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Gewalt bei der Copa América : Wenn der Hass das Spiel kontrolliert

  • -Aktualisiert am

Außer sich: Cavani sucht das Gespräch mit Jara nicht gerade freundlich Bild: AP

Die Wunden werden immer tiefer: Die Spirale der Emotionen dreht sich im südamerikanischen Fußball weiter und weiter – ein Ausstieg ist nicht in Sicht. Bei der Copa América macht die blinde Wut auch vor Weltstars nicht Halt.

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          Die Reporter des chilenischen Fernsehsenders T13 sind empört. Wie kann es Oscar Tabarez wagen, Respekt einzufordern, ereifert sich der Moderator. Uruguay hat doch selbst eine Geschichte voller Provokationen und Skandale. Die Aufarbeitung der Szene bei der Copa America, der südamerikanischen Meisterschaft, um den Mainzer Bundesligaprofi Gonzalo Jara im Spiel gegen Uruguay zeigt, wie es um die Moral im südamerikanischen Fußball bestellt ist. Es gibt keine.

          Der Chilene Jara hatte Stürmer Edinson Cavani mit einem Griff ins Hinterteil zu einer Abwehrreaktion provoziert. Eine rüde Unsportlichkeit und der Beginn von Hässlichkeiten, die zu minutenlangen Rangeleien, wüsten Beschimpfungen und handgreiflichen Auseinandersetzungen führten. Uruguays Spieler verloren in der Schlussphase die Nerven, gingen bei der 0:1-Niederlage im Viertelfinale auf alles los, was sich ihnen in den Weg stellte. An ein Fußballspiel war in dieser Phase nicht mehr zu denken, für den restlos überforderten Schiedsrichter Sandro Ricci aus Brasilien ging es nur noch darum, die Partie irgendwie über die Bühne zu bekommen.

          Brutale Keilerei

          Kritik am Verhalten von Jara, dem Auslöser der chaotischen Szenen, gibt es in Chile kaum. Mitspieler, aber auch Journalisten stellen sich hinter den Provokateur. Und der Sender T13 begann umgehend in seinem Archiv nach Vergehen der Uruguayer zu suchen: den Skandalen um den bissfesten Luis Suarez, dessen Handspiel im Nachspiel im Viertelfinale bei der WM 2010 und dem Jubel in Uruguay über diese Unsportlichkeit, die am Ende das Weiterkommen bedeutete. Man fand auch Bilder einer brutalen Keilerei aus den 50er-Jahren. Die Botschaft der Recherche: Ihr seid doch keinen Deut besser als wir!

          Ein paar Tage zuvor war es in Santiago zu einem spektakulären Wutausbruch gekommen. Brasiliens Weltstar Neymar konnte die Vorrundenniederlage gegen Kolumbien nicht verwinden. Erst drosch er einen Ball mit voller Wucht in den Rücken eines kolumbianischen Gegenspielers, dann ging er auch noch den Schiedsrichter an und sah dafür Rot. Auch dieser Ausraster hat seine Vorgeschichte. Wie so vieles in Südamerika.

          Auf den Grapscher folgt die Schelle: Cavani hat Jara eine gelangt

          Zu frisch waren die brasilianischen Erinnerungen an das inzwischen schon historische Viertelfinale bei der WM im eigenen Land. Die schwere Verletzung, die der Kolumbianer Carlos Zuniga dem Star des FC Barcelona mit einem Tritt in den Rücken beibrachte, hat Neymar nicht vergessen. Doch das ist nur die halbe Geschichte. In derselben WM-Partie veranstalteten die Brasilianer geradezu eine Hetzjagd auf den kolumbianischen Star James Rodriguez, dazu wurde einem kolumbianischen Tor die Anerkennung verweigert. Seitdem stehen sich die nationalen Lesarten des Spiels unversöhnlich gegenüber: Beide Seiten fühlen sich betrogen; Kolumbien ums Halbfinale, Brasilien um eine Vorschlussrunde mit Neymar.

          All das kam in der Partie bei dieser Copa America wieder hoch. Neymar provozierte während der Partie seinen ehemaligen Peiniger Zuniga, und der ganze Frust kam wieder hoch, als es abermals Kolumbien war, das ihm auf dem Weg zu einem ersten großen Titel mit der Seleção im Weg stand. Nach dem Spiel hatten die Brasilianer - wie die Uruguayer in der anderen Partie - schnell den Schuldigen gefunden: „Der Schiedsrichter war der Aufgabe nicht gewachsen“, sagte Brasiliens Trainer Carlos Dunga, der die Schiedsrichterschelte einer öffentlichen Zurechtweisung von Neymar vorzog.

          Wirklich aufgelöst werden kann der Ärger nicht, schon in den nächsten Monaten stehen die WM-Qualifikationsspiele an. Dann heißt es wieder Chile gegen Uruguay und Brasilien gegen Kolumbien. Und genau das ist eine der Ursachen für die ständigen Disziplinlosigkeiten im südamerikanischen Fußball. Rache. Jedes Spiel wird zum Duell.

          Diego Lugano, früherer Kapitän der uruguayischen Mannschaft, der auf ein Comeback bei „La Celeste“ hofft, schickte via Twitter Gonzalo Jara schon einmal eine unmissverständliche Botschaft. Man werde sich schon irgendwo auf diesem Planeten wieder treffen, und dann werde er sich mal mit ihm „unterhalten“, so Lugano zur Freude der uruguayischen Fans. Die Fans malten unterdessen die berühmte Skulptur von Mario Irarrázabal in Punta del Este, die überdimensionalen Finger einer Hand im Sand, ganz in der Farbe ihrer Nationaltrikots an: Himmelblau. Die Urheber hinterließen eine Botschaft an die „titellosen“ Gastgeber und ein Foto eines der Täter, die eine Maske von Uruguays ehemaligem Staatspräsidenten „Pepe“ Mujica trugen. So was vergisst man in Chile nicht. Das riecht nach Rache.

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