https://www.faz.net/-gtl-9y1nj

Fußball während Corona-Krise : Premier League als WM und „Mega-TV-Event“?

  • Aktualisiert am

Können Jürgen Klopp und Liverpool die Saison noch zu Ende spielen? Bild: EPA

Kann die Fußballsaison in England zu Ende gespielt werden? Jürgen Klopp und der FC Liverpool wünschen sich „nichts sehnlicher“. Nun gibt es in der Premier League einen spektakulären Plan in der Corona-Krise.

          3 Min.

          Die Premier League als „WM“ mit kasernierten Mannschaften und den 92 restlichen Saisonspielen als „Mega-TV-Event“ im Sommer? Was sich wie die fixe Idee eines Fußball-Verrückten liest, wird angesichts der wachsenden Verzweiflung auch in der reichsten Fußball-Liga der Welt angeblich wirklich diskutiert.

          Wissen war nie wertvoller

          Sichern Sie sich mit F+ 30 Tage lang kostenfreien Zugriff zu allen Artikeln auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Laut einem Bericht der Tageszeitung „Independent“ hat die Liga mit dem designierten Meister FC Liverpool Pläne für die Fortsetzung der aktuell bis 30. April ruhenden Saison im „World Cup-style“ entworfen. Demnach könnten die 20 Teams, darunter die Reds mit Teammanager Jürgen Klopp, im Juni und Juli in London und den Midlands (Region um Birmingham) kaserniert werden. Die Geisterspiele würden eher auf Trainingsplätzen denn in Stadien ausgetragen werden, kämen aber live im TV – (fast) jeden Tag.

          Ähnliche Gedankenspiele hat es auch in der Bundesliga bereits gegeben, allerdings waren diese allem Anschein nach noch nicht so konkret. „Das ist eine legitime Idee. Man kann das durchaus mal durchspielen“, hatte Eintracht Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic kürzlich über die mögliche „Kasernierung“ der Klubs und allabendliche Duelle gesagt: „Das wäre von Montag bis Sonntag Prime-Time, das wäre ja auch lukrativ für die Anbieter.“ DFB-Vizepräsident Rainer Koch nannte ein „exklusives Team-Hotel“ als Modell.

          Auf der Insel wurde darüber laut Boulevardblatt „Sun“ bereits Mitte März diskutiert. In der wegen der Corona-Pandemie zunehmenden Not sei dieses Szenario nun im Laufe des Wochenendens wieder auf den Tisch gekommen, schreibt der Independent, und habe „in den vergangenen Tagen an Anziehungskraft gewonnen“. Zumal die Premier League dafür mit der „unbegrenzten“ Ausdehnung der Saison bereits die Rahmenbedingungen geschaffen hat.

          Klopp hatte zuletzt geäußert, er wünsche sich „nichts sehnlicher“, als dass die Saison wieder aufgenommen wird: „Ich kann es nicht erwarten!“ Kein Wunder: Dem souveränen Spitzenreiter Liverpool winkt der erste Meistertitel seit 1990 – und „König“ Klopp damit die Krönung. Doch es droht auch die Annullierung der gesamten Spielzeit. In den englischen Amateurligen gab es das schon. Sollte dies auch auf die Premier League angewandt werden, würden Klopp und Co. doch noch leer ausgehen.

          F.A.Z. Newsletter Coronavirus

          Täglich um 12.30 Uhr

          ANMELDEN

          Hintergrund der Überlegungen: Wie der Bundesliga drohen der Premier League massive Verluste aus der TV-Vermarktung, über eine Milliarde Euro steht auf dem Spiel. Ein Fernseh-Event, wie es sonst nur eine Welt- oder Europameisterschaft ist, könnte Abhilfe leisten. Allerdings wären damit viele logistische Probleme verbunden.

          Die Klubs müssten, wie von Koch thematisiert, eigene Hotels beziehen und umfassend medizinisch betreut werden – nicht nur wegen Corona. „Wo“, fragt ein Brancheninsider im „Independent“, „wo soll ein Spieler hin, der sich das Kreuzband reißt oder ein Bein bricht? Die Krankenhäuser dürften viel größere Sorgen haben.“ Von einer „Privatklinik“ ist deshalb die Rede. Aber auch Kameraleute, andere Fernseh-Schaffende und Offizielle müssten beherbergt werden. Und: Nur ein einziger positiver Corona-Fall brächte wohl den ganzen Betrieb wieder zum Erliegen.

          Aus Regierungskreisen soll es positive Signale geben. Die Politik wünsche sich die Wiederaufnahme des Ligabetriebs, um die Menschen in schwierigen Zeiten zu unterhalten – sofern die Kurve der Infizierten bis Sommer abgeflacht sei. Außerdem hängen am Fußball auch auf der Insel Zehntausende Arbeitsplätze. Das vorherrschende Gefühl sei laut „Independent“ daher, alle Möglichkeiten zu prüfen, um nur irgendwie weitermachen zu können. Und scheint es noch so absurd.

          Die Europäische Fußball-Union (Uefa) wird derweil am Mittwoch mit den Generalsekretären der insgesamt 55 Mitgliedsverbände per Videokonferenz über mögliche Änderungen im Terminkalender diskutieren. Zunächst wird dabei die vor zwei Wochen gegründete Task Force ihre erarbeiteten Entwürfe präsentieren. Neben neuen Terminen für Spiele auf Verbands- und Klubebene sollen zudem die Themen Spielerverträge und Transfersystem besprochen werden. Wegen der Corona-Pandemie hatte die Uefa die Euro 2020 um ein Jahr auf den Sommer 2021 verschoben, zudem wurden die Partien in der Champions und Europa League bis auf Weiteres ausgesetzt.

          Die Corona-Krise macht derweil auch vor den wohlhabendsten Klubs nicht Halt. Der englische Spitzenklub Tottenham Hotspur, mit einem Umsatz von über 520 Millionen Euro achtreichster Fußball-Verein der Welt, hat 550 Angestellte in Kurzarbeit bzw. Zwangsurlaub geschickt. Die Spurs sind nach Newcastle United das zweite Team aus der Premier League, das diese Maßnahme ergreift. Laut Präsident Daniel Levy wurde der Schritt eingeleitet, „um die Jobs zu schützen“. Zuvor hatte die britische Regierung den Weg dafür freigemacht. Sie garantiert im Falle von Kurzarbeit bzw. Zwangsurlaub (engl. furlough) rückwirkend ab 1. März zunächst für drei Monate 80 Prozent des Gehalts bis zu einer Höhe von 2500 Pfund/Monat (2824 Euro).

          Bei den Spurs soll die Maßnahme für April und Mai gelten – für alle „nicht spielenden Direktoren und Angestellten“. Levy verband die Verkündung mit einem flammenden Appell. Der Fußball müsse „raus aus seiner Blase“, schrieb er: „Wenn ich Geschichten über Transfers im Sommer lese oder höre, als wäre nie etwas geschehen - die Leute müssen aufwachen!“ Er hoffe, dass die aktuellen Gespräche mit der Liga „darin münden, dass die Spieler und Trainer ihren Teil beitragen“, also ebenfalls auf Gehalt verzichten.

          „Werden fetter aus der Krise kommen“

          Die Corona-Krise bereitet Pep Guardiola große Sorgen – auch um sein Gewicht. Der gertenschlanke Teammanager des englischen (Noch-)Fußballmeisters Manchester City befürchtet, sichtlich angefressen aus der Zwangspause hervorzugehen. „Wir werden nach der Krise stärker, besser, netter und auch ein bisschen fetter zurückkommen“, sagte der 49-Jährige in einer Videobotschaft zur Klub-Kampagne „Cityzens At Home“. Guardiola, der eine Million Euro für medizinisches Material gespendet hatte, verband seine launige Ansprache mit durchaus ernsten Worten.

          „Wir vermissen den Fußball. Wir vermissen das Leben, das wir noch vor wenigen Tagen hatten. Aber jetzt ist die Zeit gut zuzuhören und unseren Wissenschaftlern, Ärzten und dem Pflegepersonal zu folgen“, sagte der frühere Bayern-Trainer. „Ihr seid meine Fußball-Familie, und wir werden alles Mögliche tun, damit ihr euch besser fühlt“, sagte der Spanier und mahnte: „Bleibt drinnen, bleibt sicher.“ Der Spielbetrieb in der Premier League ist als Maßnahme zur Eindämmung des Coronavirus noch bis mindestens zum 30. April ausgesetzt. (sid)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Neue Nummer drei: Elise Stefanik im Januar 2020 nach Trumps Freispruch im Weißen Haus.

          Machtkampf der Republikaner : Aufstieg einer glühenden Trumpistin

          Die vergangenen Tage haben eindrücklich gezeigt: Auch nach der Wahlniederlage hat Donald Trump die Fraktion der Republikaner unter Kontrolle. Sein neuester Coup ist die Beförderung von Elise Stefanik.

          Nahost-Konflikt : Hamas feuern Raketen auf Jerusalem

          Gegen 18 Uhr Ortszeit wurden aus Gaza-Stadt Dutzende Raketen in Richtung Jerusalem abgefeuert – ein Zivilist wurde verletzt. Auf dem Tempelberg ist ein weithin sichtbares Feuer ausgebrochen.
          Cybergangster kommen nicht durchs Tor: Tankanlagen an einer Abzweigung im Pipeline-System von Colonial im Bundesstaat Alabama

          Hackerangriff auf Pipeline : Lösegeld für das schwarze Gold

          Eine Cyberattacke in den Vereinigten Staaten beeinträchtigt den Transport von Öl. Sollten die Folgen anhalten, könnten auch hierzulande Öl und Benzin nochmal teurer werden.
          Hat gut lachen: Hamburgs Interimstrainer Horst Hrubesch (rechts) klatscht mit HSV-Spieler Moritz Heyer ab.

          5:2 gegen Nürnberg : Mit Hrubesch läuft es beim HSV

          Mit Interimstrainer Horst Hrubesch siegt Hamburg gegen Nürnberg deutlich. Damit wahrt der HSV eine kleine Chance auf den Aufstieg. Doch auch Konkurrent Kiel holt gegen Hannover drei Punkte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.