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Hilfsaktion in Brasilien : Der Kampf gegen das Chaos in den Favelas

  • -Aktualisiert am

Desinfektion in der Favela Botafogo: Brasilien kämpft gegen das Coronavirus. Bild: dpa

In den brasilianischen Favelas ist die Bedrohung durch das Coronavirus besonders groß. Mehrere Fußball-Stars unterstützen nun eine Kampagne für die Ärmsten des Landes. Doch kann der Fußball in der Krise wirklich helfen?

          3 Min.

          Die Namen der Spieler, die 1982 die Fußballwelt verzauberten, kennt jedes Kind in Brasilien, sie sind immer noch präsent. Zwar reichte es in Spanien nur zur Zwischenrunde. Doch die Art und Weise, wie der inzwischen verstorbene Kapitän Sócrates, Zico oder Falcao in fünf Spielen vier Siege errangen, ist bis heute in Brasilien unvergessen. Das Team von 1982 gilt bis heute wegen seiner spielerischen Klasse als die beste Nationalmannschaft, die nie einen WM-Titel gewann. Sie scheiterte am späteren Weltmeister Italien und Paolo Rossi, der im letzten WM-Zwischenrundenspiel beim 3:2 gegen Brasilien drei Treffer beisteuerte. Er sollte der Star des Turniers im Team des Weltmeisters Italien werden.

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          Vielleicht ist auch deshalb die Aufmerksamkeit in den brasilianischen Favelas besonders groß, wenn sich ausgerechnet diese Fußballikonen Brasiliens nun an einer Aktion beteiligen, um den Armenvierteln in Rio de Janeiro im Kampf gegen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronavirus-Krise zu helfen. Die Initiative ging von der Gruppe „Mütter der Favela“ aus, die Organisation übernahm der Favela-Dachverband „Central Unica das Favelas“ (Cufa).

          „Die brasilianische Nationalmannschaft von 1982 ist wegen ihrer Kreativität bekanntgeworden, durch ihre Einheit und durch ihre kollektive Arbeit. Aber jetzt werden wir ein neues Spielfeld für unser Brasilien betreten“, sagte Falcao, der mit seiner Videobotschaft den Startschuss für die Hilfsmaßnahme gab. Dahinter steckt wohl auch eine politische Botschaft, denn die 82er-Elf gilt als ein Team, das sich unter der Führung von Sócrates der rechten Militärdiktatur entgegengestellt hatte.

          Spenden für die Ärmsten

          Der im Land immer noch enorm populäre Zico, den sie in Brasilien den weißen Pelé rufen, bat die Brasilianer um Geschlossenheit in dieser schweren Krise: „Die Mannschaft von 1982 und du, gemeinsam gegen das Coronavirus.“ Die Brasilianer sind aufgerufen, Geld oder Sachspenden für die Favelas aufzubringen. Auf der Internetseite „maesdafavela.com.br“ sind Spenden ab 30 Reais (etwa sechs Euro) möglich, Unternehmen können Waren bereitstellen. Unlängst waren bereits mehr als 1,5 Mio Reais (umgerechnet 300.000 Euro) eingegangen; damit sollten zum Beispiel Reis, Nudeln und Hygieneartikel gekauft werden. Die Unterstützung ist nötig, denn die Bewohner in den großen Armenvierteln sind von der Coronavirus-Krise besonders betroffen. Vielen fehlt es an einfachen Mitteln wie Seife oder Desinfektionsmitteln. Die Preise dafür sind in die Höhe geschossen.

          Zwar hat die Regierung des wegen seines wissenschaftsfeindlichen Kurses umstrittenen rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro damit begonnen, Arbeiterinnen und Arbeitern aus dem sogenannten informellen Sektor 600 Reais auszuzahlen, damit diese sich mit den notwendigsten Lebensmitteln eindecken können. Doch erst einmal müssen die Menschen dieses Geld auch erhalten. Und längst nicht jeder in den Armenvierteln hat Anspruch auf diese Direkthilfe. Und weil der Präsident die Pandemie als „Grippchen“ bezeichnete, wächst dort, wo sie ohnehin sozusagen am Ende der Nahrungskette stehen, täglich die Wut und Ohnmacht. Die Helfer des Cufa sind in jedem Fall seit einiger Zeit in den Favelas unterwegs und verteilen in Eigenregie Lebensmittel und Sachspenden an die in ihren Häusern festsitzenden Menschen.

          Sozial engagiert: Die einstigen Fußballgrößen Falcao (links) und Zico, hier bei der WM 1982

          Wie in Europa legt auch der brasilianische Fußball wegen der Coronavirus-Krise eine Zwangspause ein. Die meisten Klubs helfen jetzt in ihren Städten wegen der Pandemie mit Spenden. Es ist vielleicht auch der Versuch, die tiefe Kluft, die die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 im Land gerissen hat, zu überwinden. Zehntausende Menschen waren vorher im ganzen Land auf die Straße gegangen, um gegen die katastrophalen Zustände im brasilianischen Gesundheitswesen zu demonstrieren. Sie forderten Investitionen in Krankenhäuser und Schulen statt in die Stadien. Doch die damalige Regierung unter Präsidentin Dilma Rousseff und ihrem Vorgänger Lula da Silva hatte sich noch unter dem Eindruck eines vermeintlich zu erwartenden Aufschwungs entschieden, die Milliarden lieber für eine sündhaft teure Stadionlandschaft auszugeben. Weil das Land dazu noch von einem gigantischen Korruptionsskandal rund um den Baukonzern Odebrecht erschüttert wurde, wandten sich viele Menschen vom Fußball ab – einen Besuch in den neuen teuren Arenen konnten sich viele gar nicht leisten.

          Nun kommen sich Fußball und Fans, auch durch den Einsatz von Falcao und Zico, offenbar wieder ein bisschen näher. Dazu kommt, dass Superstar Neymar eine Millionenspende ankündigte. Philippe Coutinho von Bayern München ließ in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro Hilfspakete verteilen. Brasilien registriert grundsätzlich, dass nicht wenige Fußballer, die ihre Kindheit in den Favelas verbracht haben, ihre Wurzeln allem Anschein nach nicht vergessen haben.

          Und so bekommt plötzlich auch das Stadion eine neue Bedeutung, das als die vielleicht größte Fehlplanung der WM 2014 gilt. Die Arena Mané Garrincha in der Hauptstadt Brasília, eine halbe Milliarde Euro teuer, wurde wie andere Stadien zu einem Behelfshospital. Die 70.000 Zuschauer fassende Arena wird heute für den Fußball kaum noch gebraucht, denn in der Hauptstadt gibt es keinen erfolgreichen Profiklub. Für das dort eingesetzte Geld hätten vermutlich auch 500 kleine Gesundheitsstationen oder 50 kleine Krankenhäuser gebaut werden können. Nun immerhin werden in der Arena in Corona-Zeiten ein paar hundert Betten aufgestellt.

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