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Kommentar zum Spielabbruch : Das Feuerzeug von Osnabrück

  • -Aktualisiert am

Eine Million Elektroautos sollen bis 2020 auf Deutschlands Straßen unterwegs sein. Bislang sind es viel weniger. Bild: dpa

Hauptdarsteller müssen unantastbar sein. Und ihre Bühne muss unsichtbar geschützt sein – vom Respekt vor der Leistung. Fußballfans ignorieren diese Regel wie beim Spielabbruch in Osnabrück.

          Mancher Rasen soll heilig sein. Nicht nur der von Wimbledon. Selbst angebliche Fußballgötter bekommen glänzende Augen, wenn vom Bernabéu-Stadion, von Wembley oder dem Maracanã die Rede ist. Von Spielstätten mit weltweitem Ruhm wie in der Opernszene die Mailänder Scala oder die Metropolitan Opera in New York. Man soll dort angeblich besser spielen oder singen, beflügelt von der Aura.

          An solchen Orten haben sich Dramen abgespielt, die über Jahrzehnte wirken. Großartige Schauspiele, große Momente, traurige wie glückliche. Diese Theater sind gefüllt mit Geschichten von dem, was Menschen alles möglich ist, obwohl es unerreichbar scheint. Sie inspirieren. Manche Kinder erkennen beim ersten Besuch ihre Träume und stehen nach Jahren harter Arbeit dann mittendrin, nicht mehr am Rand. Sie haben sich das Vorspiel auf diesen Bühnen mit Talent und Verzicht verdient, wie ein Athlet das olympische Finale.

          Fußballfans verstehen sich als Teil der Aufführung

          Das ist der Unterschied zu all denen, die zum Auftritt pilgern, die sich auf die Vorstellung freuen, weil sie hoffen, etwas Besonderes zu erleben. Nicht unbedingt von besseren Menschen, aber von besonders guten in deren Fach. Von Spielern, die wie Sänger, wie Künstler etwas viel besser können als ihr Publikum. Deshalb gehen wir hin. Und deshalb halten wir Distanz zur Bühne, zum Spielfeld. In der Oper kommen Fans selten auf die Idee, die Bühne zu stürmen.

          Im Fußball scheinen sie sich aber mehr und mehr als Teil der Aufführung zu betrachten. Indem sie über die von ihren Teams gewünschte, ja geforderte Stimmungsmache hinaus die nötige Distanz überwinden. Selbstdarsteller, die es nicht geschafft haben, sich für die Elite des Fußballs zu qualifizieren, aber glauben, unbedingt einmal den Olymp betreten zu müssen.

          Und, noch schlimmer, die Bierbecher-, Golfball-, Trommelstock- und Feuerzeugwerfer. Sie greifen Hauptdarsteller an, sie greifen ein ins Spiel, und sie vergreifen sich dabei an dem, was ihnen angeblich so heilig ist. Vermutlich spielt im Fall von RB Leipzig auch die Stimmungsmache unter Mitspielern im Profigeschäft gegen den Verein eine Rolle. Der zwischen den Zeilen immer wieder formulierte Vorwurf, dieser Verein verdiene wegen seiner Turbo-Finanzierung durch den Milliardär Mateschitz nicht die Ehre, mitzumischen, aufzusteigen.

          Spieler, Trainer und Schiedsrichter können ihre Qualifikation verspielen mit unwürdigen Auftritten. Rote Karten, Entlassungen, Nichtnominierungen und Abstiegsregeln zeugen von einem ständigen Kampf um das Auftritts- und Bleiberecht in allen Ligen. Die Macht der Zuschauer, auf das Spiel einzuwirken, ist ausreichend. Sie können wegbleiben, wenn ihnen das Niveau nicht mehr reicht, sie können pfeifen oder schweigen. Das wirkt mehr als eine überragende Kritik. Darüber hinaus aber müssen die Hauptdarsteller unantastbar sein. Und ihre Bühne ein besonderer Platz, nur für Könner, unsichtbar geschützt – vom Respekt vor der Leistung. Wer dagegen verstößt, zerstört das Besondere. Sein Heiligtum.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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