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Gewalt bei der Copa América : Wenn der Hass das Spiel kontrolliert

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Ohne Rücksicht auf Verluste: Venezuelas Rondon (r.) entgeht dem Stollen des Peruaners Ascues nur haarscharf
Ohne Rücksicht auf Verluste: Venezuelas Rondon (r.) entgeht dem Stollen des Peruaners Ascues nur haarscharf : Bild: AFP

Und so vererben sich die Wut und der Hass auf die nächste Generation von Spielern und Fans. Immer weiter dreht sich die Spirale der Emotionen, und es gibt keinen Ausstieg. In Südamerika sind gerade diese Duelle die Spiele, in denen es um alles oder nichts geht. Die Copa America ist wichtig, noch wichtiger ist aber, wer sich in der knüppelharten WM-Qualifikation durchsetzt. Die großen Nationen in Europa gehen sich dank Setzliste in der Qualifikation für EM oder WM aus dem Weg.

Auf europäische Verhältnisse übersetzt, würden die südamerikanischen Eliminatorias, die Qualifikationsrunden, bedeuten, dass sich Italien, Deutschland, England, Spanien, die Niederlande und Frankreich mindestens alle zwei Jahre in entscheidenden, schicksalhaften Partien gegenüberstünden. Und immer blieben ein paar Traditionsmannschaften auf der Strecke, blieben tiefe Wunden. In Europa aber ist es möglich, dass sich die Erzrivalen aus Deutschland und Holland manchmal ein ganzes Jahrzehnt durch die Fügung von Turnierauslosungen aus dem Weg gehen.

Keine Zeit für Entspannung

In Südamerika aber ist jedes Spiel der zehn Kandidaten für die vier bis fünf Plätze ein sportlicher Überlebenskampf, und der beginnt alle vier Jahre aufs Neue. Die Konkurrenten können sich nicht aus dem Weg gehen, und so werden die Animositäten ständig mit neuen Episoden aufgeladen und weiter verstärkt. Zeit für eine Entspannungspolitik gibt es nicht.

Hinzu kommen die geistigen Brandstifter wie der argentinische Journalist Elio Rossi, der beispielsweise vor dem Spiel bei der Copa America zwischen Kolumbien und Argentinien die kolumbianischen Cafeteros „eine Bande von Missgeburten“ nennen durfte. Oder Kolumbiens früherer Nationalspieler Faustino Asprilla, der sich publikumswirksam erregt: „Neymar ist Betrug am Fußball.“ In den sozialen Netzwerken, mit denen die junge Spielergeneration eng verknüpft ist, werden solche Kommentare zu nationalen Angelegenheiten aufgebauscht.

Weltstar mit Aggressionen: Brasiliens Neymar (Nummer 10) hat seine Nerven nicht im Griff
Weltstar mit Aggressionen: Brasiliens Neymar (Nummer 10) hat seine Nerven nicht im Griff : Bild: AP

Die Feindseligkeiten setzen sich bis in den Vereinsfußball fort. Hier sind es nicht die Länder, sondern die großen Fanlager der Klubs, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Regelmäßig werden hier Grenzen überschritten. Beim Duell zwischen River Plate und den Boca Juniors in der südamerikanischen Champions League, der Copa Libertadores, kam es jüngst in der Halbzeit zu einem Pfefferspray-Attentat auf die Spieler von River Plate. Der Sicherheitschef von Boca redete anschließend den Vorfall klein: Das gehöre nun mal zum Fußball dazu.

Funktionäre bringen nicht den Mut auf, sich diesen Entwicklungen in den Weg zu stellen. Das liegt meist daran, dass sie auf die Stimmen der Fans bei den nächsten Klubwahlen angewiesen sind. Deswegen lassen sie die gefürchteten „barras bravas“ gewähren. Drogenhandel, organisierte Kriminalität bis hin zu tödlichen Angriffen auf andere oder eigene Fans gehören in den Millionenstädten Südamerikas dazu. Nur wenige Organisationen wie die argentinische Nichtregierungsorganisation „Salvemos al Fútbol“ haben den Mut, sich diesen mächtigen Verstrickungen von korrupter Politik und kriminellen Banden in den Weg zu stellen. Sie erhalten Morddrohungen.

Raus mit dir! Cavani sieht die Rote Karte
Raus mit dir! Cavani sieht die Rote Karte : Bild: AFP

Die Spitzenfunktionäre der Klubs und der Verbände hingegen haben kein Interesse, sich mit der kriminell durchsetzten Fanszene anzulegen: Sie würden ihre lukrative Position mit Blick auf den Zugriff auf TV-Gelder in Gefahr bringen. Es ist kein Zufall, dass es ausgerechnet lateinamerikanische Verbandsfunktionäre sind, die im Zuge des Korruptionsskandals rund um die Kontinentalverbände Conmebol und Concacaf in Haft sitzen. Und ebendiese Persönlichkeiten wie José Maria Marin (Brasilien), Nicolás Leoz (Paraguay) oder der inzwischen verstorbene Präsident des argentinischen Fußball-Verbandes „Don Julio“ Grondona waren in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich eine derart brutale Kultur im südamerikanischen Fußball breitmachen konnte: korrupt, gewalttätig und frei von jeglicher Moral.

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