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Das italienische Team : Die Spieler sind schöner als ihr Spiel

Charisma und Erfahruing: Fabio Cannavaro Bild: REUTERS

Der Titelverteidiger greift ins WM-Geschehen ein: Italien startet um 20.30 Uhr gegen Paraguay ins Turnier. Trainer Lippi baut auf Charisma und Erfahrung. Eine schöne Umschreibung dafür, dass die Squadra Azzurra zu alt ist.

          Fabio Cannavaro hat die Rente durch. Nach der WM wird er seine Karriere in der italienischen Nationalelf beenden und aus Turin nach Dubai wechseln, wo er für den Klub Al Ahli noch ein paar angenehme, gut bezahlte Ehrenrunden drehen darf. „Das ist ein anderes Leben, ein anderer Fußball“, sagte Cannavaro im Trainingslager vor der WM und lächelte sein schönstes neapolitanisches Lächeln. „Aber auch dort ist Wasser, und es ist warm.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Am Golf leistet man sich aus Prestigegründen gern einen früheren „Weltfußballer“ und Kapitän eines Weltmeisters, egal wie die Form noch sein mag mit bald 37 Jahren. Aber dass er bei der Weltmeisterschaft, seiner vierten, noch einmal den Titelverteidiger anführen und die italienische Abwehr zusammenhalten soll, hat viele überrascht. Auch Andreas Brehme: „Ich kenne Cannavaro und ich schätze ihn - aber seine Zeit ist vorbei. Da muss man auch mal als Spieler selbst sagen: Jetzt lass ich Jüngere ran“, sagte der frühere Italien-Profi und Weltmeister von 1990 dem „Münchner Merkur“. Überhaupt findet Brehme, dass Italien „der schlechteste Weltmeister aller Zeiten gewesen ist. Die haben 2006 mit nur einem einzigen guten Spiel den Titel geholt.“

          „Dieses Italien war einfach zu hässlich, um wahr zu sein“

          Selbst in Italien fürchten viele, es könne der Lack ab sein beim Titelverteidiger und seinen großen Stützen vom Berliner WM-Finale wie Torwart Buffon oder Abwehrchef Cannavaro. Dass die „Berliner Mauer zerbröselt“, titelte die „Gazzetta dello Sport“ nach der 1:2-Niederlage in der WM-Vorbereitung gegen Mexiko und fand: „Dieses Italien war einfach zu hässlich, um wahr zu sein.“ Dabei könnten Buffon und Cannavaro vom Aussehen her ihr Geld immer noch auch als Latin Lover verdienen.

          Könnte sein Geld immer noch auch als Latin Lover verdienen: Gianluigi Buffon

          Aber das Spiel ist nicht mehr so schön, wie die, die es spielen. Das Team gilt mit einem Durchschnittsalter von fast 29 als überaltert. Es fehlen Offensivkräfte mit spielerischem Überraschungsmoment wie Totti, del Piero oder Cassano, alle nicht mehr dabei. Dazu fällt Spielmacher Andrea Pirlo für die ganze Vorrunde aus. Am meisten Sorgen aber macht vielen Tifosi, dass ausgerechnet die Defensive, das Fundament aller italienischen Erfolge, rund um Cannavaro zuletzt große Schwächen zeigte.

          „Es gibt keine Superstars mehr in Italien“

          Aber der Süditaliener mit den strahlenden Augen und dem entwaffnenden Lachen ist einfach ein Glückskind. 2006 war er nach eigenem Erleben der Einzige im Team, der am Abend vor dem Finale gegen Frankreich einschlief wie ein Baby, von Nervosität keine Spur. Am nächsten Abend durfte er den WM-Pokal mit ins Bett nehmen.

          Er wurde dann sogar „Weltfußballer des Jahres“, was sonst (ungerechterweise) nie ein Verteidiger wird. Aber weil Italien Weltmeister geworden war und weil Zidane wegen seines Kopfstoßes gegen Materazzi als Kandidat ausfiel, musste es ein Italiener werden. So bekam Cannavaro diese Auszeichnung, eine Chance, die ebenso gute oder gar bessere italienische Verteidiger wie Facchetti, Bergomi, Baresi oder Maldini nie erhalten hatten.

          Torres gab dem alternden Innenverteidiger den Rentenbescheid

          Zur Belohnung gab es einen lukrativen neuen Job bei Real Madrid, wo man namhafte Fußballer sammelt. Das brachte ihm, nach 14 Jahren in Italien, wo er in Neapel, Parma, bei Inter und Juventus nie Meister geworden war (denn 2005 und 2006 wurde Juventus wegen Manipulationen disqualifiziert), endlich einmal einen Meistertitel, in Spanien.

          Aber international wurden Real und Cannavaro gedemütigt, vor allem beim 0:4 in Liverpool im Frühjahr 2009, als ihn Fernando Torres in einer Weise vorführte, dass es für einen alternden Innenverteidiger so etwas wie ein Rentenbescheid war. Zuletzt hat er eine schlimme Saison in Turin erlebt, und nun wollte Juventus ihn nicht mehr. Aber Marcello Lippi braucht ihn immer noch, auch weil der bessere und jüngere Alessandro Nesta nach vielen Verletzungen auf die WM verzichtete.

          Mit dem Alter kommen Charisma und Erfahrung

          „Wir haben alte Spieler“, räumt Lippi ein, „aber mit dem Alter kommen Charisma und Erfahrung.“ Wie der Trainer der anderen stets vor einer WM spielerisch unterschätzten und dann meistens sehr schlagkräftigen Nation hat Lippi in seiner Liga ein Klubteam, das das Finale der Champions League erreichte. Aber anders als Joachim Löw mit den Bayern kann Lippi mit Inter Mailand keine Blockbildung betreiben, denn keiner aus dem Siegerteam der Champions League war Italiener. So werden im ersten WM-Spiel gegen Paraguay an diesem Montag womöglich acht Spieler von Juventus und AC Mailand antreten, zwei Traditionsklubs mit einer sehr dürftigen Saison. „Es gibt keine Superstars mehr in Italien“, stellt Lippi fest.

          „Wir haben halt keinen Messi, Rooney oder Ronaldo“, sagt Cannavaro. Dafür haben sie ihn. „Wir werden nie so offensiv spielen wie Brasilien, Portugal oder Spanien, aber dafür werden die nie so verteidigen wie wir.“ Er glaubt einfach an die Titelverteidigung: „Ich bin sehr zuversichtlich, aber ich weiß nicht, warum.“ Favoriten sollten ruhig die anderen sein, findet der Rekordnationalspieler, der mit dem ersten WM-Einsatz sein 132. Länderspiel bestreiten wird. Und er spricht für alle, nicht nur im Fußball, die sich nicht so einfach aufs Altenteil schieben lassen: „Es ist nicht unser Fehler, wenn die nächste Generation sich nicht verbessert.“

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