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Saisonabbruch im Fußball : „Werden alle Anwälte engagieren, die es gibt“

Wird in dieser Saison nicht mehr auf den Rasen zurückkehren: Ajax-Profi Hakim Ziyech Bild: AP

Nach dem Saisonabbruch in den Niederlanden droht dem nationalen Fußballverband Ärger. Mehrere Vereine gehen auf die Barrikaden. Sie wollen klagen.

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          Klubs schäumen vor Wut über das Ergebnis und das Procedere, Klagen sind bereits angekündigt. Einem Außenseiter wird die Chance auf die Meisterschaft genommen, dazu gibt es verhinderte Aufsteiger und einen verhinderten Europa-League-Teilnehmer – das ist die Bilanz, nachdem die erste namhafte Fußball-Nation in Europa ihre Saison vorzeitig beendet hat. Der niederländische Fußball demonstriert anderen europäischen Ligen, welche Diskussionen ihnen bei einem Saisonabbruch bevorstünden. Und liefert damit ein Beispiel, warum sie im Ausland so verzweifelt versuchen, ihre Spielzeiten noch irgendwie zu Ende zu bringen.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch der niederländische Fußballverband KNVB hatte darauf lange gehofft. Vorige Woche entschied er dennoch, die Saison in der Eredivisie und der Zweiten Liga („Eerste Divisie“) abzubrechen. Zumindest darüber gab es wenig Streit, denn die Politik hatte eine klare Ansage gemacht: Großveranstaltungen bleiben bis zum 1. September verboten – auch Spiele ohne Zuschauer, wie sie dem KNVB vorgeschwebt hatten –, gegen den Widerstand einiger Klubs übrigens.

          Wie aber ist die Saison zu werten? Im Reglement gibt es dazu keinen entsprechenden Passus. Ist die Spielzeit also als nicht gespielt zu betrachten? Oder sollte man lieber den aktuellen Tabellenstand zugrunde legen? Letzteres war allein schon wegen des zersplitterten letzten Spieltags problematisch: Die meisten Klubs hatten 26 Spiele ausgetragen – vier von ihnen aber erst 25, darunter die ersten drei in der Tabelle: Ajax Amsterdam, AZ Alkmaar und Feyenoord Rotterdam. Ganz unten hatten alle Mannschaften 26 Mal gespielt. Wenigstens wären also Meisterschaft und Abstieg von der unterschiedlichen Spielezahl nicht verzerrt worden. „Eines steht fest“, prognostizierte der für den bezahlten Fußball zuständige KNVB-Direktor Eric Gudde vor der Entscheidung: „Es gibt keine Lösungen, die jedem passen. Hier und da werden Enttäuschungen und schmerzhafte Situationen vorkommen.“

          Er sollte recht behalten. Denn der KNVB entschied sich für die Variante eins. Kein Meister, keine Auf- und keine Absteiger in dieser Saison – und damit auch wenige Gewinner. Am ehesten vielleicht noch beim ewigen Ajax-Rivalen PSV Eindhoven. Dort rechnete man sich nach einem schwachen Jahr ohnehin kaum Chancen für den Rest der Saison aus. Für die nächste hat man nun den früheren Leverkusener Trainer Roger Schmidt verpflichtet. Und wenigstens kann sich Rekordmeister Ajax nun im Dauerduell keinen 35. Titel auf die Liste setzen.

          Enttäuschung herrscht dagegen vor allem bei AZ Alkmaar und bei all jenen, die sich an der Dauerdominanz von Ajax, PSV und gelegentlich noch Feyenoord stören. Beim Abbruch stand Alkmaar nämlich punktgleich auf Platz zwei, zudem fiel Ajax zuletzt in ein kleines Formtief. Noch mehr Aufregung gibt es weiter unten. Als salomonisches Urteil stand zunächst unter anderem zur Diskussion, niemanden ab- und dennoch zwei Klubs aus der Eerste Divisie aufsteigen zu lassen. Kommende Saison hätten dann 20 Klubs in der Eredivisie gespielt. Diese Variante fiel jedoch durch, unter anderem mit Blick auf die ohnehin überfüllten Terminkalender im Profifußball.

          So befragte der KNVB die Profiklubs, ob es je zwei Auf- und Absteiger geben oder lieber alles beim Alten bleibe solle. 16 Klubs stimmten für Ersteres, neun dagegen, neun enthielten sich. Eine relative Mehrheit also für Auf- und Abstieg, aber inklusive Enthaltungen keine absolute. Der KNVB konstatierte, „dass es keinen klaren Vorzug für eine der Optionen gab“. Davon profitieren die Tabellenletzten der Eredivisie, ADO Den Haag und RKC Waalwijk. In der Eerste Divisie aber lag Tabellenführer Cambuur Leeuwarden mit elf Punkten Vorsprung vor dem Dritten klar auf Aufstiegskurs, der Zweitplazierte De Graafschap hatte immerhin noch sieben Punkte Vorsprung. „Dies ist die größte Schande in der niederländischen Sportgeschichte“, wütete Cambuur-Trainer Henk de Jong dementsprechend auch. Beide Klubs kündigten an, rechtliche Schritte einzuleiten.

          Genau wie der FC Utrecht aus Liga eins, der sich gleich doppelt benachteiligt fühlt. Für das europäische Geschäft qualifizieren sich die ersten fünf Klubs der Eredivisie. Utrecht steht als Sechster hinter Willem II Tilburg – mit drei Punkten weniger, aber einem Spiel Rückstand und der weitaus besseren Tordifferenz. Da schafft auch die Uefa-Maßgabe keine Klarheit, die Plätze für Europa seien nach „sportlicher Leistung“ zu vergeben. Im Pokalfinale gegen Feyenoord hätte Utrecht eine weitere Chance gehabt, sich für Europa zu qualifizieren. Aber das ist abgesagt, eine Verschiebung in die neue Saison abgelehnt. Utrechts Mehrheitseigner Frans van Seumeren kündigte bereits an, nun „alle Anwälte, die es gibt“, zu engagieren.

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