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David Beckham : Der Urlauber hat Lust auf mehr

  • -Aktualisiert am

Mailand, ein Wintermärchen: David Beckham darf wieder jubeln Bild: REUTERS

Eigentlich sollte David Beckham nur die Wintermonate in Mailand überbrücken. L.A. Galaxy wollte ihn im März wieder in den Vereinigten Staaten einsetzen. Weil der Weltstar plötzlich groß aufspielt, will ihn der AC Mailand längerfristig binden: Für Beckham auch eine Chance, an der WM 2010 teilzunehmen.

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          Wozu ein langer Winterurlaub doch manchmal gut ist: David Beckham reiste im Dezember für drei Monate von seinem Arbeitsplatz Los Angeles nach Mailand. Um sich körperlich fit zu halten. Um mal wieder europäische Luft zu schnuppern. Um ein bisschen guten Fußball zu spielen. Und - Überraschung! - um seiner Karriere noch einmal eine neue Richtung zu geben.

          Dass Beckham beim AC Mailand bleiben möchte, ist seit längerem kein Geheimnis. Der Spieler, der einst bei Manchester United zum Weltstar reifte und einstweilen - sportlich, nicht finanziell - auf dem kalifornischen Abstellgleis geendet war, meldet sich unter den Großen seiner Zunft zurück. „Es ist zu schön, mit Kaká, Ronaldinho oder Pato zu spielen“, schwärmte Beckham.

          Lachen in der Finanzabteilung

          Allein sein Bleiben beim vielfachen europäischen Champion hängt nicht am Spieler selbst und auch nicht an der Begeisterung seiner Urlaubs-Gastgeber wie Trainer Carlo Ancelotti, der sagt: „Er ist unsere ideale Verstärkung für das Titelrennen.“ Für einen nüchternen Fachmann wie Ancelotti, unter dessen Fittichen selbst Junggenies wie Gourcuff oder Weltmeister wie Emerson eiskalt aussortiert werden, bedeutet das eine Jubelarie. Im fernen Kalifornien wird man Beckhams Heimweh nach Europa mit einem lachenden und einem weinenden Auge verfolgt haben.

          David Beckham reiste nach Mailand, um sich körperlich fit zu halten

          Weinend, weil Los Angeles Galaxy und Trainer Bruce Arena damit nach einem von Verletzungen überschatteten Gastspiel das sportliche Zugpferd einbüßen würden. Lachen wird man dagegen in der Finanzabteilung, die für den amerikanischen Finanzmogul Philip Anschutz in Zeiten der Krise gerne eine Handvoll Dollar einspielen würde. „Fußball ist ein Geschäft, und so werden wir auch diese Sache unter geschäftlichen Aspekten im Interesse des Vereins behandeln und entscheiden“, sagt Galaxy-Trainer Bruce Arena.

          Mitläufer am rechten Rand

          Im November kann Beckham Galaxy ohne Ablöse verlassen, nun sollen die Mailänder einige Millionen Euro für Beckhams Verbleib in Italien bieten. Es sieht also alles nach einer glücklichen Dreier-Regelung aus: Geld für Galaxy, sportlicher Gewinn für Milan. Und für Beckham? Er müsste in Mailand auf die Hälfte seiner acht Millionen Euro kalifornischen Jahresgehalts verzichten, hätte aber nur in Europa eine reelle Chance auf ein Ticket für die Weltmeisterschaft in Südafrika 2010. Eine solide Mailänder Lösung würde wohl auch Uefa-Präsident Michel Platini gefallen, der Beckhams Kurzvertrag offen kritisierte: „Da könnte man sich ja auch Spieler nur für ein Finale engagieren.“

          Der Teammanager der englischen Nationalmannschaft, Fabio Capello, hat sich Beckhams durchaus ansehnliche Leistungen in Mailand bereits angesehen und seine taktischen Fertigkeiten gelobt, während die Athletik naturgemäß nachgelassen hat. Bei den ersten Auftritten zur Weihnachtszeit wirkte Beckham zwischen ausgefuchsten Dominatoren wie Seedorf, Gattuso oder Pirlo noch wie ein Mitläufer am rechten Rand. Doch Sir Alex Fergusons hohe Schule, ein Spiel zu lesen und die eigenen Fähigkeiten zu optimieren, hat Beckham nie vergessen. In den vergangenen drei Spielen schoss er zwei Tore - davon einen sehenswerten Freistoßtreffer gegen Genua - und gab mit bewährt starker Schusstechnik drei Vorlagen. Leistungen wie diese eröffnen Beckham nun die Chance, am Mittwoch im Spiel der englischen Nationalmannschaft gegen Spanien sein 108. Länderspiel zu bestreiten und damit zur 66er-Legende Bobby Moore aufzuschließen. Nur der ehemalige Nationaltorhüter Peter Shilton spielte noch 17 mal häufiger für die FA-Auswahl.

          Fleißig, mannschaftsdienlich und lernbereit

          Seither ist die Kritik am vermeintlichen kalifornischen Fußballrentner auch in Italiens Sportpresse verstummt: Wer sich bei Milan so schnell durchsetzt, muss wohl ein Könner sein. Außerdem ist kein anderer Verein so ideal für einen alternden Spieler wie der AC Mailand, wo man im legendären Medizinlabor die Rente von Fußballsenioren wie Maldini, Ambrosini, Inzaghi und Seedorf Jahr um Jahr auf höchstem Niveau hinauszögert. Auf dem Feld wirkt Beckham weiter fleißig, mannschaftsdienlich und lernbereit. Vor den Mikrofonen antwortet er artig und leise mit der hohen Stimme eines soeben entdeckten Jugendspielers. Beckham will wohl doch nicht als bestbezahltes Unterwäschemodell der Welt in die Geschichtsbücher eingehen, sondern als großer Sportler.

          Ronaldinho, der in der Defensivarbeit bei weitem nicht an Beckhams Bissigkeit herankommt, sitzt seit mehreren Spielen nur auf der Bank; die Mailänder Freistöße schießt immer öfter Beckham und nicht der Platzhirsch Pirlo. Vielleicht kann Milan, das diese Saison nur im Uefa-Pokal spielt, durch den britischen Rückenwind tatsächlich die sechs Punkte Rückstand im Titelrennen auf den Lokalrivalen Inter Mailand wettmachen, zumal dessen Mäzen Moratti soeben der Champions League die höchste Priorität einräumte.

          Victoria Beckham eher kleinlaut

          Und der Glamour? Das Mailänder Nachtleben? Die Spice-Girl-Fraktion? Um seine schmale Gemahlin Victoria ist es ausgerechnet in der Modemetropole auffallend still geblieben. Beckham tauchte nur kurz mit Leibwächtern in einer Nobeldiskothek auf, absolvierte mit der gewohnten Coolness eine Modenschau, wie er dies ohnehin beim Mailänder Modezar Armani gelernt hat. Doch sonst tat der weiser gewordene Athlet gut daran, sich die Gunst seines möglichen Arbeitgebers nicht durch auszehrendes Nachtleben zu verscherzen.

          Victoria Beckham meldete sich eher kleinlaut zu Wort: Mailand sei zwar schön, aber die drei Söhne hätten sich doch gerade erst in Los Angeles eingewöhnt. Das klang fast so, als habe man die Prominenz der Lady im weltgewandten und gerne etwas aristokratischen Mailand nicht gebührend zu würdigen gewusst. Doch es sieht tatsächlich danach aus, als sollte diesmal nicht die verwöhnte Gattin, sondern Beckham selbst über seinen Berufsweg entscheiden und im Flutlicht glänzen. Für den Fußball ist dieser überraschende Ausgang eines Winterurlaubs keine schlechte Nachricht.

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