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Der Irak beim Confed-Cup : Fußball in der Gefahrenzone

  • -Aktualisiert am

„Die Welt will nur über den Krieg sprechen”: Nashat Akram will mit dem Fußball überzeugen Bild:

Das irakische Team will Krieg und Terror in der Heimat endlich hinter sich lassen. Die Teilnahme am Confed Cup ist eine „Mission“ im Dienste von Frieden und Verständigung.

          In seiner Heimat ist Nashat Akram längst ein Star. Der Vierundzwanzigjährige glänzt auf seinem Spielfeld als eleganter Gestalter des Fußballs der irakischen Nationalmannschaft. Bei seiner kunstfertigen Arbeit aber haben ihm die Menschen in Bagdad oder anderswo im Land seit Jahren nicht mehr an Ort und Stelle zusehen können. Nashat Akram hat nach dem dritten Golfkrieg seine Heimat verlassen. Bis zuletzt hat er sein Geld in Qatar beim Klub Al-Gharafa verdient, aber nun wagt der zweiundsiebzigmalige Nationalspieler den ganz großen Sprung: Nashat Akram wechselt als erster irakischer Fußballprofi in eine der größeren europäischen Ligen. Er unterschrieb beim niederländischen Meisterschaftszweiten FC Twente einen Dreijahresvertrag.

          Wären die englischen Einwanderungsbestimmungen nicht so rigide, Akram wäre vermutlich längst in der Premier League gelandet. Sein Probetraining bei Manchester City im Januar 2008 jedenfalls beeindruckte den damaligen Trainer Sven-Göran Eriksson nachhaltig. Doch über Manchester, Twente und andere persönliche Perspektiven mag Akram dieser Tage am liebsten gar nicht reden. Der jenseits seiner Heimat zaubernde Regisseur ist derzeit in Südafrika gefragt, wo der Irak, zerrissen durch Krieg und Terror, einen ganzen Kontinent vertritt. Der Asienmeister von 2007 eröffnet am Sonntag im Johannesburger Ellis-Park-Stadion die achte Auflage des Confederations Cups im Duell mit dem Gastgeber und Ausrichter der Weltmeisterschaft 2010.

          „Wir wollen unsere Menschen ein wenig glücklicher machen“, definierte Akram das oberste Ziel des irakischen Ausflugs in die große Welt des Fußballs. Für ein Turnier der globalen Elite mit Brasilien, Spanien und Italien vorneweg hat sich die Auswahl einer Nation, die noch immer nicht zu Ruhe und Frieden gefunden hat, seit der ersten und einzigen Teilnahme an der Fußball-WM 1986 nicht mehr qualifiziert. Diesmal gelang es unter Umständen, die von der allzeit gefährlichen irakischen Realität geprägt sind.

          Freude über den großen Sprung: Nashat Akram spielt künftig bei Twente Enschede

          „Wir wollen über Fußball reden“

          Nashat Akram hat sich trotzdem eine freundliche Aufgeschlossenheit bewahrt und offenbart mit seinem recht guten Englisch dazu die Sehnsucht, überall in der Welt gehört und verstanden werden zu wollen. Mit einem oft feinen Lächeln und wachen dunklen Augen stellt er sich in Johannesburg den Fragen der internationalen Reporter und macht kein Hehl aus seiner großen Hoffnung: „Ich wünsche mir, dass die Fifa (Internationaler Fußball-Verband) den Bann über unser Land aufhebt und wir wieder richtige Heimspiele austragen können.“ Davon indes scheint der Irak noch weit entfernt, da die Gefahrenlage nach wie vor zu groß ist, um Länderspiele wie früher im Al-Shaabah-Stadion von Bagdad austragen zu können.

          Von einer Normalität, wie sie andernorts herrscht, können auch die privilegierten Fußballspieler des Landes, die großteils an Klubs in Qatar, den Emiraten oder Libyen gebunden sind, fürs Erste nur träumen. Und doch haben sich Spieler wie Nashat Akram eine Schutzhaltung angeeignet, mit der sie der immergleichen Neugier Dritter begegnen. „Die Welt will“, sagt Akram, „dass wir nur über den Krieg sprechen, wir aber wollen über Fußball reden.“ Das eine so ganz vom anderen zu trennen, ist indes für diese Friedenskrieger nicht möglich.

          „Wir repräsentieren den gesamten Irak“

          Immerhin haben sie vor zwei Jahren etwas geschafft, was nicht einmal die glaubwürdigsten Politiker des Landes zuwegebrachten. Nach den quälenden Jahren der Saddam-Diktatur und den bis jetzt anhaltenden Terrorattacken danach vereinte das irakische Fußballteam die Nation für einen glückseligen Moment, als es wie durch ein Wunder die Asien-Meisterschaft gewann. „Wir wissen“, sagt Akrams Stürmerkollege Younis Mahmoud, „wie man Schwierigkeiten überwindet, wir besitzen eine starke Mentalität.“ Mahmoud war damals der große Held, denn sein Kopfballtreffer gegen Saudi-Arabien bescherte dem Irak den größten Triumph seiner Fußballgeschichte. Danach aber verlor die Mannschaft ihr Momentum und verabschiedete sich schon früh aus dem Kampf um die Qualifikation für die WM 2010. Ausschlaggebend war eine 0:1-Niederlage in Qatar – dem Emirat, in dem auch Younis Mahmoud für denselben Klub wie Akram Tore schießt. Da aber der Angreifer im stürmischen Einsatz für sein Heimatland zwischenzeitlich in eine tiefe Schaffenskrise geriet, warfen sie ihm im Irak sogar „Verrat“ vor, als Mahmoud gegen das Land seines Arbeitgebers das Toreschießen versäumte.

          Jetzt ist der ernste Angreifer bei den „Löwen von Mesopotamien“ wieder erste Wahl, nachdem der serbische Fußball-Weltenbummler Velibor Milutinovic im Mai das Team übernahm und auf den Confed-Cup vorbereitete. Während Younis Mahmoud von einer „Mission“ in Südafrika spricht, „die weit über den Fußball hinausgeht“, vermeidet Kollege Akram, wo immer möglich, jedes Pathos. Er folgt zumindest mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit einem irakischen Harmonie-Ideal. „Bei uns“, hebt er hervor, „spielen Christen, Sunniten, Schiiten und Kurden in einer Mannschaft. Wir repräsentieren den ganzen Irak.“ Zu schön, um wahr zu sein? Für den Confederations Cup zumindest hätte der Irak keinen besseren Repräsentanten finden können als diesen jungen Mann, der für die Hoffnung auf bessere Zeiten in einer der gefährlichsten Regionen der Welt steht.

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