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Übertragung gestrichen : Der folgenschwere Protest des Mesut Özil

  • -Aktualisiert am

Klare Botschaft: Ein Demonstrant in Istanbul mit Özils Konterfei Bild: Reuters

Der ehemalige Nationalspieler und Arsenal-Star hat China für den Umgang mit den Uiguren angeprangert. Die Chinesen reagieren umgehend – sein Arbeitgeber auch.

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          Mesut Özil und seinem Social-Media-Team dürfte klar gewesen sein, dass sie mit ihrem Post eine Lawine lostreten würden. Darin haben sie schließlich Übung: Özils Rücktritt aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Sommer 2018, verkündet und begründet über Twitter und Facebook, zog heftige Diskussionen nach sich – unter anderem über den von ihm angeprangerten Rassismus beim DFB.

          Auch dieses Mal ging es Özil um die Unterdrückung von Minderheiten. Am Freitag veröffentlichte er bei Twitter eine Botschaft, in der er den Umgang Chinas mit den Uiguren in der nordwestlichen Provinz Xinjiang kritisierte. Auf türkisch schrieb er, dort würden Korane verbrannt, Moscheen geschlossen, islamische Schulen verboten und Menschen in Lager gesperrt. Die Muslime in anderen Teilen der Welt aber schwiegen: „Sie haben sie im Stich gelassen“, schrieb der deutsche Profi des Premier-League-Klubs FC Arsenal, der gläubiger Muslim ist.

          „Schwere Menschenrechtsverletzungen“

          Beobachter der Vereinten Nationen werfen der chinesischen Führung schwere Menschenrechtsverletzungen gegenüber den Uiguren vor, einer turksprachigen und mehrheitlich muslimischen ethnischen Minderheit. Demnach befinden sich mehr als eine Million Angehörige dieser und anderer Minderheiten in gefängnisartigen Umerziehungslagern der dortigen Behörden. Im November gelangten durch den Rechercheverbund International Consortium of Investigative Journalists interne Regierungsdokumente an die Öffentlichkeit, deren Inhalte die Echtheit der Lager nahelegen. China hatte die Papiere als Fälschung bezeichnet und die Existenz solcher Einrichtungen zunächst geleugnet; heute spricht Peking von Berufsbildungszentren, die der Deradikalisierung von vermeintlich extremistischen Personen und Gruppierungen und damit letztlich der Terrorabwehr dienen sollen.

          Deutschland sowie die Vereinigten Staaten, Großbritannien und 20 anderen Staaten haben eine gemeinsame Erklärung abgegeben, in der China dazu aufgefordert wird, von der „willkürlichen Inhaftierung von Uiguren und Angehörigen anderer muslimischer Gemeinschaften“ Abstand zu nehmen. Die Gesellschaft für bedrohte Völker teilte in Göttingen mit, sie „unterstützt die Kritik Özils am Schweigen der islamischen Staaten zu den schweren Menschenrechtsverletzungen an Uiguren.“

          Was Özil jedoch vorgeworfen wird, ist seine Wortwahl. Özil spricht von „Ostturkestan“; dabei geht es um eine historische Bezeichnung für das heutige Xinjiang, die heute vor allem von politischen Gruppen benutzt werde, die sich für die Unabhängigkeit der Region von China einsetzen. Unter anderem nutzt die extremistische „Islamische Turkestan-Partei“ den Begriff. Sie wird von mehreren Staaten als terroristische Organisation eingestuft, auch von der Europäischen Union, ihre chinesische Unterorganisation ist in China verboten. Inwieweit Özil das bewusst war, als er seinen Tweet veröffentlichte, lässt sich nicht beantworten. Die Botschaft unterlegte er – beziehungsweise sein Social-Media-Team – mit der hellblauen Flagge der uigurischen Unabhängigkeitsbewegung.

          FC Arsenal distanziert sich

          Özils Arbeitgeber, der FC Arsenal, distanzierte sich in Windeseile von der Botschaft des Spielers. Als Organisation sei Arsenal stets unpolitisch, hieß es. Bei Özils Ausführungen gehe es um dessen „persönliche Meinung“. Die Stellungnahme veröffentlichte der Verein auf der chinesischen Plattform „Weibo“, wie der „Guardian“ berichtete. Die Zeitung unterstellte, dass Arsenal vor allem kommerzielle Interessen in China beschützen wolle. Dafür spricht, dass es keine öffentliche Distanzierung gab, als der spanische Arsenal-Spieler Héctor Bellerín am Tag der britischen Unterhauswahlen in der vergangenen Woche einen Tweet veröffentlichte, in dem er den Hashtag „FuckBoris“ verwendete – gemeint war der konservative Premierminister Boris Johnson.

          China ist ein lukrativer Markt für die Klubs der international aggressiv vermarkteten Premier League. Im Sommer 2018 hat Arsenal in Schanghai die erste offizielle Arsenal-Sportsbar der Welt eröffnet. Die Marke soll eine globale Kundschaft erschließen. Von allen Auslandsverträgen für Fernsehübertragungen von Premier-League-Spielen ist der mit dem chinesischen Streaming-Anbieter PPTV der teuerste, mit umgerechnet mehr als 670 Millionen Euro für drei Jahre ab der laufenden Saison.

          Als im Oktober Daryl Morey, General Manager des nordamerikanischen Basketballteams Houston Rockets, in den sozialen Netzen seine Solidarität mit den Anti-China-Demonstranten in Hongkong bekundet hatte, reagierte China so wütend, dass sich chinesische Sponsoren zurückzogen und eine Übertragungssperre für Spiele der Rockets im Raum stand. Die Rockets distanzierten sich von Moreys Aussagen, die Liga NBA nannte sie „bedauerlich“ – und Morey ruderte unter dem Druck schließlich zurück: Er schätze die Unterstützung der chinesischen Fans und Sponsoren und er hoffe, „dass diejenigen, die verärgert sind, wissen, dass es nicht meine Absicht war, sie zu beleidigen oder zu missverstehen“. Kritiker warfen Franchise und Liga vor, sich des Geldes wegen vor Peking zu verbeugen.

          Am Sonntag wurde Özils Tweet noch immer von zehntausenden Nutzern geteilt und kommentiert. Die Übertragung des Spiels vom FC Arsenal gegen Manchester City am Sonntagabend wurde vom staatlichen chinesischen Sender CCTV aus dem Programm genommen. Die Zeitung „Global Times“ bezeichnete Özils Äußerungen zudem als „falsch“ und schrieb bei Twitter, Özil habe „chinesische Fans und die mit Fußball befassten Autoritäten enttäuscht“.

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