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Darmstadt 98 trauert : Johnny, der Kämpfer

„Ohne Johnny wären wir nicht hier“: Die Darmstädter feiern im Mai mit Jonathan Heimes den Aufstieg in die Bundesliga. Bild: Arthur Schönbein

Jonathan Heimes hätte ein Spitzensportler werden können. Dann kam der Krebs, dem er zwölf Jahre widerstand und dabei zum Vorbild wurde – auch für die Darmstädter Fußballprofis. Jetzt ist er im Alter von 26 Jahren gestorben.

          Es ist ein Albtraum. Und ein Märchen. Es ist eine Geschichte von tiefstem Leid und größtem Mut. Eine Geschichte auch über die Kraft des Sports. Zwölf Jahre lang hat Jonathan „Johnny“ Heimes aus Darmstadt gegen den Krebs gekämpft. Mit zwölf war er Hessenmeister im Tennis gewesen, spielte auf internationalen Turnieren, trainierte beim TEC Darmstadt mit Andrea Petkovic.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Mit vierzehn kam der Krebs. Ein bösartiger Tumor im Kopf, später Metastasen in der Wirbelsäule. Acht Operationen, 26 Chemotherapien, drei Hochdosis-Chemoblöcke mit Stammzellenübertragung und 55 Bestrahlungen hat er durchgestanden mit eisernem Willen und einer unbeugsamen Liebe zum Leben. Am Dienstag ist dieser Kampf zu Ende gegangen. Jonathan wurde 26 Jahre alt, und ein ganzer Fußball-Bundesligaverein trauert.

          Am Mittwochmittag trat in den Katakomben des Stadions am Böllenfalltor Mannschaftskapitän Aytac Sulu vor die Mikrofone, und es gab nur ein Thema: den Tod des krebskranken Jungen. „Es ist ein schwieriger Moment für den Verein, für die Spieler, für uns alle“, sagte Sulu. Am Samstag wird seine Mannschaft das Spiel gegen Augsburg mit Trauerflor bestreiten. „Jeder im Verein und in der Stadt weiß, dass wir nur mit Jonathans Hilfe aufgestiegen sind“, sagt Sulu.

          „DUMUSSTKÄMPFEN! Es ist noch nichts verloren.“

          Diese SMS hatte Jonathan Heimes im September 2010 von einem Freund bekommen, nach einer zweiten schweren Operation. Aus dieser SMS hat er später eine beispiellose Aktion entwickelt. Er ließ den Motivationsspruch auf Bändchen drucken und verkaufte sie zugunsten der Kinderkrebsstation der Frankfurter Uniklinik, auf der er selbst viele Monate lang lag. 350.000 Euro sind damit in den vergangenen drei Jahren zusammengekommen.

          Ziemlich beste Freunde: Lilien-Kapitän Aytac Sulu und Jonathan Heimes

          Im Mai 2015 gründete er zusätzlich die gemeinnützige „Dumusstkämpfen“-GmbH. Zehntausende Menschen tragen mittlerweile sein Bändchen, er hat Freundschaften mit Spitzensportlern geschlossen, hatte Fernsehauftritte bei Lanz & Co, es gibt ein halbes Dutzend, zum Teil preisgekrönte TV-Reportagen über sein Leben. Sportler schickten ihm Geschenke und gute Wünsche: Boris Becker, Steffi Graf, Jürgen Klopp, Arthur Abraham, Henry Maske, Thomas Tuchel, Joachim Löw, Roger Federer. In den sozialen Netzwerken ist er selbst zum Star geworden.

          Der Krebs macht oft einsam, auch das macht ihn so grausam, er lässt Menschen verzweifeln, und vielleicht hat Jonathans Geschichte deshalb eine so große Resonanz gefunden, weil das bei ihm anders war. Der Krebs hat auch in seiner brutalsten Form seinen Lebensmut, seinen Humor nie besiegt, nicht für eine Sekunde, auch nicht, als er ihn mit einer Querschnittlähmung in den Rollstuhl zwang.

          Sein Leitspruch: „DUMUSSTKÄMPFEN! Es ist noch nichts verloren.“

          Der Krebs hätte ihn nur besiegen können, so hat Jonathan das verstanden, wenn er ihn dazu gebracht hätte aufzugeben, aber das hat er nicht. „Jonathan hat uns gezeigt, wie wir dieser Krankheit ins Gesicht sehen und ihr standhalten können“, sagt Professor Volker Beck, Psycho-Onkologe aus Darmstadt.

          „Nehmt euch ein Beispiel an diesem Jungen“

          Als Darmstadt 98 das erste Relegationsspiel um den Aufstieg in die zweite Liga im Mai 2014 zuhause gegen Bielefeld 1:3 verloren hatte und niemand mehr einen Pfifferling auf die „Lilien“ gab, verordnetet Trainer Dirk Schuster seinem Team Jonathans Bändchen. In seiner Ansprache vor dem Rückspiel sagte Schuster: „Nehmt euch ein Beispiel an diesem Jungen, messt euch an seiner Leistung. Er kämpft um sein Leben, jeden einzelnen Tag. Wir müssen nur 90 Minuten kämpfen, vielleicht 120. Wenn ihr Probleme habt, wenn ihr nicht weiter wisst, dann schaut auf das Band an eurem Arm.“

          Der Rest ist Vereinsgeschichte. In einem der aufregendsten Fußballspiele der vergangenen Jahre bogen die Darmstädter das Ergebnis um, gewannen 4:2 nach Verlängerung und stiegen in die zweite Liga auf. Seit diesem Tag tragen die Darmstädter Spieler und Trainer das Bändchen, Stürmer Marco Sailer hat sich Jonathans Spruch auf den Oberarm tätowieren lassen.

          Kling wie Herzschmerz-Inszenierung, war aber eine echte Verbindung: „You’ll never walk alone.“

          Manchmal nutzt der Sport solche Geschichten für sich, ohne eine aufrichtige Beziehung dazu zu haben. Bei Darmstadt 98 ist dies anders. Bis heute, sagt Schuster, sei Jonathan „ein Teil des Teams“, das den märchenhaften Durchmarsch in die Bundesliga geschafft hat. Bei den legendären Aufstiegsfeiern in Darmstadt schoben sie Jonathan im Rollstuhl auf die Bühne und sangen für ihn mit 15.000 Fans „You’ll never walk alone.“ Bei der anschließenden internen Feier beim Italiener saß er mit den Spielern am Tisch, als einer von ihnen. Der krebskranke Junge und der Bundesligaverein – was sich für manchen anhören mag wie eine Herzschmerz-Inszenierung, ist vollkommen ungespielt – und damit eine der erstaunlichsten Geschichten der Bundesliga-Historie.

          Jonathan Heimes hat in seinem Kampf gegen den Krebs Beispielloses geleistet. Er trainierte, er kämpfte. Er ließ sich aufs Laufband schnallen, er übte zwischen den Chemoblöcken. Er lernte wieder Essen, Trinken, Gehen, Skifahren, Tennisspielen, er machte sein Fachabitur. Dann kam der Krebs zurück. Wieder und wieder. Und immer wieder nahm er den Kampf an. Woher er die Kraft nahm? „Aus dem Sport“, hat er gesagt.

          Langjährige Weggefährten: Jonathan Heimes und Andrea Petkovic

          Neben seiner eigenen Tenniskarriere waren es vor allem zwei Inspirationen, die seinen Kampfgeist prägten: das Champions-League-Finale 2005 zwischen dem AC Mailand und Liverpool, das er auf der Frankfurter Kinderkrebsstation im Fernsehen sah, während ihm die Chemo ins Blut tropfte. Liverpool lag zur Halbzeit 0:3 zurück – und gewann doch am Ende im Elfmeterschießen. Ein zweites Sportereignis, das er in seinem Buch „Comebacks“ beschreibt, ist der Boxkampf um die WM zwischen Arthur Abraham und Edison Miranda, in dem Abraham 2006 trotz eines doppelten Kieferbruches nicht aufgab – und gewann. „Man könnte sagen, das ist verrückt“, schreibt Jonathan. „Abraham hat seine Gesundheit riskiert, vielleicht sein Leben, aber mir hat er gezeigt, was man erreichen kann, wenn man nicht aufgibt in der vierten Runde.“

          Jonathan wusste, dass er sterben würde, spätestens nachdem auch die äußerst schmerzhafte Stammzellenübertragung keine Besserung mehr brachte. Aber er hatte keine Angst vor dem Tod. Er hat viele Kinder von der Kinderkrebsstation sterben sehen. „So lange man kann“, sagte er, „muss man kämpfen und an das Leben glauben.“ Gestorben ist er am Dienstag Abend zu Hause, ruhig und ohne Schmerzen. Als sich seine engsten Freunde in dieser traurigen Nacht von ihm verabschiedeten, da trug er ein Lilien-Bändchen am Arm.

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