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Chuck Blazers Geständnis : Wie der Fifa-Kronzeuge auspackte

  • -Aktualisiert am

Da war ihre Welt noch in Ordnung: Chuck Blazer und Sepp Blatter 2005 vor dem Fifa-Confed-Cup in Deutschland Bild: Reuters

Es war ein Schlüsselmoment während der Ermittlungen, die zum Rückzug von Fifa-Chef Blatter führten: Vor einem Richter in New York macht Funktionär Chuck Blazer reinen Tisch. Das Protokoll liefert Hinweise darauf, was noch folgen könnte.

          Der Richter war sich nicht sicher, wie man die Abkürzung Fifa auf Englisch richtig ausspricht. Aber einer der Staatsanwälte konnte helfen: „Es heißt fie-fah, Euer Ehren.” Immerhin wusste der mit Fußballdingen wenig vertraute Ehrenwerte Raymond J. Dearie, dass er den für diesen Teil des Verfahrens im November 2013 jedweden noch so harmlosen Zuschauer aus dem Gerichtssaal ausschließen musste. Er ließ den Raum verriegeln, um absolute Verschwiegenheit zu bewahren. Denn sonst, sagte er, könnte die Ermittlungsarbeit der Staatsanwaltschaft „ernsthaft, wenn nicht sogar irreparabel” gefährdet werden.

          Dann nahm die Verhandlung ihren Lauf. Und Chuck Blazer, der ehemalige Generalsekretär der nord- und mittelamerikanischen Fußballföderation Concacaf, ein schwergewichtiger Mann, der damals schon nicht nur unter Dickdarmkrebs litt, sondern auch unter Altersdiabetes und angeschlagenen Herzkranzgefäßen, gab ein Geständnis ab, das insgesamt zehn Straftaten umfasst.

          Chuck Blazers Sündenregister

          Eine Stunde später war das Prozedere zu Ende, und der Angeklagte hatte in kurzen Sätzen alles zugegeben, was man ihm zur Last gelegt hatte: Steuerhinterziehung, den Empfang von Bestechungsgeldern, bandenartige Verschwörung, um sich zusammen mit anderen zu bereichern, Betrug, Geldwäsche und das Versäumnis ausländische Konten und deren Zwischenstand einmal im Jahr den Finanzbehörden zu melden. Schon allein das in den Vereinigten Staaten eine strafbare Handlung, die mit bis zu fünf Jahren Haft belegt ist.

          Blazer wusste, dass er damit sein Schicksal besiegelt hatte: Er würde irgendwann ins Gefängnis gehen müssen und Millionen an Schadenersatz und an Geldstrafen bezahlen. „Haben Sie noch irgendwelche Fragen’”, wollte der Richter Dearie wissen. „Nein, Sir”, entgegnete der ehemalige Fußballfunktionär, der 2011 vom Fifa-Ethikausschuss vernommen worden war, jedoch noch zwei Jahre lang im Exekutivkomitee der Organisation wirken konnte.

          Weshalb sich der 70 Jahre alte Blazer damals dem Druck der staatsanwaltlichen Ermittlungen beugte und sich zum Kronzeugen machen ließ, wird aus dem Protokoll der Verhandlung nicht deutlich, das am späten Mittwoch (MESZ) in New York der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. So wie auch der Charakter der Zusammenarbeit von Blazer mit dem FBI und der Staatsanwaltschaft nicht erkenntlich wird. Anders als in einem anderen von den Ermittlern erstellten Papier, das bereits vor einer Woche öffentlich gemacht wurde. In dem werden zwar Mittäter nicht beim Namen genannt, sondern nur mit einer Nummer belegt.

          Weggefährten belastet

          Dennoch lassen sich aus dem Kontext der Schilderungen eine Reihe von Personen eindeutig identifizieren. Darunter der langjährige Blazer-Intimus Jack Warner, der als Präsident der Concacaf zusammen mit seinem damaligen Generalsekretär so manches Ding einfädelte. Darunter wohl auch die Bestechungsaktionen rund um die Vergabe der Weltmeisterschaften 1998 und 2010. Warner, dessen zwei Söhne und Geschäftspartner bereits ihre Rolle in der Abwicklung von kriminellen Machenschaften zugegeben haben, bestreitet jedes Vergehen und wartet in seiner Heimat Trinidad & Tobago darauf, von den Behörden nach Amerika ausgeliefert zu werden.

          Am Mittwoch mietete er für acht Minuten einen der Fernsehkanäle des Inselstaates und gab unter dem Titel „The Gloves are off” (im Sinne von „ohne Rücksicht auf Verluste”) eine Erklärung ab, in der der aktive Politiker und ehemalige Minister sich einerseits über die Regierung des Landes beschwerte und andererseits betonte, dass er Dokumente und Schecks habe, die eine Verbindung zwischen Fifa-Offiziellen, einschließlich Joseph Blatter, und den Parlamentswahlen 2010 in Trinidad dokumentieren. „Ich entschuldige mich dafür, dass ich dieses Wissen nicht schon vorher geteilt habe.”

          Seine Beschuldigungen betreffen keinen der Anklagepunkte, die die amerikanische Staatsanwaltschaft gegen Warner erhoben und dessen Auslieferung die amerikanische Regierung beantragt hat. Sie wirken eher wie eine bewusste Gegeninszenierung, um die Legitimität einer aufgrund eines Abkommens zwischen beiden Staaten möglichen Überstellung von Warner in die Untersuchungshaft in den Vereinigten Staaten zu diskreditieren.

          Erkrankung kann juristische Folgen haben

          Wie es mit Blazer weitergeht, ist ebenfalls nicht klar. Genauso wenig, ob er gesundheitlich zu einer Aussage in der Lage ist in den angestrebten Prozessen gegen Warner und die 13 anderen in der letzten Woche angeklagten Fußballfunktionäre und mit ihnen verbandelten Geschäftsleute. Blazer befindet sich schon eine ganze Weile in einem Krankenhaus. Seine bisherigen Geständnisse können nach amerikanischem Rechtsverständnis nicht gegen Angeklagte verwendet werden, die keine Gelegenheit hatten, diese Aussagen im Rahmen eines Kreuzverhörs zu überprüfen und in Frage zu stellen.

          Russland und Präsident Wladimir Putin (rechts) bekamen die WM 2018 überreicht Bilderstrecke

          Die bislang bekannten Ermittlungsergebnisse lassen allerdings nicht den Schluss zu, dass er als Kronzeuge in jeden Fall gebraucht wird. Viele der Anschuldigungen basieren auf Kontobewegungen, wobei unter anderem amerikanische Banken involviert waren, die von den Geldinstituten dokumentiert wurden. Selbst wenn den Beschuldigten nicht alle Punkte nachgewiesen werden können, ist bereits mit dem Vorwurf der Geldwäsche die Androhung hoher Gefängnisstrafen verbunden. Ein Grund für Angeklagte, sich möglicherweise auf strafmindernde Arrangements mit der Staatsanwaltschaft einzulassen und im Gegenzug alles zu gestehen, was sie wissen, und weitere Mittäter zu belasten.

          Ob und wie viele Anklagen noch erhoben werden, wie das seit Tagen von amerikanischen Medien unter Berufung auf anonyme Quellen in den Ermittlungsbehörden immer wieder behauptet wird, lässt sich anhand der 40 Seiten Protokoll des Blazer-Geständnisses nicht erkennen. Selbst die mit Genehmigung des Richters geschwärzten Stellen erwecken aufgrund ihrer Kürze nicht den Eindruck, als ob sie über die bislang schon bekannten Details hinaus weitere explosive Erkenntnisse enthalten.

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