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Ehemaliger Fußballprofi : Michael Tönnies’ zweites Leben

  • -Aktualisiert am

Das ewige Talent und der gefallene Traditionsverein – das passt bis heute Bild: Picture-Alliance

Ein Spieler wie Schimanski: Nach einer Karriere an der Grenze zwischen Profi- und Amateurfußball kämpft Michael Tönnies um sein Leben. Doch die Fans des MSV Duisburg geben ihr Idol nicht auf.

          Auf dem Rasen der Arena, die früher Wedaustadion hieß, steht er, der hier früher auf Torejagd ging. Michael Tönnies schreit, was seine Lunge, die früher einem anderen gehörte, hergibt. Zusammen mit den Fans verkündet er die Mannschaftsaufstellung. Er brüllt die Vornamen, und Tausende antworten mit dem Nachnamen. „Danke!“, ruft der 55 Jahre alte Tönnies dann ins Mikrofon. „Bitte!“, schallt es zurück.

          Dass Michael Tönnies überhaupt noch hier unten stehen kann, hat er auch den Fans zu verdanken. Vor ein paar Jahren noch hatte es danach ausgesehen, als wäre sein Bild an einer Betonwand hinter den Stehrängen alles, was vom einstigen Publikumsliebling übrig bliebe. Denn er kämpfte um sein Leben.

          Auswärtsfahrten mit feinen Hotels

          Michael Tönnies war eines dieser Talente, wie es sie nicht häufig gibt. Ein Straßenfußballer, geformt auf den Gassen von Essen. Bald wurde der FC Schalke auf ihn aufmerksam und holte den damals 14-Jährigen in seine Knappenschmiede. Mit der A-Jugend wurde er deutscher Meister und Mitglied der U-18-Nationalmannschaft, neben Talenten wie Thomas Allofs und Bernd Schuster. Im seinem ersten U-18-Spiel, beim 8:0 gegen Dänemark, schoss Tönnies fünf Tore.

          Doch dieses Spiel blieb ein Versprechen auf eine Zukunft, die es nicht gegeben hat. Bei den Schalker Profis kam Tönnies Ende der siebziger Jahre nicht an Stürmerstar Klaus Fischer vorbei. Anstatt zu kämpfen, fand sich mit der Rolle des Reservisten ab und genoss es, auf Auswärtsfahrten in feinen Hotels zu übernachten. Während Fischer nach dem Training Zusatzschichten schob, war Tönnies längst geduscht und auf dem Weg in die nächste Kneipe oder Spielhalle: rauchen, zocken, trinken. „Ich bin in Kneipen groß geworden“, sagt Tönnies.

          Michael Tönnies: Ein Mann wie Schimanski, ein Bruder im Geiste

          Nach dem Abstieg der Schalker 1981 zog Tönnies weiter. Spielvereinigung Bayreuth. FC Bocholt. Rot-Weiss Essen. Immer an der Grenze zwischen Profi- und Amateurfußball. Nirgendwo hielt er es lange aus: Entweder konnte er sich nicht durchsetzen, oder er geriet mit den Trainern aneinander. Als er mit 27 Jahren zum damaligen Amateur-Oberligaklub MSV Duisburg kam, galt er als gescheitert. Doch das ewige Talent und der gefallene Traditionsverein – irgendwie passte das. Man verglich ihn mit Schimanski, Duisburgs berühmtem Fernseh-Kommissar. Der Vergleich mit Schimanski gefiel ihm, mit ihm konnte er sich identifizieren. Einer, der keiner Kneipe und keinem Fettnäpfchen aus dem Wege geht, einer, der sein Herz auf der Zunge trägt. Ein Bruder im Geiste.

          Legendär waren Tönnies’ schlechte Laktatwerte. Ausdauer hatte er vor allem am Tresen: „Beim Saufen und beim Laufen war ich immer der Letzte“, sagt er über sich. Und dennoch war er unverzichtbar für die Duisburger Mannschaft, weil er Tore wie kein Zweiter schoss. Seine Mitspieler wussten das – und liefen deshalb gerne für ihn mit. Tönnies schoss den MSV 1991 mit 29 Treffern zurück in die Fußball-Bundesliga. Als er im letzten Spiel gegen Blau-Weiß 90 Berlin das entscheidende 1:0 erzielte, stürmten Tausende Fans das Spielfeld. Und Tönnies mittendrin. Neun Jahre lang war der Verein zuvor in der zweiten und dritten Liga verschwunden gewesen, Tönnies sogar noch ein Jahr länger.

          „Der Micha war einer der besten Stürmer, mit denen ich je zusammengespielt habe“, sagt Lothar Woelk, „er hatte etwas, was man nicht lernen kann. Aus anderthalb Chancen konnte er zwei Tore machen.“ Woelk hat viele Stürmer kommen und gehen sehen. Fast 400 Bundesligaspiele hatte er für den VfL Bochum bereits bestritten, als er 1989 zum MSV Duisburg kam und dort auf Tönnies traf. Sie freundeten sich an, obwohl sie als Fußballspieler verschiedener kaum sein konnten. Woelk war einer dieser harten, disziplinierten Spielern, die vorangehen, wenn es eng wird.

          Wenn Tönnies dagegen auf den Platz ging, jonglierte er erst einmal den Ball mit den Füßen, schoss ihn hoch in die Luft, saugte ihn mit dem Fuß wieder an und stellte fest: „Heute bin ich gut drauf.“ In einer ruhigen Minute hat Woelk zu Tönnies gesagt: „Ich habe in meiner Karriere vielleicht drei bis fünf Millionen Mark verschenkt, weil ich in Bochum geblieben und nicht gewechselt bin. Aber du! Du hast noch viel mehr verschenkt!“ Tönnies war verdutzt. „Wie meinste dat?“ „Du hättest ein ganz Großer werden können“, sagte Woelk.

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