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Der Fall Hoeneß : Ulis Schmerzmittel

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Uli Hoeneß. Kommt es zur Verhandlung, droht dem Bayern-Präsidenten eine Gefängnisstrafe. Bild: dpa

In all den Jahren hat Uli Hoeneß auf Schmerzen immer nach einem bestimmten Muster reagiert: Er schlägt zurück - mit Worten und Geld. Doch ohne diese Wut ist kaum zu verstehen, was sich in dieser Woche abgespielt hat.

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          Es liegt eine Woche hinter uns, wie sie der deutsche Fußball noch nicht erlebt hat. Wenn findige Reporter vor acht Tagen die Schlagzeilen vorhergesagt hätten, die in diesen Tagen über den Fußball tatsächlich erschienen sind, man hätte sie augenzwinkernd daran erinnert, dass man vor 30 Jahren auch glaubte, die Hitler-Tagebücher entdeckt zu haben. Aber diesmal stimmte alles, was unglaublich schien. Nichts ist mehr wie vorher. Im deutschen Fußball gibt es nun die Zeit vor der Hoeneß-Affäre und den Halbfinal-Hinspiel-Triumphen gegen Barcelona und Madrid.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Und die Zeit danach. In diesen so aufregenden, fast schon surrealen deutschen Fußballtagen des Aufstiegs und Falls - in denen alles, wirklich alles, mit dem Bayern-Präsidenten zusammenhängt - konnte man im Milliardengeschäft Fußball aber noch etwas anderes entdecken: Nämlich wie symbolisches Kapital vernichtet und gemehrt wurde, was Schmerz und Aggression anrichten - aber auch, wie daraus Triumphe entstehen können.

          Perfekte Verstärkungen geholt

          Eines vorweg: Der FC Bayern ist die leibhaftig gewordene Idee von Hoeneß. Diese Symbiose reicht so weit, dass der Schmerz, den man dem FC Bayern zufügt, auch ein Schmerz ist, den man Hoeneß zufügt. Schmerzen erzeugen Aggression, und auf diesen Bayern-Schmerz reagiert Hoeneß in all den Jahren und Jahrzehnten immer wieder nach einem bestimmten Muster: Er schlägt zurück, mit Worten und mit Geld, immer schmerzhaft.

          Das hat die Bayern dahin gebracht, wo sie sind: nach ganz oben. Sie werden bewundert und beneidet, geliebt und gehasst. Aber ohne diese Schmerzen und die Wut auf diejenigen, die den Bayern diese Schmerzen zufügen, ist kaum zu verstehen, was sich in dieser Woche abgespielt hat.

          Stärken und Schwächen: Die Bayern kaufen Götze und wohl auch Torjäger Lewandowski

          Den letzten großen Schmerz erlebten die Bayern im vergangenen Mai, als sie erst im DFB-Pokalfinale von Dortmund 5:2 gedemütigt wurden. Eine Woche später glitt ihnen auch noch der Pokal in der Champions League aus den Händen. Die Niederlage in Berlin gegen Meister Dortmund, die fünfte nacheinander, erschütterte die Bayern-Profis.

          Sie spürten bei der nationalen Entthronung, dass dieser BVB das gewisse Etwas hat, dass nur wenige Mannschaften besitzen und ein Team befähigt, auch die Champions League zu gewinnen. Dortmund bereitete den Bayern nicht nur Schmerz, Dortmund machte den Bayern auch Angst. „Dieses Spiel ist genauso wichtig wie das Champions-League-Finale“, hatte Hoeneß vor der Partie gesagt. Sieben Tage später verschenkten die Bayern das „Finale dahoam“ gegen Chelsea. Hoeneß konnte die Schmerzen kaum ertragen. Die 2:5-Niederlage im Pokal war der Anfang von allem.

          Hoeneß schaltete auf Angriff, die Bayern schlugen zurück. Auf eine neue, aber auch auf die alte Hoeneß-Art. Trainer Jupp Heynckes veränderte und modernisierte in kürzester Zeit die Spielweise der Bayern. Eine Meisterleistung des Trainers, die in der Bundesliga ihresgleichen sucht. Die Bayern holten punktgenau die Spieler, mit denen sie ihre letzten personellen und spieltaktischen Schwachpunkte behoben: Dante, Martinez, Mandzukic.

          Aggression als Schmerzventil

          Nicht die größten Namen, aber hinter den Verpflichtungen steckte ein Plan: das neue Bayern. Hoeneß bereitete zugleich den großen Angriff auf jenen Gegner vor, der ihm und dem Klub zwei Jahre solche Schmerzen zugefügt hatte, nach altbekanntem Muster: den größten Namen kaufen, der auf dem Markt ist (Pep Guardiola) und den größten Konkurrenten schwächen, am liebsten brechen. Mario Götze und Robert Lewandowski waren dafür die Ziele.

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