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Confed-Cup : Lucio zwischen Triumph und Alltagssorgen

  • -Aktualisiert am

Emotion pur: Lucio nach dem Schlusspfiff in Johannesburg Bild: AP

In Südafrika bescherte Lucio seiner brasilianischen Nationalmannschaft den Sieg im Confed-Cup. In München spielt der Kapitän der Selecao unterdessen angeblich nur eine Nebenrolle in den Planungen von Neu-Trainer van Gaal. Sehr zum Ärger des Brasilianers.

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          Beim Schlusspfiff konnte Lucio nicht mehr an sich halten. Der scheinbar unerschütterliche Kapitän der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft brach in Tränen aus. Alles, was sich während der vergangenen Wochen in ihm aufgestaut hatte, floss nun ans Abendlicht. Der kantige Abwehrchef ließ sich von seinen Emotionen fortreißen und kostete die Momente seines tief empfundenen Glücks intensiv wie kein anderer Star der Selecao aus.

          Eben hatte der fünfmalige Weltmeister zum dritten Mal den Confederations Cup erobert - nach einem begeisternden Schlagabtausch mit dem Team der Vereinigten Staaten. Und Lucio war zum Helden eines unvergesslichen Sonntagabends im Johannesburger Ellis-Park-Stadion geworden, als er das Überholmanöver der Südamerikaner mit einer Energieleistung krönte (siehe: Confed-Cup-Finale: Lucio köpft Brasilien zum Titel).

          „Wir können, wir können“

          Wie sich der Innenverteidiger in der 84. Minute nach Elanos Eckball hochschraubte, seine Mimik vor Hochspannung vibrierte und er dann voller Kraft einen Kopfball aufs amerikanische Tor bugsierte, das war die pure Energie eines Profis mit immensem Willen. Aus dem 0:2 zur Pause nach Toren von Dempsey (10.) und Donovan (27.) war ein 3:2 für die Mannschaft von Trainer Carlos Dunga geworden.

          Spielführer und Siegtorschütze: der Münchner Lucio

          Zeit, dass sich was dreht, hatten sich Spieler und Trainer bei Halbzeit zugerufen. „Jeder“, sagte Lucio später, „hat gesagt, wir können das noch schaffen, wir können, wir können.“ Und so kam es dann auch in diesem feurigen Duell mit einem überaus couragierten Gegner. Zuerst hatte Mittelstürmer Luis Fabiano mit all seiner Wucht und Raffinesse den Rückstand ausgeglichen (46./73.), und dann kam der mächtige Lucio und setzte den Schlussakkord im bisher besten aller acht Confed-Cup-Endspiele. Ein Jahr vor der Weltmeisterschaft in Südafrika grüßte bei der mit einem Feuerwerk überwölbten, emphatisch genossenen Siegesfeier der erste Titelfavorit. Mag auch noch nie ein Gewinner des Konföderationenpokals anschließend den Weltpokal erobert haben: Dieser exquisit ausbalancierten Auswahl ist 2010 ein da Capo im großen Fußball-Weltkonzert zuzutrauen.

          Lucios Ärger auf seinen bayrischen Arbeitgeber

          Auch dann wird die Selecao wieder von Lucio angeführt. Doch ob der 31 Jahre alte Brasilianer dann noch die Abwehr von Bayern München dirigiert? In seine Tränen gemengt war nach dem Triumph bei einem Turnier, das Brasilien von Sieg zu Sieg führte, auch die bittere Enttäuschung über seinen Klub. „Ich danke“, sagte Lucio, „meiner Mannschaft, meiner Frau Dione, die mich in den letzten Tagen unterstützt hat, als ich einige unangenehme Überraschungen von meinem Verein gehört habe. Als man mir gesagt hat, dass Bayern nicht mehr mit mir plane, war das ein Schock für mich.“

          Offiziell indes hat bisher niemand der Bayern-Bosse eine solche Absicht kundgetan. Was herumgeht, ist das Gerücht, dass der neue Trainer Louis van Gaal keinen gesteigerten Wert auf die fortgesetzten Dienste dieser verdienten Abwehrgröße lege. Lucio ist seit immerhin fünf Jahren ein Markenzeichen seiner Mannschaft; sein Vertrag mit den Münchnern läuft 2010 aus. Der Anführer des brasilianischen Defensivverbundes ist noch am frühen Montagmorgen um 2.30 Uhr mit der Selecao gen Rio geflogen und macht jetzt erst einmal Urlaub in seiner Heimat. „Ich weiß noch nicht, wie meine Zukunft aussieht“, sagte er zum Abschied von Johannesburg, nachdem er aller Welt preisgegeben hatte, wie er unter den Spekulationen um eine Scheidung zwischen ihm und seinem Klub, den Lucio in sein Herz geschlossen hatte, gelitten habe.

          Unermüdlicher Kämpfer

          „Gott“, hob der nach dem Schlusspfiff im Kreise seiner Kollegen auf die Knie gefallene und inbrünstig betende Lucio hervor, „ist der einzige, der mir Kraft gibt. Er kennt die Momente, wenn man traurig ist und allein in seinem Zimmer weint.“ Wenn sie in München genau hingesehen haben, mit welcher Hingabe und Passion sich dieser Weltmeister von 2002 in Südafrika für seine Mannschaft verzehrt hat, werden sie es sich sehr genau überlegen, ob sie ein brasilianisches Fußball-Vorbild tatsächlich vorzeitig gegen eine stattliche Ablöse ziehen lassen.

          Dass Lucio in der zurückliegenden Spielzeit mit sich und den spezifischen Umständen bei den Bayern unzufrieden war, sagte er auch an einem Tag, da Brasilien obenauf war, und zum Siegerpokal auch noch die Ehrungen für Luis Fabiano als besten Torschützen (fünf Treffer) und den Goldenen Ball für Kaká als bestem Spieler des Turniers einheimste. „Es war eine harte Saison“, gestand der sperrige Verteidiger mit dem unwiderstehlichen Vorwärtsdrang, „nur Gott weiß, was ich durchgemacht habe.“ Gott sei Dank löste sich Lucios Mix aus Frust und Freude in seinen Tränen auf und wich dem Gefühl höchster Glückseligkeit. „Jetzt bin ich nur noch glücklich“, sagte Lucio, der den goldenen Konföderationen-Pokal um 22.47 Uhr dorthin streckte, wo sein wichtigster Wegbegleiter zu Hause sein soll: gen Himmel.

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