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Fußball-Ärger in Corona-Krise : Liverpool und die Angst vor dem Neustart

  • Aktualisiert am

Geht es in England mit der Fußballsaison noch weiter? Auch Liverpool-Trainer Jürgen Klopp muss warten. Bild: AFP

Seit 1990 wartet der FC Liverpool auf den Titel in England. Nur noch zwei Siege braucht die Elf von Jürgen Klopp. Wegen der Corona-Krise plädiert Liverpools Bürgermeister aber für einen Saisonabbruch – und zieht sich Unmut zu.

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          Liverpools Bürgermeister Joe Anderson hat sich für einen Saisonabbruch in der englischen Premier League ausgesprochen. „Das wäre das Beste. Dabei geht es mir gar nicht um den FC Liverpool, sondern viel mehr um die Gesundheit und Sicherheit der Menschen“, sagte der Labour-Politiker der BBC. Anderson fürchtet vor allem einen Menschenauflauf am Anfield-Stadion, sollte die Mannschaft von Teammanager Jürgen Klopp die erste Meisterschaft seit 30 Jahren perfekt machen.

          „Viele würden zum Feiern kommen. Selbst bei einem Geisterspiel gäbe es wohl Tausende Menschen vor Anfield. An unsere Vorgabe, sich vom Stadion fernzuhalten, würde sich kaum jemand halten“, sagte der 62-Jährige. Die Premier League hofft derzeit auf eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs im Juni, auch Begegnungen auf neutralem Boden stehen zur Diskussion. Anderson fürchtet aber auch für diesen Fall Fanmassen. „Selbst wenn Liverpool an einem neutralen Ort spielt, würden viele zum Anfield-Stadion kommen. Ich verstehe daher die Bedenken der Polizei“, sagte der Politiker.

          Der Klub konterte am Donnerstag, für Andersons Behauptungen gebe es keine Beweise, und verwies auf kürzlich mit dem Bürgermeister geführte Gespräche über mögliche Geisterspiele. Auch mit Fangruppen sei der FC Liverpool in Kontakt. Diese hätten zugesagt, sich an die notwendigen Abstandsregelungen zu halten. Dem Klopp-Team fehlen nur noch zwei Siege aus den neun noch ausstehenden Begegnungen, um erstmals seit 1990 wieder den Titel zu holen. Verdient hätten die Reds die Meisterschaft allemal, findet Anderson: „Sie haben die Liga ganz klar schon jetzt gewonnen. Und sie verdienen es. Sie sollten zum Meister erklärt werden.“ Liverpool gehört zu den vom Coronavirus besonders hart getroffenen Städten. Mehr als 300 Menschen sind in den Krankenhäusern der Stadt bereits gestorben.

          Auch der deutsche Nationalspieler Antonio Rüdiger warnt vor einer möglicherweise verfrühten Rückkehr des Profifußballs in die Normalität. Im Falle einer möglichen Gefahr für die Gesundheit „weiterzuspielen und zum Alltag überzugehen, wenn du weißt, dass andere Menschen auf der Welt irgendwo sterben: Mit meinem Gewissen könnte ich das nicht vereinbaren. Ich will, dass alle gesund bleiben“, sagte Rüdiger in der ZDF-Sportreportage (Sendetermin Sonntag).

          Sollte die Saison in der englischen Premier League vorzeitig abgebrochen werden müssen, hätte der Profi des FC Chelsea kein Problem mit einer Meisterschaft für Liverpool am grünen Tisch. „Meinetwegen können sie Liverpool die Meisterschaft geben, sie haben es verdient“, sagte er: „Sie haben eine super Saison gespielt, führen mit was weiß ich wie vielen Punkten, sie würden das Ding sowieso gewinnen – also gebt ihnen diesen Titel!“

          Die reichste Liga der Welt hofft auf eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs im Juni. Er wünsche sich, dass die Lage sich bis dahin verbessert habe, meinte Rüdiger. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, „ist die Gefahr, dass vielleicht eine zweite Welle auf uns zukommt. Dann haben wir ein größeres Problem.“ Eine Sonderrolle für den Fußball lehne er ab, meinte Rüdiger. Es gehe auch „nicht darum, wer zuerst anfängt oder eine Einigung hinbekommt. Es geht um den Menschen“, betonte er: „Wenn alles passt und von der Politik, den Behörden das Okay kommt, es besteht keine Gefahr, dann können wir alle anfangen. Aber wenn eine Gefahr besteht, dass es wieder losgehen kann, ist die Frage, ob das Sinn macht.“

          Die Premier League machte ihren Klubs für die Rückkehr ins Training mit Gruppen strenge Auflagen gemacht. Liga-Direktor Richard Garlick soll laut Medienberichten allen Klubs ein siebenseitiges Dokument zugesandt haben. Darin steht unter anderem, dass die Spieler Masken oder Schals tragen müssen. Bälle und Eckfahnen werden ständig desinfiziert. Zu den weiteren Vorschriften gehört, dass die Profis ihre Autos mindestens drei Plätze voneinander entfernt parken müssen, Massagen sind nur nach Genehmigung des Klubs möglich, Getränke erhalten die Profis ausschließlich an gewissen Abholpunkten.

          Die penible Einhaltung der Vorschriften soll Voraussetzung dafür sein, dass die Liga wie geplant am 8. Juni den Spielbetrieb wieder aufnehmen kann. Die Politik trifft die Entscheidung darüber, zeigte sich aber zuletzt ähnlich wie in Deutschland aufgeschlossen. Auch der Zeitplan ist genau abgesteckt. Das Training dauert 75 Minuten, die Zeit zur Erholung beträgt 15 Minuten. 15 Minuten haben die Spieler Zeit für die Vorbereitung. Sobald sie in Aktion sind, dürfen sie nur noch zur Nutzung der Toiletten in die Kabinen. Allen Spielern, Trainern und Betreuern ist es untersagt, auf dem Gelände auszuspucken.

          Die Liga will am Freitag auf einer Versammlung ein erstes Fazit über die Einhaltung der Vorgaben ziehen, wenn die Pläne für den Neustart ausgearbeitet werden. Das Konzept beinhaltet auch, dass sich die Spieler 48 Stunden vor dem Training testen lassen müssen. Großbritannien ist mit mehr als 26.000 Toten infolge einer Covid-19-Erkrankung besonders von der Pandemie betroffen. Am Donnerstag zählte das Vereinigte Königreich 166.441 mit Corona infizierte Personen.

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