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Krise bei den „Königlichen“ : Eine teure Rechnung für Real Madrid

  • -Aktualisiert am

In die Jahre gekommen: Cristiano Ronaldo trifft nicht mehr wie gewohnt. Bild: AP

2017 war das erfolgreichste Jahr der Vereinsgeschichte. Nun aber sieht das Spiel der „Königlichen“ gar nicht mehr gut aus. Sogar Toni Kroos steht in der Kritik. Der Grund für den Absturz ist eindeutig.

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          Leistungssport ist wie eine Gipfelbesteigung. Wer ganz oben ankommt, muss auch mal wieder herunter. Konditionstrainer wissen das und gewähren ihren Schützlingen nach einem Leistungshoch auch viel Erholung. Was bei Leichtathleten selbstverständlich ist, soll für Berufsfußballspieler aber nicht gelten. Spitzenmannschaften müssen jedes Jahr den Mount Everest erklimmen, am besten gleich dort oben bleiben – also etwa die Champions League mehrmals hintereinander gewinnen, Meister werden oder den Pokal holen. Schaffen sie das nicht, ist von einer Krise die Rede, für die meist der Trainer verantwortlich gemacht wird. So ergeht es derzeit Zinedine Zidane bei Real Madrid.

          2017 war das erfolgreichste Jahr in der Vereinsgeschichte, erklärt der Klub auf seiner Internetseite stolz. Real gewann die spanische Meisterschaft, den europäischen wie den spanischen Supercup und im Dezember auch die Klub-WM. Zidanes Team verteidigte sogar den Titel der Champions League erfolgreich, was noch keine Mannschaft zuvor erreicht hatte. Sie blieb sozusagen zwei Jahre lang auf dem höchsten Berg der Welt. Nun steht sie in der Liga hingegen nur noch auf dem vierten Tabellenplatz, am vergangenen Samstag verlor Real Madrid 0:1 gegen den FC Villarreal. Der Rückstand auf den ewigen Rivalen FC Barcelona beträgt 16 Punkte. Das gleicht einem Absturz.

          Er gehöre nicht zu denen, die in einer solchen Situation Einzelne mit Mist zuschütten, sagte Zinedine Zidane diese Woche nach einer der unzähligen Fragen zu den Gründen für den Leistungseinbruch, die er derzeit beantworten soll. Das war nach dem Weiterkommen im Pokal gegen den Zweitligaklub CD Numancia, und dabei lächelte der Franzose immer noch freundlich. Das Hinspiel hatte Real 3:0 gewonnen, im Rückspiel schickte Zidane die zweite Garde aufs Feld. Es war ein holpriges Spiel, das den Königlichen am Ende vollends entglitt. Sie führten schon 2:0 durch zwei Treffer von Lucas Vázquez, aber in den letzten 20 Minuten konnte Numancia noch ausgleichen und war am Ende einem dritten Tor näher als die Mannschaft Zidanes, der danach dennoch sagte, er ziehe auch positive Schlüsse aus dem Spiel.

          Einzelne Szenen im Zusammenspiel mögen dem Trainer gefallen haben. Doch davon abgesehen, zeigte das Spiel, woran es bei Real Madrid in dieser Saison wirklich krankt. Niemand aus der zweiten Reihe ist ein gleichwertiger Ersatz für die Stammmannschaft, selbst wenn die sich im Formtief befindet. Auch in der Copa del Rey taten sich die Königlichen gegen Leganés lange schwer. Erst in der 89. Minute erlöste Marco Asensio Real mit dem Treffer zum knappen 1:0-Sieg.

          Der 21 Jahre alte Asensio, der noch in der letzten Saison in der Champions League so eindrucksvoll gegen die Bayern aufgespielt und dabei ein Tor geschossen hatte, scheint bisher kraft- und ideenlos. Theo Hernández, 20 Jahre alt, in dieser Saison von Atlético Madrid gekommen, war auf der Position des Außenverteidigers überfordert, so auch die Innenverteidiger Nacho und der aus Frankfurt heimgekommene Vallejo. Auch Dani Ceballos, im Sommer bester Spieler der U-21-EM in Polen, kam über einzelne Aktionen nicht hinaus. Dabei hatten sie in dieser Saison so große Hoffnungen auf diesen Nachwuchs gesetzt. Während andere Teams auf dem hoffnungslos überhitzten Transfermarkt im Sommer überteuerte Spieler kauften, sollten die Jungen langsam in die Rollen zahlreicher Stammspieler wie Ramos, Modric, Ronaldo und Benzema hineinwachsen, die alle schon 30 Jahre alt und älter sind.

          Doch gerade wenn junge Nachwuchsspieler als vollwertiger Ersatz für Ronaldo und Co. noch überfordert sind, stellt sich die Frage, ob der Verein diese Saison wirklich gut geplant hat. Weder Zidane noch der Verein wollten teure Verstärkungen. Der Transfermarkt war nach dem Millionentransfer von Neymar nach Paris völlig durcheinandergeraten, teure Neuzugänge hätten das Gehaltsgefüge und damit die Hierarchie in der Mannschaft durcheinandergebracht. Man wusste bei Real aber, auf was man sich einlässt. Ein Leistungsabfall der Stammkräfte war nicht auszuschließen. Ronaldo hatte in der Endphase der letzten Saison zwar zahlreiche entscheidende Treffer geschossen, im Ligaalltag aber auch seine Pausen gebraucht. Die konnte ihm sein Trainer gewähren, weil er mit Morata erstklassigen Ersatz auf der Bank hatte. Doch der spielt inzwischen in Chelsea. Mittelstürmer Benzema strahlt überhaupt keine Torgefahr mehr aus, und ebenfalls absehbar war, dass Gareth Bale auch diesmal wieder lange verletzt ausfallen würde. Und nun ist sogar Toni Kroos in die Kritik geraten. Von ihm könnten bessere Impulse ausgehen, heißt es in Madrid.

          Ob für die Fehler in der Planung wirklich nur Zidane verantwortlich ist? Der Franzose wiederholt in den Pressekonferenzen zwar immer wieder, er brauche keine Verstärkungen. Doch solchen Trainerinszenierungen vor nervösen Pressevertretern gilt es zu misstrauen. „Alle sitzen im selben Boot“, sagt der Trainer, der sich damit lediglich schützend vor seine Spieler stellt. Und auch Zidane kündigt an, im Juni müssten mehrere Positionen überprüft werden.

          Dennoch raunt es in der Medienwelt schon verdächtig. Radioreporter tragen Informationen aus angeblich völlig verlässlichen Quellen weiter, wonach Zidane und sein Trainerstab mit Taktiktrainer David Bettoni in der Mannschaftsbesprechung ratlos wirken, es kommt wieder Kritik auf, dass Zidane in den Pressekonferenzen nach den Spielen kaum etwas zur Taktik sage. Die spanische Sportpresse, die im Erfolg so treu Beifall klatscht, rückt von ihm ab: Das Achtelfinale der Champions League gegen Paris Saint-Germain im Februar und März werde zum Schicksalsspiel für Zidane. Auch Zidane selbst sagt, sein bis 2020 gültiger Vertrag sei bei einem Verein wie Real Madrid nicht viel wert, er denke nur an die laufende Saison. Ein Abstieg vom Gipfel, das weiß er nur zu gut, wird in Madrid nicht gerne gesehen. Und diene er auch nur dazu, neuen Anlauf nehmen zu können.

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