Elfmeterschießen gegen Lyon brauche ich wirklich nicht“, sagte Schult am Samstag, obwohl sie kurz zuvor im finalen Ausschießen gegen Bayern München zur Elfmetertöterin wurde.

          „Wolfsburg ist das derzeit beste Team in Europa“

          Das Selbstvertrauen der Wolfsburgerinnen ist aber groß genug, um einen Sieg schon in der regulären Spielzeit oder nach 120 Minuten anzustreben. „Wir müssen uns auf keinen Fall verstecken. OL hat nicht nachgelassen, aber wir haben kontinuierlich gut weitergearbeitet“, sagt Trainer Stephan Lerch. Denn während der VfL seinen beiden ersten Erfolgen in der Champions League in den Jahren 2013 und 2014 noch aus der Außenseiterrolle heraus erfolgreich war, hat der Klub in den vergangenen Jahren mit kluger Strategie den Kader ergänzt und verstärkt.

          Ganz anders als bei den Männern in Wolfsburg, die sich soeben zum zweiten Mal erst in der Relegation vor dem Abstieg in die zweite Bundesliga retteten, wird bei den Frauen bemerkenswert konstant gearbeitet. Seit vielen Jahren sind die deutschen Nationalspielerinnen Almuth Schult, Babett Peter, Lena Goeßling, Alexandra Popp und Anna Blässe sowie die schwedische Spielführerin Nilla Fischer und die Isländerin Sara Gunnarsdottir der harte Kern des Teams. Zudem wurde der Kader um Weltklassespielerinnen wie die Dänin Pernille Harder, die Norwegerin Carolin Hansen oder die Schweizerin Lara Dickenmann ergänzt. „Wolfsburg hat die perfekte Mischung aus Führungsspielerinnen und Kreativkräften in der Offensive“, schwärmte Bayern-Trainer Thomas Wöhrle nach dem verlorenen Pokalfinale: „Sie sind für mich derzeit das beste Team in Europa.“

          Die entscheidenden Personen Kellermann und Lerch

          Bei der Arbeit an diesem Gesamtkunstwerk ist dem Klub womöglich die Personalentscheidung aus dem Vorjahr zugutegekommen. Ralf Kellermann gab nach fast einem Jahrzehnt in einer Doppelfunktion als Trainer und Sportdirektor die Verantwortung für die Arbeit mit der Mannschaft an seinen vorherigen Assistenten Stephan Lerch ab. Der neue Coach bewährte sich mit einer klaren, aber situationsbezogen auch lockeren Art, während Kellermann ihm mit seiner Arbeit an der Kaderplanung den Rücken freihält. Kellermann, der 2014 zum „Welttrainer“ gekürt wurde, ist nun auch der entscheidende Faktor, der durch sein Standing den Stellenwert des Frauenfußballs im auch aufgrund der Diesel-Krise beim Volkswagenkonzern kriselnden Gesamtverein verteidigt.

          Wäre Kellermann, der neben der künftigen Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg der aussichtsreichste Kandidat bei der Suche nach einem Nachfolger für die suspendierte Steffi Jones war, zum DFB gewechselt, hätte er in Wolfsburg wohl eine Vakanz hinterlassen, die schwer zu kompensieren gewesen wäre. So scheint der Klub bereit für das Duell mit dem finanzstärksten Frauenfußball-Team der Welt, das bereits viermal in der Champions League siegreich war.

          Olympique baut wie Wolfsburg auf einen harten Kern an einheimischen Nationalspielerinnen. Darüber hinaus ist Lyon aber dank der großzügigen Unterstützung durch Klub-Präsident Jean-Michel Aulas, der mit seinen Frauen die bei den Männern nicht möglichen Erfolge im Europapokal erringen will, auch die Heimat einiger der namhaftesten Spielerinnen der Welt geworden. Die deutsche Nationalmannschaftsspielführerin Dzsenifer Marozsán blüht im Ausland richtig auf und hat gerade zum zweiten Mal die Wahl zur Spielerin des Jahres in Frankreich gewonnen. Während die 26 Jahre alte Spielmacherin im Nationalteam seit langem unter ihren Möglichkeiten bleibt, bringt sie in Lyon ihre herausragenden Qualitäten konstant auf den Platz.

          Den einzigen Mangel, den Lyon nach zwölf Meistertiteln in Serie leidet, ist das Fehlen einer ernsthaften Konkurrenz im eigenen Land. „Das ist sicherlich ein Vorteil für uns“, sagt Kellermann. „Wir werden in der Bundesliga anders als Lyon fast jede Woche ernsthaft geprüft.“ Fraglich ist aber, ob das so bleibt: Der Bundesliga droht ein Exodus der besten deutschen, aber auch ausländischen Spielerinnen nach England. Wolfsburg gehen in der geschwächten Bundesliga womöglich die Herausforderungen auf nationaler Ebene verloren. Stärkedemonstrationen von Schult wie nach dem Pokalfinale sind dann womöglich gar nicht mehr nötig.

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