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Der „Club“ in Gefahr : Fränkisches Glücksspiel

  • -Aktualisiert am

Mission Klassenverbleib: Interimstrainer Roger Prinzen soll die Nürnberger noch retten. Bild: dpa

Als Verein der Extreme schien der 1. FC Nürnberg seine Mitte gefunden zu haben. Aber es braucht nicht viel, um den „Club“ zu erschüttern. Trainer Verbeek ist weg, aber die Perspektive Abstieg bleibt.

          Es war Ende 2012, als ein erleichterter 1. FC Nürnberg zum Mittagessen lud. Man hatte anstrengende Wochen hinter sich, der Verein schlingerte. So wie es jetzt wieder der Fall ist und in der Konsequenz am Mittwoch zur Entlassung von Trainer Gertjan Verbeek geführt hat. Aber damals hatte der Trainer die Lage in den Griff bekommen. Er hieß Dieter Hecking, war erleichtert und riskierte einen Witz. Man möge warten, bis Sportvorstand Martin Bader gegangen sei, sagte Hecking, dann könne er die Frage beantworten, ob er inzwischen schon von Spitzenklubs gelockt werde. Es war tatsächlich nur ein Spaß. Aber daraus wurde Ernst. Vier Tage später unterschrieb Hecking beim VfL Wolfsburg - erstmals hatte der „Club“, derzeit in großer Abstiegsgefahr, einen Coach nicht wegen anhaltenden Misserfolgs verloren, sondern wegen anhaltenden Erfolgs.

          Hans Meyer: „Ein Denkmal für Hecking“

          Hecking, sagt Hans Meyer, „müsste man ein Denkmal bauen für die drei Jahre, in denen er einen Verein mit beschränkten Möglichkeiten fernab jedweder Abstiegsgefahr weiterentwickelt hat“. Meyer, als Trainer mit Nürnberg DFB-Pokalsieger 2007, wurde schon im Februar 2008 wieder beurlaubt, und am Ende der Saison stieg der 1. FC Nürnberg ab. Zum bisher letzten Mal. Mit Hecking hatte der 1. FC Nürnberg, ein Verein zwischen solchen Extremen, eine Mitte gefunden, aber mit den ersten Erfolgen wuchs auch die Erwartungshaltung wieder. „Die vielen Meisterwimpel“, sagt Meyer, seien auch ein Problem - die Tradition des ewigen Altmeisters aus der Steinzeit des Fußballs, die glorreiche Vergangenheit. Selbst an Hecking hatten Teile der Anhängerschaft einiges auszusetzen, zu langweilig erschien auf einmal die Existenz im grauen Liga-Mittelmaß.

          Nürnbergs Manager Martin Bader weiß, dass irgendwann Schuldige gesucht werden.

          Als Martin Bader vor zehn Jahren antrat, hatte der Verein: fast nichts - vor allem keinerlei Strukturen und hohe Schulden. Den mit dem Abstieg in die Drittklassigkeit 1996 beinahe verbundenen Ruin hatte der Präsident Michael A. Roth mit Mühe abgewendet, fortan ging es „ums Überleben“, wie Roth sagt. Bader fand einen einzigen Nachwuchstrainer vor und finanzielle Verhältnisse, die die Zusammenstellung von Profimannschaften ein wenig zum Lotteriespiel machten. Risiken verringern, das Fundament festigen: So lautete der Auftrag für den Manager Bader, in dessen Amtszeit der Verein ein modernes Nachwuchsleistungszentrum auf- und die Schulden fast komplett abbaute. Unter dem Diktat eines strengen Sparkurses ging man in Nürnberg einen Weg der kleinen Schritte, jedes Jahr in der Bundesliga, so lautete die Hoffnung nach dem Wiederaufstieg 2009, bringe den Verein voran. Es gelang sogar. In Nürnberg entwickelten sich Talente, für die andere Millionen bezahlten: Diekmeier, Gündogan, Wollscheid, Klose. Der Nächste ist Josip Drmic, vor einem Jahr aus Zürich geholt und aktuell drittbester Torschütze der Bundesliga - für solche Spieler wird der „Club“ dann zu klein. Wie für Dieter Hecking. Aber nicht zuletzt dank der Transfererlöse konnte man sich beim Umbau der Profiteams begabtere und interessantere Spieler leisten.

          Aus einem Verein, der für Chaos, Skandale und Beinahepleiten stand, wurde ein als seriös wahrgenommener Klub - der aber, wie alle Vereine der unteren Mittelklasse, aufs Glück angewiesen bleibt. Nach Heckings Abschied setzte man auf Michael Wiesinger, bis dahin Nachwuchstrainer. Einer sehr soliden Rückrunde folgte im Herbst 2013 ein sportliches Tief, das Wiesinger nicht mehr in den Griff bekam. Es kriselte zwischen Trainer und Team, das ist schon vielen passiert, selbst dem FC Bayern. Die Münchner werden dann Dritter oder Vierter, Vereine wie Nürnberg stehen am Abgrund - und geraten manchmal in Panik wie der Hamburger SV, aktuell Nürnbergs Rivale im Kampf um den Relegationsrang. Den HSV drücken riesige Schulden, Nürnberg wahrte einen Kurs der wirtschaftlichen Vernunft, der verbunden blieb mit sportlichen Risiken. Für Wiesinger übernahm der Niederländer Verbeek - und überzeugte mit Ideen, für die ihm die Liga applaudierte. Nürnberg schien sich gefangen zu haben - bis Verbeek zu einem Opfer der Unwägbarkeiten wurde.

          Manager Bader hofft auf „den letzten Impuls“

          „Dummes Pech“, so formulierte es der gerade beurlaubte Verbeek - mit Blick auf einen kuriosen Saisonverlauf. Seit Februar musste er Woche für Woche mindestens sechs, zuletzt bis zu acht Stammkräfte wegen Verletzung ersetzen. So etwas lässt sich schlecht einkalkulieren, verkraften erst recht nicht, Nürnberg verlor von neun Spielen acht. Verbeek machten die wenigsten im „Club“ Vorwürfe, aber der Gedanke, mit ihm notfalls einen Neuaufbau in der zweiten Liga zu wagen, wurde wieder verworfen. Die Bundesliga bleibt der Anspruch, dem der Verein jetzt im fünften Jahr gerecht wird, länger gehörte Nürnberg nur in der Gründerzeit (1963 bis 1969) sowie von 1985 bis 1994 der ersten Klasse an - und fiel danach jeweils ins Bodenlose. Diesmal steht die Existenz des geduldig restaurierten Vereins nicht auf dem Spiel, anders als die Mehrzahl seiner Fußballer ist der Verein gesund - und will sich „mit einem letzten Impuls“, wie Martin Bader sagt, mit den Interimstrainern Roger Prinzen und Marek Mintal noch retten. Irgendwie. Das Glück zwingen, auf den Zufall hoffen. An diesem Samstag geht’s erst mal zum Spiel bei Mainz 05.

          Typische Handbewegung: „Club“-Verteidiger Pinola und Teamkollegen droht der Abstieg in die zweite Liga.

          Am Ausgang der Mission, sagt Bader, werde er gemessen - nicht an zehn Jahren überwiegend sehr erfolgreicher Arbeit. Er weiß, dass irgendwann Schuldige gesucht werden, auch wenn es keine gibt. Für ein paar Wochen ist Fußball jetzt ein Glücksspiel. „Du kannst noch so hart arbeiten, ein Pfostenschuss kann alles auf den Kopf stellen und dich Millionen kosten“, sagte Michael A. Roth einmal über seine Erfahrungen - in dieser Saison waren es für den „Club“ schon 25 Pfosten- und Lattenschüsse.

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