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Das Ende der Super League : Aus Protest wird Party auf Englands Straßen gemacht

  • -Aktualisiert am

Erst wütend, dann jubelnd: Fans des FC Chelsea auf den Straßen Londons Bild: dpa

„We Saved Football“, singen Fußball-Fans in England nach dem schnellen Ende für die Super League. Doch vermutlich wissen die meisten, dass es dafür schon zu spät ist.

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          In den Straßen rund um das Stadion Stamford Bridge im Westen Londons verwandelte sich die Wut der Fans des FC Chelsea schlagartig in kollektive Erleichterung. Sie hatten sich am Dienstagabend dort versammelt, um gegen die Gründung der sogenannten European Super League zu protestieren, zu der auch ihr Klub gehören wollte. Und noch während sie dort standen, Sprechchöre schmetterten und Plakate und Spruchbänder hochhielten, erreichte sie auf ihren Smartphones die Nachricht, dass Chelsea einen Rückzieher machen wollte. Plötzlich lagen sie sich in den Armen wie beim Torjubel, aus Protest wurde Party. Zur selben Melodie, zu der sie „Fuck Super League“ skandiert hatten, sangen sie nun „We Saved Football“ – wir haben den Fußball gerettet.

          Szenen wie diese spielten sich auch bei den anderen Big-Six-Klubs der Premier League ab, seit am Sonntagabend bekanntgeworden war, dass sie zu den Gründungsmitgliedern der Super League gehörten. Doch zwischen der vollmundigen Ankündigung des neuen Wettbewerbs und seinem Kollaps lagen gerade einmal 48 Stunden. Viele Spieler und Trainer hatten in der Zwischenzeit klargestellt, dass sie nichts mit den Plänen zu tun hatten. Es waren die Besitzer der Vereine, die Milliardäre, Oligarchen und Scheichs, die hinter der Sache steckten.

          Einige sahen sich angesichts des heftigen Widerstands nun zu Entschuldigungen gezwungen. John W. Henry, Haupteigentümer des FC Liverpool, schicke eine Videobotschaft aus den Vereinigten Staaten: „Wir haben euch gehört. Ich habe euch gehört“, sagte er mit leiser Stimme und nahm explizit Trainer Jürgen Klopp in Schutz: „Es tut mir leid, ich allein bin verantwortlich.“ Auch der Vorstand des FC Arsenal veröffentlichte ein kleinlautes Statement: „Wir haben einen Fehler gemacht, und dafür wollen wir uns entschuldigen.“

          Überall in England gab es Proteste gegen die Super League.
          Überall in England gab es Proteste gegen die Super League. : Bild: AFP

          Ja, dies ist ein Sieg der Fans. Weil ihre Klubs keine Mitgliedervereine sind, haben sie formal kein Mitspracherecht; sie können sich höchstens in Supporters’ Trusts engagieren, die vielerorts kleine Anteile an den Klubs halten. Aber sie haben sich auf ihre Weise Gehör verschafft, und das so klar und deutlich, dass die Super League ein für seine Macher peinlicher Rohrkrepierer geworden ist.

          Aber die Angelegenheit zeigt auch, wie weit sich die Vereine, die in den vergangenen Jahren zu globalen Marken aufgepumpt worden sind, von ihrer Basis entfernt haben. Henry, die Glazer-Brüder bei Manchester United und all die anderen hätten wissen, zumindest aber ahnen müssen, dass das unfaire, unsportliche und langfristig wohl auch unattraktive Konzept der Super League bei den Fans in England nicht gut ankommen würde. Dass die heftigen Proteste sie offenbar kalt erwischt haben, lässt tief blicken.

          Die Spirale lässt sich nicht zurückdrehen

          Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Fans haben es so weit kommen lassen. Simon Hattenstone ist Autor und Fan von Manchester City. In einem Beitrag für den „Guardian“ schrieb er nun über die Übernahme seines Vereins im Jahr 2008 durch die Abu Dhabi United Group, deren Eigentümer Scheich Mansour ist. Die schlechte Menschenrechtslage in den Vereinigten Arabischen Emiraten hätte die Fans schon damals abschrecken müssen: „Aber hat es gereicht, um mich gegen meinen Klub aufzubringen? Keine Chance.“

          Denn mit den Milliarden kam der Erfolg. Doch die Einführung der Premier League in den neunziger Jahren – damals selbst eine Art Breakaway-Liga –, die Öffnung der Klubs für Investoren, die exzessive Vermarktung der Fernsehrechte hatten ihren Preis, und der werde immer mehr sichtbar, schrieb Hattenstone: „Früher haben wir unsere Klubs zu dem gemacht, was sie waren. Wir haben die Gehälter der Spieler bezahlt. Heute sind wir eine Belanglosigkeit und ein Ärgernis.“

          Diese Spirale dürfte sich auch jetzt nicht zurückdrehen lassen, da Englands Fußballfans einen Etappensieg errungen haben. Denn auch ohne den neuen Wettbewerb und dessen de facto geschlossene Gesellschaft der europäischen Elite ist der Fußball nicht mehr das „People’s Game“, gehören die Klubs längst nicht mehr ihren Fans. Die sind zu Kunden eines international begehrten Produkts geworden, teure Eintrittskarten und Pay-TV-Abonnements können oder wollen sich viele nicht leisten.

          Die Champions-League-Reform bleibt

          Immerhin: Großbritanniens Regierung hat vor dem Hintergrund der aktuellen Geschehnisse angekündigt, eine Reform des Fußballgeschäfts prüfen zu wollen, unter anderem, um den Fans mehr Mitspracherecht zu geben. Oliver Dowden, Minister für Digitales, Kultur, Medien und Sport, will sich laut „Sky Sports“ dazu auch die 50+1-Regel ansehen, wegen der Investoren in Deutschland nicht die Stimmenmehrheit in den von Vereinen gegründeten Kapitalgesellschaften übernehmen können.

          Während die Fußball-Welt über die Super League diskutierte, hat die Uefa am Montag die umstrittene Reform der Champions League beschlossen. Sie bringt den Topklubs von 2024 an deutliche Vorteile: Sie können dann auf Basis vergangener Erfolge auch dabei sein, wenn sie sich über ihren Tabellenplatz in der Liga nicht für den Wettbewerb qualifizieren sollten. So werden ihnen die lukrativen Europapokal-Einnahmen quasi garantiert. Mancher Beobachter bewertete den Zeitpunkt der Veröffentlichung der Super-League-Pläne am Sonntag dementsprechend als Druckmittel auf die Uefa. „We Saved Football“, sangen die Chelsea-Fans am Dienstagabend. Mit etwas Abstand wissen vermutlich die meisten, dass es dafür zu spät ist.

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