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Confed-Cup : Brasilianische Gefahren

  • -Aktualisiert am

So weit die Füße tragen: Das Halbfinale zwischen Spanien und Italien war ein Kraftakt Bild: Getty Images

Anderes Klima und lange Reisen; die Eigenart des Rasens und die Größe des Platzes: Die Fußball-Weltmeisterschaft wird für Teams aus Europa zu einer besonderen Prüfung. Umstellen müssen sie sich deswegen jedoch nicht.

          Der Schweiß tropfte Trainer Vicente del Bosque von der Stirn, der Anzug des stets adrett gekleideten spanischen Nationaltrainers war fast völlig durchnässt. Das Bild lässt keinen anderen Schluss zu: Der Mann leidet. Die klimatischen Voraussetzungen beim Halbfinale zwischen Spanien und Italien (7:6 im Elfmeterschießen) beim Confed Cup in Brasilien waren nicht nur für die 22 Kicker auf dem Rasen, sondern auch für den eigentlich hitzeresistenten Spanier eine Herausforderung. In Fortaleza spürten die beiden Mannschaften die ganze Wucht des brasilianischen Klimas. Rund 30 Grad und eine hohe Luftfeuchtigkeit verlangten den Spielern alles ab. Trotzdem lieferten sich Spanien und Italien einen Kampf mit offenem Visier. Das wird die europäische Konkurrenz mit Erleichterung zur Kenntnis genommen haben.

          Rund drei Flugstunden entfernt sah die Welt ganz anders aus. Gastgeber Brasilien traf bei angenehm kühlen Temperaturen im etwas höher und südlicher gelegenen Belo Horizonte auf Uruguay. Hier ist das klimatische Ambiente im brasilianischen Winter ein ganz anderes. Es sind ideale Bedingungen, wie geschaffen für das gefürchtete europäische Pressing. Doch hier standen sich eben keine europäischen, sondern zwei südamerikanische Mannschaften gegenüber. Brasilien gewann trotz durchschnittlicher Leistung 2:1 und steht an diesem Sonntag im Finale gegen Spanien (24 Uhr MESZ/ live im ZDF).

          WM 2014: eine riesige Herausforderung

          Vielleicht ist es genau dieses klimatische Lotteriespiel, das Bundestrainer Joachim Löw vor ein paar Wochen zu seiner vielzitierten Aussage verleitete: „Eigentlich ist es unheimlich schwierig, in Brasilien zu gewinnen.“ Auch Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff hatte befürchtet, dass es „für eine europäische Mannschaft unmöglich ist, den Titel in Südamerika zu holen“. Die Aussagen verursachten in Deutschland großen Wirbel. So oder so: Die WM 2014 wird eine riesige Herausforderung.

          Der frühere Liverpool-Coach Gerard Houllier, der in Brasilien in seiner Eigenschaft als Mitglied der „Technical Study Group“ des Internationalen Fußball-Verbandes von Stadion zu Stadion hetzte, bestätigte jüngst die Befürchtungen der aufgeschreckten Deutschen: „Ich glaube, dass die Bedingungen in Brasilien das Tempo bestimmen werden. Man wird nicht viel Pressing sehen.“ Houlliers Erkenntnisse decken sich mit denen, die Löw und Bierhoff in diesen Tagen vor Ort sammelten. Die hohe Luftfeuchtigkeit in einigen Spielorten, vor allem an der Ostküste und am Amazonas, und die langen Reisen werden den Teams viel Kraft rauben, sagt der Franzose. Seine Konsequenz: „Wenn man in der Hitze oder im Regen spielt, muss man den Ball sicher in den Fuß spielen können. Deswegen ist Brasilien gefährlich, weil sie daran gewöhnt sind.“

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          Argumentative Unterstützung erhielten Bierhoff und Löw zuletzt von Roy Hodgson. Der Trainer der englischen Nationalmannschaft sagte nach dem Eröffnungsspiel des runderneuerten Maracana-Stadions in Rio de Janeiro zwischen Brasilien und England (2:2) Anfang Juni: „Das Gras ist hier ein ganz anderes. Es lässt nicht die Geschwindigkeit zu, die wir in Europa spielen.“ Die Brasilianer hätten sich darauf perfekt eingestellt. Weil sie die Bälle immer anheben und chippen, würden sie das geringere Tempo umgehen.

          Spielstil anpassen, ändern oder sogar aufgeben?

          Allerdings muss für die WM in allen Stadien neuer Rasen verlegt werden, der einer Fifa-Norm entspricht. Wie dieser Rasen unter den klimatischen Bedingungen in Brasilien wächst und gedeiht, ist eine andere Frage. Der Platz im Maracana sei auch viel breiter, als man dies aus englischen oder europäischen Stadien kenne. Das zumindest wird man in Spanien gern hören, denn der Rasen im Stadion Nou Camp gilt als einer der größten in der Champions League. Und dort spielt bekanntlich der FC Barcelona, der den größten Teil des spanischen Kaders abstellt.

          Der DFB will nun die gesammelten Eindrücke vor Ort in Ruhe analysieren. Der Wahl des richtigen Standortes kommt eine noch größere Bedeutung zu als bei den vorangegangenen Meisterschaften. Der Bundestrainer schwankt dabei zwischen einem Quartier an der Ostküste oder nahe der Millionen-metropole São Paulo: „Salvador da Bahia ist dabei eine von mehreren Optionen, aber wir haben auch noch zwei, drei andere - wie etwa São Paulo oder Recife. Wir müssen uns erst die Vor- und Nachteile jedes Standortes vor Augen führen“, sagte Löw.

          Die eigentliche Glaubensfrage ist aber eine andere: Wird die deutsche Nationalmannschaft wegen der langen Reisen und den möglichen Sprüngen zwischen Klima- und Zeitzonen ihren kräfteraubenden Spielstil anpassen, ändern oder sogar aufgeben? Nachdem sich Löw selbst ein Bild gemacht hat, macht seine Aussage Anhängern des Offensivspektakels Hoffnung: „Wer glaubt, hier mit destruktivem Fußball etwas gewinnen zu können, der täuscht sich gewaltig.“ Löw geht sogar noch einen Schritt weiter und korrigiert sich mit Blick auf das gute Umschaltspiel seiner Mannschaft: „Die hier herrschenden Verhältnisse werden vielleicht sogar ein Vorteil für uns sein.“ Es scheint, als habe der Bundestrainer die Angst vor den Verhältnissen verloren.

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