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Confed-Cup : Pirlos Kindheitstraum

  • -Aktualisiert am

Man of the Match: Andrea Pirlo Bild: REUTERS

Er strahlt Ernsthaftigkeit aus, und träumt doch den Traum jedes Fußball spielenden Kindes. Er scheint dem Primat der Entschleunigung zu folgen, und ist doch der Taktgeber der italienischen Mannschaft: Andrea Pirlo.

          3 Min.

          Einmal auf dem Rasen des Maracana-Stadions stehen und dazu noch ein Tor schießen: Andrea Pirlo hat sich seinen Kindheitstraum erfüllt. Und wie. Am Ende staunten 70.000 Zuschauer an einem der mythischen Orte des Weltfußballs über den mit 34 Jahren längst erwachsenen Italiener. Er erfüllte  seine Mission mit heiligem Ernst und bescherte sich zu seinem Jubiläum selbst.

          Der Italiener begriff sein hundertstes Länderspiel am späten Sonntagnachmittag (Ortszeit) dazu als Verpflichtung, dem geschätzten Publikum die ganze Bandbreite seiner noch immer erlesenen Klasse vor Augen zu  führen. Damit veredelte er noch den 2:1-Sieg der Squadra Azzurra über Mexiko im ersten Spiel der Italiener bei dieser brasilianischen  Confederations-Cup-Ausgabe. Wie er den Treffer zum 1:0 (27. Minute) per  Freistoß erzielte, das war hohe Fußballkunst. Ball hinlegen, sich Zeit nehmen,  mal nach rechts, mal nach links, mal nach unten schauen, einmal noch mit der Zunge über die Lippen fahren, dann der Anlauf, der angedrehte Schuss, der  Torwart, der zum Zeichen der Aufgabe die Fäuste einzieht, und drin war der  Ball. Danach erlaubte sich der sonst meist verschwiegene, introvertierte Spielmacher der Nationalelf und von Meister Juventus Turin ausnahmsweise einen Freudenhüpfer mit vor Glück geballten Fäusten.

          Wieder-Entdeckung der Langsamkeit

          Manchmal ist es auch ein Glücksfall für diesen Sport, in dem alles immer schneller und immer dynamischer zu werden scheint, einem wie Pirlo bei seiner  künstlerisch wertvollen Arbeit zuzuschauen. Er, der gelegentlich nur über den  Platz zu traben und dabei dem Primat der Entschleunigung  zu folgen scheint, er  kann auch anders und ist in diesen Momenten, da Entscheidungen reifen mit einer  Passpräzision, einem magischen Auge für die Mitspieler und auch der Fähigkeit  gesegnet, sich aus dem Zentrum des defensiven Mittelfeldes bis in die  Sturmspitze zu schleichen.

          So setzte er die Mexikaner  bei seinem Jubiläum matt  und servierte den Kollegen allein in der ersten Hälfte, in der er einmal  elfmeterwürdig gefoult wurde, drei wunderbare Vorlagen, die jederzeit zu  weiteren Treffern hätten führen können. Pirlos Nationltrainer Cesare Prandelli zog symbolisch den Hut vor dem „Man  oft he Match“, als er sagte: „Natürlich war er glücklich, hier sein hundertstes Spiel für Italien gemacht zu haben. Dass er dazu auch noch getroffen hat an  diesem historischen Ort, war phantastisch. Er ist Fußball, ein phantastischer Spieler, der bescheiden geblieben ist.“ Genauso nahm Pirlo auch die  Auszeichnung des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) im Unterhemd in  Empfang und war sicher froh darüber, nicht mehr als zwei Fragen beantworten zu  müssen.

          Tor, und was für ein Tor: Da gönnt sich der sonst so verschwiegene sogar einen Freudenhüpfer
          Tor, und was für ein Tor: Da gönnt sich der sonst so verschwiegene sogar einen Freudenhüpfer : Bild: AP

          Im Maracana, wo die brasilianische Ikone Pelé sein tausendstes  Karrieretor erzielte und Zico den Stadionrekord mit 333 Treffern hält,  das Tor  des Tages geschossen zu haben, davon habe er nicht einmal „zu träumen gewagt“. Nur am Rande erwähnenswert, dass die Mexikaner nach Barzaglis  ungeschicktem Foul an dos Santos zwischenzeitlich durch Hernandez’ Elfmeter  ausglichen (34.) und Mario Balotelli, auch am Sonntag wieder eine Wucht, das 2:1 (78.) mit der Kraft eines muskelbepackten Athleten schoss.

          Dass er danach  wieder einmal nicht anders konnte, als sich des Trikots zu entledigen und  seinen stählernen Oberkörper zu zeigen, nahm Prandelli als überflüssiges  Ärgernis wahr. Der eitle Angreifer wurde verwarnt und ist deshalb in diesem  Mini-Turnier ein Jahr vor der WM 2014 von einer Sperre bedroht. Genervt sagte  der Mann, der die Italiener wie kaum einer seiner Vorgänger attraktiven  Offensivfußball spielen lässt: „Jetzt hat wirklich jeder seine Muskeln  gesehen. Beim nächsten Mal braucht er sie nicht mehr zu zeigen.“

          Seriöse Ernsthaftigkeit

          Gegenüber dem Hünen Balotelli wirkt der Lombarde Pirlo schmächtig. Und anders als bei dem gelegentlich grimmige Miene zu seinem guten Spiel machenden Mittelstürmer, mutet Pirlos Ernsthaftigkeit, die er durch seinen Vollbart nicht  kaschieren muss, seriös und prägend. Der Meister des ruhenden Balles, der es gewohnt ist, alle Freistöße und Eckbälle auszuführen, hat es deshalb auch nicht  nötig,  falsche Urheberrechte  für sich zu reklamieren.

          Seine Freistoßraffinesse hat sich der Schweiger bei einem Brasilianer abgeguckt. Pirlo bewunderte die Kunstfreistöße von Juninho, mit denen er vor Jahren Olympique Lyon zu einer nationalen und internationalen Größe machte. „Ich habe im Training immer wieder probiert, den Ball so zu treffen wie er das getan hat.“ Plagiate können herrlich aussehen, wenn sie zu originären  Zaubereien werden. Seit Sonntag gehört auch Andrea Pirlos Magie zum Mythos Maracana.

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