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Das DFB-Problem : Gedankliche und taktische Starre

Zu sehr in alten Linien verharrend: Joachim Löw Bild: dpa

Aus dem Fall Sané hat der Bundestrainer nichts gelernt, wie jetzt an der Rolle für Havertz deutlich wird. Den Raum für flexible Lösungen macht sich der Bundestrainer selbst eng.

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          Falls die Nationalelf an diesem Montag gegen Nordirland gewinnt (20.45 / im F.A.Z.-Liveticker zur Nationalmannschaft und bei RTL) und damit der Europameisterschaft ein entscheidendes Stück näher kommt, muss man kein Fußballprophet sein, um vorherzusagen, dass sich die krachende Niederlage gegen die Niederlande in der Gedanken- und Phrasenwelt der DFB-Elite recht bald auflösen wird. Man wird den Fans versichern, aus den Fehlern gelernt zu haben und sich bei der EM top vorbereitet zu präsentieren. Schön, wenn es so wäre. Wahrscheinlich ist es nicht.

          Fußball-Länderspiele

          Aus Fehlern schnell zu lernen, gehört jedenfalls kaum zur DFB-Kernkompetenz. Den Umbruch hatte man dort selbst nach der vollständig missratenen WM zu spät eingeleitet, nachdem notwendige Veränderungen zuvor schon vollständig verschlafen worden waren. Die vertrödelte Zeit mit lange übergangenen Talenten – das zeigte sich nun beim 2:4 gegen die Niederlande, die den Deutschen bei der Erneuerung ein paar Jahre voraus sind – hat gegen starke, eingespielte und flexible Gegner entsprechende Konsequenzen. Die Konkurrenz schläft eben nicht.

          Das Personal, das dem Bundestrainer zur Verfügung steht, hat genug Qualität und Potential, um bei der EM 2020 eine gute Rolle zu spielen. Das galt allerdings auch für die WM in Russland. Es wird auch künftig allein darauf ankommen, was man aus den Möglichkeiten macht. Ob es also dem Bundestrainer gelingt, das Beste aus den vorhandenen Fähigkeiten zu machen. Doch schon nach ein paar Monaten im Erneuerungsmodus fällt auf, dass sich alte Muster wieder einschleichen, gewisse gedankliche und taktische Starre wird wieder sichtbar.

          Ein Beispiel dafür ist die Rolle von Kai Havertz, eines der größten Talente des deutschen Fußballs dieser Dekade, umworben von europäischen Topklubs. Der Wert des 19 Jahre alten Mittelfeldspielers wird auf 90 Millionen Euro taxiert. Er kommt damit Sané als wertvollstem Nationalspieler (100 Millionen) so nahe wie kein anderer. Aber bei Löw ist Havertz nicht erste Wahl. Er werde seinen Platz schon irgendwo finden, bei seinem Talent, vertröstete ihn der Bundestrainer. Umgekehrt würde ein Plan daraus: Nämlich dann, wenn man um die Toptalente herum ein Team formte. Und nicht, indem man den eigenen personellen und taktischen Überzeugungen den Vorzug vor den individuellen Fähigkeiten der Höchstbegabten in seinen Reihen gibt, die sich dann eben irgendwo ein Plätzchen suchen müssen. Aus dem Fall Sané hat man offenkundig nicht viel gelernt.

          Den Raum für flexible Lösungen macht sich der Bundestrainer zudem ohne Not selbst eng. „Gnabry spielt immer.“ Das ist seit einigen Tagen das neueste Löw-Dogma. Und wenn dann noch das defensive Doppel Kimmich/Kroos als gesetzt gilt, dann wird es mit taktischer und personeller Flexibilität, die gegen Topnationen unverzichtbar ist, tatsächlich schwierig im Mittelfeld, das gegen die Niederlande ziemlich überfordert wirkte. So bleibt dann auch ein Brandt, der in Leverkusen ebenfalls glänzte und nun den BVB entscheidend voranbringen soll, auf der einmal geschaffenen Jokerposition hängen – und Gündogan, der in Manchester imponiert, findet auch keine Rolle, die seiner Qualität entspricht. Und das deutsche Spiel bleibt berechenbarer als es sein müsste.

          Nach vier Gegentoren innerhalb von rund 30 Minuten gegen eine überforderte deutsche Defensive darf man zudem sicher sein, dass auch die Festlegung des Bundestrainers, den Dortmunder Abwehrchef Hummels als dauerhaft ungeeignet für die Nationalelf zu betrachten, für Diskussionen sorgen wird. Der Bundestrainer beschied nach dem 2:4, im Fall Hummels sei alles gesagt. Vielleicht von Löw. Aber nicht für diejenigen, die offen über Qualitätsfragen in der Nationalelf reden wollen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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