https://www.faz.net/-gtl-9z1dv

Nach Titel ohne Champagner : Die neue Herausforderung des Thomas Tuchel

Gefeiert wird zu Hause: Thomas Tuchel Bild: dpa

Der deutsche Trainer Thomas Tuchel wird mit seinem Klub Paris Saint-Germain französischer Fußballmeister. Die Art und Weise passt zu seiner bisherigen Karriere. Jetzt steht eine wichtige Aufgabe an.

          3 Min.

          Wie Paris Saint-Germain Meisterschaften feiern kann, das weiß Thomas Tuchel aus dem vergangenen Jahr. Französischen Usancen gemäß floss dabei Champagner, und es gab als Geschenk des Vereins einen speziellen Meisterschal. Das gute Stück reichte der PSG-Trainer an Daniel Barsan weiter mit den Worten: „Du hast auch deinen Anteil daran.“ Barsan ist Tuchels Französischlehrer und Dolmetscher, wenn er ihn trotz seiner sehr guten Sprachkenntnisse noch benötigt.

          In diesem Jahr, in dem wegen der Corona-Krise alles so anders ist, wird Tuchel keinen Schal weiterreichen können. Die Titelsammlung des 46 Jahre alten Trainers ist in dieser Woche schließlich unter Umständen größer geworden, die einem Sportler nicht wirklich zusagen. Nicht der Abpfiff einer Partie durch einen Schiedsrichter besiegelte den Sieg von Paris Saint-Germain in der Ligue 1. Stattdessen war es der französische Ministerpräsident Édouard Philippe, der mit einem Machtwort eine Fortsetzung der Spielzeiten im Profisport untersagte. Die Liga kürte daraufhin den Tabellenführer zum Meister.

          „Den Helden des Alltags gewidmet“

          Angesichts von zwölf Punkten Vorsprung und einer um 39 Treffer besseren Tordifferenz im Vergleich zu Verfolger Marseille gab es keine ernsthafte Stimme, die Zweifel an der Titelvergabe äußerte. PSG hat den neunten Meistertitel in der Geschichte des 1970 aus der Taufe gehobenen Klubs angemessen zurückhaltend in den sozialen Medien unter dem Hashtag #CHAMPI9NSATHOME begangen und beeilte sich der Etikette dieser Tage gemäß, den siebten Liga-Triumph seit dem Einstieg der milliardenschweren qatarischen Investoren vor gut acht Jahren „den Pflegekräften und Helden des Alltags zu widmen, deren Engagement seit Wochen unsere ganze Bewunderung genießt“, wie PSG-Boss Nasser Al-Khelaifi mitteilte.

          Tuchel ließ sich bislang nicht mit einem Kommentar zu seinem zweiten Meistertitel vernehmen, der sich einreiht in seine vorherigen Erfolge als Profitrainer: Mit den Feierlichkeiten nach seinen Erfolgen passte es zuletzt nicht so wirklich, seit er einst bei seiner ersten Profitrainer-Station bei Mainz 05 die Freude über eine für den Klub sensationell anmutende Europapokal-Qualifikation im Jahr 2014 trübte durch den Wunsch, seinen Posten umgehend aufgeben zu dürfen – trotz eines bestehenden Vertrags. Der DFB-Pokalsieg mit Borussia Dortmund drei Jahre später war nicht nur überschattet durch den Bus-Anschlag auf die Dortmunder Mannschaft kaum sechs Wochen zuvor. Denn trotz des 2:1-Finalsiegs gegen Eintracht Frankfurt war die Trennung des BVB vom Trainer, die drei Tage nach dem Endspiel offiziell besiegelt wurde, bereits beschlossene Sache.

          Entsprechend gedämpft war die Feierlaune. Im Vorjahr wiederum stand PSG zum Zeitpunkt des Titelgewinns noch unter dem Schock des desaströsen Ausscheidens gegen Manchester United im Achtelfinale der Champions League nach einem 2:0-Hinspielsieg in Old Trafford. Zudem brauchte das noch dominanter als in diesem Jahr in der Tabelle führende PSG fünf Spiele, um nach einer Niederlagenserie endlich einen „Matchball“ zu nutzen. Erste Zweifel an Tuchel mischten sich in die Freude über einen Titelgewinn, an dem schon vor Saisonbeginn niemand gezweifelt hatte, da PSG der Konkurrenz dank des Investors Qatar Sports Investment noch weiter enteilt ist als Bayern München der Bundesligakonkurrenz.

          Tuchel steht nun vor der Herausforderung, seine Superstars wie Neymar, Kylian Mbappé, Ángel Di María oder Edinson Cavani mit der vagen Aussicht auf bislang noch geplante, aber vorerst unabsehbare Spiele in Form halten zu müssen. Bislang darf freilich nicht mal Tuchel allein das Trainingsgelände betreten, frühestens Mitte Mai war ohnehin eine Rückkehr in den Trainingsbetrieb geplant. Der französische Verbandspräsident Noël Le Graët hat derweil angekündigt, dass zumindest die Endspiele im nationalen Pokalwettbewerb gegen AS Saint-Étienne sowie das Ligapokalfinale gegen Olympique Lyon im August ausgetragen werden sollen – selbstredend ohne Zuschauer. Zudem hofft die Uefa, die Champions League in welcher Form auch immer zu Ende spielen zu können. Aus Rücksicht auf die nationalen Ligen hält sich der europäische Fußballverband bislang mit allzu forschen Vorstößen zurück. PSG müsste seine Spiele wohl in jedem Fall im Ausland bestreiten.

          Selbst im besten Falle von drei weiteren Titelgewinnen scheint unter diesen Umständen gewiss, dass Tuchel weiter darauf wird warten müssen, mal wieder so ausgelassen feiern zu dürfen wie 2009. Damals gewann er mit den Mainzer A-Junioren die deutsche Meisterschaft. Zumindest bei seinem ersten nationalen Titelgewinn als Cheftrainer mischte sich noch kein Tropfen Wasser in den Wein der Siegesfeiern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eines der großen Anliegen unserer Zeit: Nach der Demo bleibt das durchweichte Schild.

          Kampf um Meinungsfreiheit : Das große Unbehagen

          Mehr als 150 Intellektuelle protestieren gegen ein erstickendes Meinungsklima und Repressalien gegen Andersdenkende. Dabei werfen sie vor allem dem Journalismus, den Wissenschaften und Künsten Intoleranz und Moralisieren vor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.