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Dani Alves bei Copa America : Ein Altstar im Brasiliens Machtzentrum

  • -Aktualisiert am

Mit 36 Jahren noch nicht zu alt für Brasiliens Mannschaft: Dani Alves Bild: EPA

Eigentlich war er schon abgeschrieben. Nun aber ist Dani Alves Kapitän der brasilianischen Fußball-Nationalelf bei der Copa America im eigenen Land. Und er hat etwas, das dem verletzten Neymar fehlt.

          Es ist inzwischen ein kleines Ritual geworden bei der Copa América in Brasilien. Immer dann, wenn die brasilianische Mannschaft nach der Pausenbesprechung aufs Feld zurückkehrt, ruft Nationaltrainer Tite seine Spieler noch einmal kurz zusammen. Er achtet darauf, dass dies stets im Blickfeld der Kameras geschieht. Trainer Tite will damit signalisieren: Er gibt die Richtung vor, unmissverständlich.

          Um Macht ging es auch bei seiner wohl wichtigsten Personalentscheidung vor der Südamerikameisterschaft im eigenen Land. Tite entschied sich für eine Neujustierung der Hackordnung in seinem Team. Und er holte einen Altstar ins Machtzentrum zurück, der eigentlich schon abgeschrieben war. Daniel Alves da Silva, genannt Dani Alves, seit Mai dieses Jahres stolze 36 Frühlinge alt, wie die Südamerikaner sagen, sollte die Seleção als Kapitän ins Turnier führen. Die Entscheidung fiel noch vor den Turbulenzen um Neymar und dessen verletzungsbedingter Absage.

          Alves ist zwar nicht mehr der Schnellste, hat aber etwas, was Neymar fehlt: Effizienz. Vor ein paar Wochen gewann Alves mit Paris Saint-Germain die französische Fußball-Meisterschaft. Es war Titel Nummer 42 in seiner langen Karriere. Er ist der einzige in der aktuellen Seleção, der weiß, wie das ist, am Ende einer Copa América oder einer WM den Pokal in die Höhe zu stemmen. In Venezuela gewann er 2007 mit Brasilien den Titel beim ältesten Nationenturnier der Welt. Zwölf Jahre später trug er sich wieder in die Fußball-Historie ein: Seit dem vergangenen Wochenende ist Alves der älteste Copa-Torschütze aller Zeiten. Kurz bevor er zu seinem Sprint über die Außenbahn ansetzte und das 4:0 gegen Peru erzielte, hatte er noch einmal das Gespräch mit dem Trainer gesucht. Danach wagte Alves den Gang nach vorne und beendete seinen Ausflug mit einem wuchtigen Schuss. Die Kommunikation zwischen Trainer und Führungsspieler funktioniert.

          Alves ist wohl der Einzige, der die Autorität besitzt, die bisweilen egoistischen Alphatiere des brasilianischen Fußballs auch in der Kabine in die Schranken zu verweisen. Nach außen hin gibt Alves den Mahner. Vor dem Viertelfinalspiel gegen Außenseiter Paraguay am Donnerstagabend (Ortszeit / 2.30 Uhr bei DAZN) in Porto Alegre warnt er nach dem 5:0 gegen Peru davor, voreilig an ein mögliches Halbfinale gegen Argentinien zu denken: „Diese Gruppe hat die Verantwortung übernommen, nicht den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen.“ Die Seleção agiere nach diesem Muster seit Turnierbeginn, sagt Alves. Er ist überzeugt, auf diese Weise eher Titel gewinnen zu können.

          Man schätzt sich: Alves nennt den Nationaltrainer gerne mal den „Pep Guardiola Brasiliens“. Umgekehrt rühmt Tite die Charakterstärke seines Führungsspielers, seine Ausdruckskraft und Kommunikationsstärke. Kurzum: Alves ist ein Spieler, der sich ganz einem großen Ziel unterordnen kann. Tite pries Alves so, als er ihn zu Beginn des Jahres im Alter von bereits 35 Jahren in das Nationalteam zurückholte. Schon da hätte Neymar ahnen können, dass der Trainer an einer neuen Mannschaftsstruktur bastelt, zumindest für diese Copa América.

          Rund um die Seleção herrscht seit Neymars Absage eine für brasilianische Verhältnisse ungewohnte Ruhe. Keine Skandale, keine Eifersüchteleien dringen an die Außenwelt. Dafür wirkt alles seriöser, unaufgeregter, zielorientierter. Es geht um Fußball und nicht um eine Telenovela mit nur einem Hauptdarsteller. Und fast geht dabei unter, dass Alves eine Abwehr dirigiert, die bislang noch ohne Gegentor ist. Auch wenn die Gegner bislang nur Bolivien, Venezuela und Peru hießen, lässt das erahnen, wohin es mit Brasilien gehen könnte.

          Wohin die Reise von Alves geht, ist dagegen unklar. Er wird Paris verlassen, so viel steht fest. Brasiliens Medien spekulieren über eine Rückkehr zum FC Barcelona, mit dem er drei ChampionsLeague-Titel gewann. Auch Juventus Turin oder Borussia Dortmund werden als mögliche neue Klubs genannt. Egal, wo er landen wird: Alves soll Persönlichkeit und Augenmaß einbringen. All das, wofür er gerade in Brasilien geschätzt wird.

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