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Mailand in der Europa League : „Ich bringe Inter zurück in den Fußballhimmel“

  • -Aktualisiert am

Darf Inters Trainer Antonio Conte auch am Freitagabend im Europa-League-Finale gegen Sevilla wieder jubeln? Bild: AP

Noch bis vor kurzem standen die Zeichen zwischen Inter und Trainer Conte auf Trennung – auch, weil das Verhältnis zu Präsident Steven Zhang angekratzt war. Kann der Europa-League-Titel beide versöhnen?

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          Offensichtlich hat Steven Zhang eine Menge Freude an seiner Dienstreise durch Nordrhein-Westfalen. Der erst 29 Jahre alte Präsident von Inter Mailand ist präsent wie selten seit seinem Amtsantritt bei dem italienischen Traditionsverein. Er ballt seine Faust, lächelt viel und filmt sich selbst beim Anfeuern des Teams. Auch ein Video, auf dem Zhang Trainer Antonio Conte umarmt, wird fleißig geteilt. Erfolg verbindet. Zuletzt hatten die beiden Herren nicht immer harmoniert.

          Europa League

          Die Aussicht, dass an diesem Freitagabend (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Europa League, bei RTL und DAZN) Inter Mailand im Finale um die Europa League gegen den FC Sevilla nach neun langen Jahren endlich wieder einmal einen Titel gewinnen kann, hat die Stimmung im komplexen Fußballorganismus Inter grundlegend verändert. Die „Gazzetta dello Sport“ beschreibt das Endspiel gegen den spanischen Rekordsieger in Anspielung auf den Klubchef als „chinesischen Wendepunkt“. Als Ereignis mit dem Potential, interne Sichtweisen zu ändern, zum Beginn einer großen Ära erklärt zu werden.

          Bis vor wenigen Tagen gingen in Italien viele Experten davon aus, dass Zhang nach dem Europapokalturnier die Trennung von Conte forcieren werde, um entweder Massimiliano Allegri (bis 2019 Juventus Turin) oder Mauricio Pochettino (zuletzt Tottenham) als neuen Chefcoach einzustellen. „Es war für mich persönlich ein hartes Jahr, sehr hart“, hatte Conte zum Abschluss der Serie A Anfang August erklärt. „Ich glaube nicht, dass die Arbeit der Spieler gewürdigt wurde. Ich glaube nicht, dass meine Arbeit gewürdigt wurde, und wir alle wurden vom Klub sehr wenig geschützt.“ Der zweite Platz in der Liga und das Ausscheiden in der Gruppenphase der Champions League, wo sich Borussia Dortmund und der FC Barcelona gegen die Italiener durchsetzten, hat die Chinesen nicht überzeugt.

          Das Gesicht des „chinesischen Wendepunkts“ bei Inter Mailand? Präsident Steven Zhang nach dem Halbfinalsieg der Mailänder gegen Schachtar Donezk
          Das Gesicht des „chinesischen Wendepunkts“ bei Inter Mailand? Präsident Steven Zhang nach dem Halbfinalsieg der Mailänder gegen Schachtar Donezk : Bild: AP

          Drei Wochen später fühlt sich das Projekt etwas anders an. Conte klingt versöhnlich, wenn er zu seinen kritischen Anmerkungen sagt: „Ich bin keine politische Person. Ich hatte einfach das Gefühl, dass einige Dinge gesagt werden müssen. Was ich sage, ist immer konstruktiv. Denn wir müssen noch einige Schritte gehen, um das Inter zu werden, das wir sein wollen.“ Und für Zhang ist plötzlich die Erfüllung eines großen Versprechens viel schneller greifbar. „Ich bringe Inter zurück in den Fußballhimmel“, hatte er 2018 erklärt, nachdem die Suning Holdings Group, das Handelsimperium seines Vaters, 2016 knapp 69 Prozent des Vereins gekauft hatte.

          Oft funktionieren solche Projekte viel schlechter als erhofft, weil Welten aufeinandertreffen. Weil der Sachverstand, manchmal auch Eitelkeiten schwer mit den Vorstellungen der Finanziers auf der anderen Seite in Einklang zu bringen sind. Aber in Mailand hat sich Zhang Respekt verschafft, und aus teuren Spielern ist ein großartiges Team geworden.

          or der Saison verpflichtete Inter für 74 Millionen Euro Romelu Lukaku von Manchester United – ein so teurer wie erfolgreicher Transfer. Der Belgier hat in den vergangenen zehn Europa-League-Partien mindestens ein Tor geschossen. Ebenfalls von ManUnited kam Ashley Young, im Winter folgte für 27 Millionen Christian Eriksen von Tottenham. Lautaro Martinez wurde schon ein Jahr vorher in Argentinien entdeckt (Ablöse: 25 Millionen), Alexis Sanchez (FC Arsenal) und Diego Godin (Atlético Madrid) verbringen ihren Karriereherbst in Mailand und agieren als Mentoren für Talente wie Verteidiger Alessandro Bastoni und Mittelfeldspieler Nicolo Barella. Conte betreibt eines der spannendsten Fußballprojekte der Gegenwart.

          Zur neuen Saison wird nun auch Achraf Hakimi, den Borussia Dortmund zuletzt von Real Madrid ausgeliehen hatte, für 40 Millionen Euro in die Lombardei wechseln, und nicht einmal die Idee, Lionel Messi zu verpflichten, ist vollkommen utopisch. Auch wenn Conte sagt: „Eine solche Situation ist wirklich sehr, sehr weit weg von dem, was wir tun und was wir aufzubauen versuchen.“

          Doch auch ohne Messi ist Inter zuzutrauen, in die Phalanx der großen Champions-League-Klubs zurückzukehren. In der Liga fehlte nur ein einziger Punkt, um die Hegemonie von Juventus Turin zu brechen, und inzwischen hat wohl auch Zhang erkannt, dass Conte doch ein passender Trainer ist, um das Projekt in die nächste Phase zu führen. Nach dem Endspiel soll es eine Aussprache zwischen Präsidenten und Trainer geben, am besten mit Pokal auf dem Tisch. „Wir müssen mit dem Verlangen spielen, die Trophäe nach Italien zurückzuholen“, sagt Conte. Nicht nur die Mailänder sehnen sich nach einem schwierigen Jahrzehnt nach einem internationalen Titel. Die ganze Fußballnation könnte aus einem Erfolg Inters neues Selbstvertrauen schöpfen.

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