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1. FC Nürnberg : Der „Club“ der zwei Mannschaften

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Freude beim „Club“: Tim Leibold (l.) will auch im Pokal mit seinem Kollegen Kevin Möhwald jubeln Bild: dpa

Der 1. FC Nürnberg ist wieder erstarkt nach schwachem Saisonstart: Nun steht der „Club“ so gut da wie nie seit dem Bundesligaabstieg im Jahr 2014. Gegen Hertha BSC Berlin haben die Franken im DFB-Pokal die Chance, die Hinserie mit dem Viertelfinaleinzug zu krönen.

          Die Auslosung des DFB-Pokal-Achtelfinales Anfang November, sagt René Weiler, habe ihm keinen größeren Schrecken eingejagt. Damals war auch für den Trainer des 1. FC Nürnberg nicht absehbar, wohin der Weg von Hertha BSC führen könnte. Jetzt sind die Berliner Dritter, in der Fußball-Bundesliga „eine richtig gute, starke, imponierende Mannschaft“, findet Weiler, trete da am Mittwoch (19 Uhr/ live in Sky und FAZ.NET-Pokal-Liveticker) in Nürnberg an.

          Über seine Mannschaft könnte er allerdings so ähnlich sagen. Im selben Zeitraum machte der „Club“ eine Etage tiefer eine vergleichbare Entwicklung durch. Seit neun Spielen sind die Franken unbesiegt, in der zweiten Liga gelangen jetzt vier Siege nacheinander - der bisher letzte am Sonntag beim 2:1 über den als Spitzenreiter angereisten SC Freiburg, Nürnberg kletterte damit auf Rang drei. Erstmals seit dem Bundesliga-Abstieg 2014 erlebte man einen Hauch von Glückseligkeit im Frankenstadion.

          Neuanfang nach Bader

          Man könne, sagte Weiler hinterher, beide Mannschaften nicht vergleichen. Er meinte nicht Freiburg und Nürnberg, sondern den „Club“ vom Juli und den vom Dezember 2015. Im Juli, zum Auftakt der Saison, war Nürnberg in Freiburg mit 3:6 untergegangen. Einen Tag später kündigte Sportvorstand Martin Bader seine Demission an, mit Bader, der fast elf Jahre im Amt war, musste dann auch Fußball-Abteilungsleiter Wolfgang Wolf gehen. Ralf Woy, der langjährige Finanzvorstand, war schon zuvor beurlaubt worden.

          Baders unglückliches Krisenmanagement hatte den Verein im Jahr nach dem Abstieg gespalten, am Ende hatte die Personalie lähmende Wirkung auf den gesamten Betrieb. Der „Club“ sortierte sich in Bader-Anhänger und Bader-Gegner, Wolfs Versuch, die Debatte zu moderieren, scheiterte an den zunehmend verhärteten Fronten; in Sachfragen, sagt Thomas Grethlein, der Vorsitzende des Aufsichtsrates, kam man nicht mehr voran.

          Endlich wieder Kontinuität

          Die Trennung fiel nicht leicht, Baders Verdienste sind unstrittig - aber das Beben nach dem 3:6 in Freiburg machte den Weg für einen Neuanfang frei. „Man musste diesen Verein in ein ruhigeres Fahrwasser bringen“, sagt Andreas Bornemann, Baders Nachfolger, dem es - gemeinsam mit dem neuen Finanzchef Michael Meeske - in erstaunlich kurzer Zeit gelungen ist, ein Klima des Vertrauens zu schaffen. Davon profitiert in erster Linie René Weiler, dessen Verhältnis zu Bader mit „zerrüttet“ noch vornehm umschrieben wäre - beide hatten sich zuletzt nichts mehr zu sagen; sprachen sie übereinander, klang es unversöhnlich und skizzierte das Bild eines Vereins ohne Orientierung und Profil.

          Endlich wieder Kontinuität entwickeln: Darin sieht das neue Führungsduo seinen Auftrag und sprach Weiler dezidiert das Vertrauen aus. Der 42 Jahre alte Schweizer, seit gut einem Jahr im Amt, fühlt sich erst seither richtig wohl im „Club“, man sieht es auf dem Fußballplatz. Nach zwei turbulenten Transfer-Sommern mit rasanten Personalrochaden wächst im neuen Klima eine Mannschaft, die seit Wochen mit Lernbereitschaft und Disziplin imponiert. Die auffälligsten Individualisten sind der hochbegabte Techniker Alessandro Schöpf und sein stürmender österreichischer Landsmann Guido Burgstaller, dessen nimmermüde Leidenschaft ihn zum Publikumsliebling macht - auch diese Rolle war lange unbesetzt nach der für den Anhang empörenden Ausmusterung des Argentiniers Javier Pinola.

          Erfolgstrainer: Rene Weiler bringt Nürnberg voran

          Pinola gehörte zu den Pokalsiegern von 2007, jener Mannschaft, die dem ewigen Altmeister die schönsten Momente seiner Neuzeit schenkte. Ihr Kapitän war Raphael Schäfer, der gerade auf seinen Stammplatz im Tor zurückgekehrt ist, nachdem - wie im Vorjahr Patrick Rakovsky - diesmal Torsten Kirschbaum mit der Nachfolge überfordert war. Mit Bader hatte sich auch Schäfer überworfen, heute ist der fast 37 Jahre alte Routinier wieder der Rückhalt einer Mannschaft, in der er sich ausgesprochen wohl fühlt. „Unsere Jungen brauchen Vertrauen, man sieht, was sie Woche für Woche dazulernen“, sagt er, und dass dem kleinen Hoch zum Jahresschluss ein besonderes Pokalspiel folgt, findet Schäfer ganz passend: „Es kann sich ja jeder bestens daran erinnern, was wir 2007 erleben durften.“

          Am Mittwoch, vor dem Spiel gegen Hertha, wird auch Javier Pinola zurück sein, als Gast: Ein Zuschauerblock des Stadions wird nach ihm benannt, einem „Gesicht dieses Vereins“, wie Bornemann sagt. Der Herzens-Nürnberger Pinola freut sich erklärtermaßen darauf, die zu sehen, die die neuen Gesichter werden sollen. Welche Bedeutung gerade der Pokalwettbewerb in Nürnberg dafür habe, wisse er, sagt Weiler, der sein Team als ambitionierten Außenseiter sieht: „Jetzt freuen wir uns darauf.“ Freude auf den „Club“ - auch das hat man lange nicht mehr erlebt.

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