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Christian Lell im Gespräch : „In der Breite ist die Qualität in der Bundesliga höher“

  • Aktualisiert am

Christian Lell: „Ich blicke ohne Emotionen zurück“ Bild: picture alliance / dpa

Christian Lell war dabei, als der FC Bayern 2009 in Barcelona ein Desaster erlebte. Seit 2012 spielt der ehemalige Bundesliga-Profi bei UD Levante. Die aktuelle deutsche Dominanz in der Champions League hat für ihn vor allem physische Ursachen.

          2 Min.

          Herr Lell, aus ganz Europa kommen Lobeshymnen auf den deutschen Fußball. Ist auch in Spanien die Achtung gestiegen?

          Auf jeden Fall. Ich merke das bei meinen spanischen Mitspielern. Die Jungs konnten das auch nicht fassen. Barça und Real, das sind die größten Mannschaften in Spanien, und dann werden beide einfach so abgeschossen.

          Kann es sein, dass Barcelona nach all den Erfolgen in den vergangenen Jahren zu satt ist?

          Nein, das glaube ich nicht. Die führen die Primera División mit elf Punkten Vorsprung an, haben in 33 Ligaspielen 101 Tore geschossen. Die Bayern haben es so wirken lassen, als wäre Barça nicht mehr hungrig. Bayern war physisch einfach deutlich überlegen - und Dortmund auch.

          Wird in Spanien weniger hart trainiert?

          Aus meiner Erfahrung bei UD Levante kann ich sagen, dass nicht so viel Wert auf die physischen Grundlagen gelegt wird. Alles ist am Spielerischen orientiert. Die taktische Schulung ist hervorragend. Es wird viel mit Videos gearbeitet.

          Wie schätzen Sie das Niveau der spanischen Primera División im Vergleich zur Bundesliga ein?

          In der Breite ist die Qualität in der Bundesliga höher. Dass zwei Klubs wie Barça und Real die Liga derart dominieren können, hängt vor allem mit der Verteilung der Fernseheinnahmen zusammen. Anders als in Deutschland, wo die Fernsehgelder aus einem gemeinsamen Topf aufgeteilt werden, kann in Spanien jeder Klub seinen TV-Vertrag selbst aushandeln. Das führt dazu, dass Barça und Real jeweils 150 Millionen einnehmen und sich ein Klub wie UD Levante mit 20 Millionen begnügen muss.

          Spanien leidet unter der Wirtschaftskrise. Ist das auch ein Grund für die Verschiebung der Machtverhältnisse zugunsten der deutschen Spitzenvereine?

          Mit Sicherheit. Die Immobilienkrise zieht sich bis in die Klubs hinunter. Bayern und Barça machen beide Riesenumsätze. Aber der Unterschied ist, dass den Verantwortlichen in München keine Bank im Nacken sitzt. Der Klub ist wahrscheinlich schuldenfrei, während Barcelona Hunderte Millionen Euro an Verbindlichkeiten mit sich herumträgt.

          Damals ein Desaster: Lell (l.) und Schweinsteiger (r.) scheitern an Messi (Mitte)

          Darf man Sie auf das ChampionsLeague-Viertelfinalspiel 2009 im Camp Nou ansprechen?

          Klar, ich habe keine Problem damit.

          Damals hat Barcelona die Bayern beim 4:0 vorgeführt. Sie standen auch auf dem Platz. Waren das die bittersten 90 Minuten Ihrer Karriere?

          Ich blicke da ohne Emotionen zurück. Das war damals eine ganz andere Ausgangssituation als heute. Es gab bei uns Ausfälle, dazu der Torwartwechsel. Das war eine Mannschaft, die aus der Not heraus geboren wurde.

          Kann man sagen, dass diese desaströse Niederlage gleichzeitig die Geburtsstunde des neuen FC Bayern war?

          Das klingt zu radikal. Aber es hat sicherlich einen Denkprozess bei den Verantwortlichen angestoßen und sie dazu veranlasst, einen neuen Weg zu gehen.

          Beim 0:4 im Camp Nou mussten Sie gegen Messi verteidigen, der zwei Tore schoss. Vor dem Hinspiel in München haben Sie gesagt, Messi könne man nicht ausschalten. Gilt das immer noch nach der schwachen Vorstellung in München?

          Ich bin mir nicht sicher, ob er 100 Prozent fit war. Man hatte den Eindruck, als hätte er noch eine Woche Pause gebraucht. Vielleicht ist er am Mittwoch in einer besseren Verfassung.

          Cristiano Ronaldo ist die zentrale Figur bei Real. Kürzlich trafen Sie beim 1:5 mit Levante gegen Real auf ihn - er erzielte ein Tor. Wie hat es der BVB geschafft ihn aufzuhalten?

          Ich spiele selten gegen einen solchen Top-Athleten, der alles mitbringt. Ihn zu stoppen, schafft man nur im Kollektiv.

          Könnte es trotz des Vier-Tore-Vorspungs für den FC Bayern noch eng werden?

          Nein, das Bayern-Team wirkt in sich so gefestigt, da sehe ich keine Gefahr.

          Eine bayerische Erinnerung

          Champions League, Viertelfinale, Saison 2008/2009: FC Barcelona - Bayern München 4:0

          FC Barcelona: Valdes - Dani Alves, Marquez, Piqué, Puyol - Xavi, Yaya Touré (81. Busquets), Iniesta - Messi, Eto’o (Bojan), Henry (74. Keita).
          Trainer: Pep Guardiola.

          Bayern München: Butt - Oddo, Demichelis, Breno, Lell - van Bommel - Schweinsteiger, Zé Roberto (77. Sosa), Hamit Altintop (46. Ottl), Ribéry - Toni.
          Trainer: Jürgen Klinsmann.

          Tore: 1:0 Messi (9.), 2:0 Eto’o (13.), 3:0 Messi (38.), 4:0 Henry (43.).

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