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F.A.Z. Woche : Der Aufstand der Fußballfans

  • -Aktualisiert am

Über Tore wird noch gejubelt – doch sonst sind die Fans in England mit den Zuständen im Fußball sehr unzufrieden Bild: Picture-Alliance

In Deutschland wird darüber diskutiert, ob künftig Investoren Fußballklubs übernehmen dürfen. In England kann man besichtigen, welche Folgen das hat.

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          Im Rückblick gab es schon früh Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmte. Doch als Francesco Becchetti, schwerreicher Unternehmer und Besitzer des Londoner Fußballklubs Leyton Orient, den Trainer in den Hintern trat, obwohl die Mannschaft gerade mit 3:2 gewonnen hatte, da dachten sich die Fans noch nichts dabei. Auch als die albanische Regierung wegen angeblichen Betrugs und Geldwäsche Becchettis seine Auslieferung forderte, wurde niemand im Umfeld des Klubs misstrauisch. Der Mann sei halt ein exzentrischer Filou. Kein Grund zur Sorge, redeten sie sich ein. Heute sieht das anders aus.

          Die Fans des Viertligisten gehen gegen Becchetti auf die Barrikaden. Im November versammelten sie sich zu einem Protestmarsch, dabei riefen sie „we want our club back!“ – wir wollen unseren Verein zurück! Denn seitdem der Geschäftsmann den Verein im Juli 2014 übernommen hat, geht es mit Leyton Orient bergab. Im Mai jenes Jahres war die Mannschaft noch knapp am Aufstieg in die zweite Liga gescheitert. Heute, etwas weniger als drei Jahre und einen Abstieg später, droht der Sturz in die fünfte Liga, Amateurfußball. Schlimmer noch: Der Klub könnte sogar ganz ausgelöscht werden – nach 136 Jahren.

          Leyton Orient ist kein Einzelfall

          Wie konnte es so weit kommen? Becchetti verheizte innerhalb weniger Jahre sieben Trainer und krempelte die Mannschaft grundlegend um: Keiner der Spieler, die 2014 auf dem Rasen des Wembley-Stadions standen, als Leyton den Aufstieg um ein Haar verpasste, spielt heute noch für Orient. Stattdessen wurden neue Spieler verpflichtet, die zum Teil ein Vielfaches ihrer Vorgänger verdienten, ohne bessere Leistung zu zeigen. Abseits des Rasens vollzog der Italiener einen vergleichbaren Austausch. Den langjährige Geschäftsführer ersetzte Becchetti durch einen Geschäftspartner.

          Auf diese Weise wurde an der Brisbane Road viel Geld verbrannt, Schulden in Millionenhöhe häuften sich an – und Steuerzahlungen blieben offenbar aus. Zuletzt wurde bekannt, dass die britische Steuerbehörde einen Liquidationsantrag gegen den Klub gestellt hat, dabei geht es angeblich um bis zu 250.000 Pfund.

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          Leyton Orient ist kein Einzelfall. Auch bei anderen englischen Klubs, zumeist abseits des Milliarden-Geschäfts der Premier League, revoltieren Fans gegen obskure Besitzer: Charlton, Coventry, Blackpool, Nottingham Forest, um nur einige zu nennen. Der Hintergrund: Anders als in Deutschland sind britische Fußballklubs in der Regel keine Mitgliedervereine, ein Mitspracherecht im klassischen Sinne gibt es nicht. Deshalb haben sich die sogenannten Supporters’ Trusts als Mittel etabliert, sich auf Umwegen in die Geschicke der Klubs einzumischen. Unter anderem, indem diese Gruppen Anteile an den jeweiligen Vereinen kaufen.

          Das ist wichtig, denn auch hierzulande stellt sich die Frage, ob sich die Fans bald an ein solches Modell gewöhnen müssen. In Deutschland verhindert die „50+1-Regel“ zwar, dass Kapitalanleger die Mehrheit an den Gesellschaften erwerben können, in die Fußballvereine ihre Profimannschaften ausgliedern. 50 Prozent zuzüglich einer Stimme müssen immer beim Stammverein liegen. Aber die Regel bröckelt, einige einflussreiche Manager würden sie lieber heute als morgen abschaffen.

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