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DDR-Pokalfinale 1990 : Alles war wichtiger als Fußball

Was machte Reiner Calmund auf der Tribüne? Er beobachtete mögliche Einkäufe, wie hier Matthias Sammer, den er aber nicht bekam. Bild: WITTERS

Reiner Calmund auf der Tribüne, Matthias Sammer auf dem Rasen und die Wende unterm Brennglas: Das DDR-Pokalfinale vor 30 Jahren bietet geschichtsträchtigen Stoff. Vor allem neben dem Platz.

  • -Aktualisiert am
          7 Min.

          Dass sich da draußen gerade die Welt veränderte, wollte Manfred Radtke erst spät wahrhaben. „Uns ging es doch gut.“ Er war Trainer bei Dynamo Schwerin, dem Verein der Volkspolizei und des Ministeriums für Staatssicherheit. Einmal fuhr er zu einer Demo, hielt sich am Rande auf, reine Neugierde. „Ein paar Leute erkannten mich, riefen: ,Manner, geh‘ zum Training!’“ Es war Herbst ‘89 und das Viertelfinale gegen Magdeburg stand an. Radtke, damals 35, hatte seine Mannschaft wieder und wieder beschworen: „Wir kommen ins Finale!“ Mit ihm, dem Ur-Dynamo. Als Junge hatte er hier begonnen, als seine Mutter schwer krank war und sein Vater im Gefängnis saß. Der Verein habe ihm Halt gegeben, so Radtke – und seinen Weg vorgezeichnet. „Ich war ein Systemkind.“ Jetzt wollte er etwas zurückgeben. „Ich wollte diesen Pott!“ Er wollte den Verein retten. Wochenlang konnte er kaum schlafen, nahm Faustan zur Beruhigung, blieb trotzdem wach. Er grübelte über Taktik und Aufstellungen, legte sich Horoskope zurecht, berechnete den Biorhythmus seiner Spieler. „Man kann sich nicht vorstellen, wie besessen ich war.“ Und tatsächlich: Am 2. Juni 1990 stand Schwerin im FDGB-Pokalfinale der DDR. Zum ersten Mal überhaupt. Ein Zweitligaklub, der gerade so dem Abstieg entkommen war, gegen den achtmaligen Meister und sechsmaligen Pokalsieger Dynamo Dresden. Ein Endspiel zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung.

          Manfred Radtke

          „Ich war überrascht, wie leer es war“, erinnert sich Reiner Calmund. „Nicht mal 6000 Zuschauer.“ Der Manager war eigens zum Pokalfinale in den Jahn-Sportpark nach Berlin gefahren, um beim letzten Spiel von Ulf Kirsten dabei zu sein. Der Stürmer wechselte danach zu Bayer Leverkusen. „Juni 1990, da war die Hölle los in diesem Land, das noch ein Land war, aber eigentlich auch nicht“, sagt ZDF-Moderator Thomas Skulski. Er berichtete damals als Reporter, es war sein erstes Finale. Die DDR wurde gerade abgewickelt, die Wirtschaft lag am Boden, die D-Mark sollte erst noch kommen. Es gab die erste freie Volkskammerwahl und zur deutschen Einheit wurde bereits verhandelt. Alles war wichtiger als Fußball. „Nur deshalb konnte sich Schwerin überhaupt qualifizieren. So eine Chance erhält man vielleicht einmal im Leben.“

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