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Streit in der Corona-Krise : „Das ist ein absoluter Witz“

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Jürgen Klopp verschanzt sich nicht – der FC Liverpool aber erleidet einen Imageschaden. Bild: EPA

Englands Fußball-Profis sollen in der Corona-Krise helfen und teils auf ihre üppigen Gehälter verzichten. Doch sie wehren sich – und haben Gründe für ihr Verhalten. Stattdessen arbeiten die Spieler an einem anderen Vorschlag.

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          Der FC Liverpool hat am Wochenende seinem Image erheblichen Schaden zugefügt. Der Klub des Trainers Jürgen Klopp hat angekündigt, zahlreiche Mitarbeiter außerhalb des Profikaders zu beurlauben, so lange die Premier-League-Saison wegen der Coronavirus-Pandemie nicht fortgesetzt werden kann. In dieser Zeit bezahlt die britische Regierung im Zuge ihrer Maßnahmen zur Erhaltung von Arbeitsplätzen 80 Prozent der Gehälter der Betroffenen, der Klub deckt bloß noch die Differenz.

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          Auch Tottenham, Newcastle, Bournemouth und Norwich machen davon Gebrauch. Manchester City teilte am Sonntag mit, darauf zu verzichten. Angesichts der Summen, die in Englands Spitzenfußball umgesetzt werden, fehlt dafür vielen das Verständnis. Die früheren Liverpool-Spieler Jamie Carragher und Stan Collymore kritisierten den Klub scharf. Carragher nannte das Vorgehen „armselig“, während Collymore annahm, dass viele Liverpool-Fans „angewidert“ sein dürften, weil ihr Verein von etwas profitieren wolle, das zur Erhaltung kleinerer Unternehmen gedacht sei: „Das ist schlichtweg falsch.“

          Überhaupt tritt der englische Fußball in der Krise bislang nicht souverän auf. Die Saison der Amateurligen von der siebten Liga abwärts ist Ende März von der Football Association für null und nichtig erklärt worden. Schon feststehende Aufsteiger und andere Klubs erwägen deshalb eine Klage. Wie es in den oberen Ligen weitergeht, ist offen: Die zunächst angepeilte Wiederaufnahme des Spielbetriebs Ende April ist ohne neuen Termin ausgeschlossen worden; es soll erst dann weitergehen, wenn die Situation es erlaubt. Sollte es jedoch nicht weitergehen können und die Saison abgebrochen werden, drohen der Premier League finanzielle Ansprüche der Fernsehrechteinhaber von mehr als 860 Millionen Euro. Hinzu kämen Ausfälle bei Sponsoren- und Spieltageinnahmen von mehreren hundert Millionen Euro.

          Vor diesem Hintergrund hat die Premier League den 20 Klubs nun vorgeschlagen, die Gehälter der Profis vorübergehend um 30 Prozent zu kürzen. Doch während Gehaltskürzungen bei einigen europäischen Spitzenklubs bereits beschlossen sind – mal mehr, mal weniger freiwillig –, hat in England eine Machtprobe begonnen. Die Premier League ist nicht befugt, die Kürzung vorzuschreiben. Die Entscheidung obliegt den Klubs in Absprache mit den Spielern und Trainern. Die Profis werden von der Professional Footballers’ Association (PFA) vertreten, die sich nach einer Videokonferenz mit der Liga am Samstag zunächst gegen eine solche zentrale Maßnahme ausgesprochen hat. In Teilen der Öffentlichkeit kommt die Haltung der PFA nicht gut an.

          Gesundheitsminister Matt Hancock hatte gefordert, die Fußballprofis mit ihren üppigen Gehältern müssten ihren Teil zur Bekämpfung der Pandemie beitragen. Aus dem Fußball wurden dagegen Stimmen laut, die sich für das Vorgehen der Gewerkschaft aussprachen. Der ehemalige Profi Jermaine Jenas sagte, die zum Teil scharfe Kritik an den Fußballprofis sei „ein absoluter Witz“. Sie wollten bloß sicherstellen, dass ihr Geld dort ankomme, wo es gebraucht werde. Wenn die Spieler blind einer Gehaltskürzung zustimmten, profitierten davon nur die Klubs beziehungsweise deren Eigentümer. Die Kapitäne der 20 Erstligaklubs sind, angeführt von Liverpools Jordan Henderson, damit beschäftigt, einen Spendenfonds für das staatliche Gesundheitssystem NHS aufzulegen.

          „Alle Premier-League-Spieler wollen und werden ihren Teil beitragen“, hieß es in einem Statement der PFA. Es sei jedoch zu bedenken, dass sich eine Gehaltskürzung über ein Jahr bei den Steuern niederschlagen werde, von denen wiederum Dienstleistungen wie der NHS finanziert würden. „Die vorgeschlagene Kürzung der Gehälter um 30 Prozent entspricht über zwölf Monate mehr als 500 Millionen Pfund (567 Millionen Euro) und einem Verlust von Steuerbeiträgen von über 200 Millionen Pfund (227 Millionen Euro)“, hieß es in dem Kommuniqué weiter. „Welchen Effekt hätte der Verlust dieser Einnahmen für den NHS? Ist das im Vorschlag der Premier League berücksichtigt worden, und hat Gesundheitsminister Hancock daran gedacht, als er die Spieler aufgefordert hat, einer Gehaltskürzung zuzustimmen?“

          Zu den von der Premier League vorgeschlagenen Maßnahmen zählen auch eine Spende von 20 Millionen Pfund (22,7 Millionen Euro) für den NHS sowie ein Vorschuss von 125 Millionen Pfund (142 Millionen Euro) für die Klubs in den unteren Ligen, wo durch fehlende Einnahmen erheblicher Schaden droht. Die 20 Millionen für den Gesundheitsdienst seien zwar „willkommen“, der Betrag könnte laut PFA aber deutlich größer ausfallen. In dieser Woche wird ein Gegenvorschlag der Interessenvertretung erwartet. Nationalspieler Danny Rose sprach davon, dass die Profis der Premier League schon über ihren Beitrag gesprochen hätten, bevor der Druck von außen dazugekommen sei: „Es war unnötig, dass Leute, die mit Fußball nichts zu tun haben, Fußballern sagen, was sie mit ihrem Geld tun sollen.“

          Für Crystal-Palace-Spieler Andros Townsend sind Fußballprofis in Zeiten wie diesen ein „einfaches Ziel“. Dem „Talksport“-Radio sagte er: „Gestern aufzuwachen und zu sehen, dass Fußballer als Bösewichte dargestellt werden, hat mich überrascht.“ Dass Hancock versuche, den Profis eine Mitschuld an den Schwierigkeiten Großbritanniens im Umgang mit dem Virus zu geben, sei falsch: „Die Verantwortung für NHS-Mitarbeiter ist sein Job. NHS-Mitarbeiter sind seit Jahren unterbezahlt.“ Die BBC schrieb in einer Analyse: „In einer bisher nicht gekannten Krise haben die besten Fußballer des Landes ihre Stimme gefunden wie nie zuvor.“

          Klopp und eine Gruppe von Spielern um Jordan Henderson, James Milner und Virgil van Dijk sollen schon früh intern angekündigt haben, falls nötig über Gehaltskürzungen gewährleisten zu wollen, dass Klubangestellte nicht ihre Jobs verlieren. In der vergangenen Saison hat der Klub im Besitz der amerikanischen Fenway Sports Group einen Umsatz von mehr als einer halben Milliarde Pfund gemacht – bei einem Gewinn vor Steuern von 42 Millionen Pfund (48 Millionen Euro).

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