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Kommentar : Chinas Spiel mit dem Fußball

Der Brasilianer Hulk (rechts) ist nur ein Spieler, der mit viel Geld nach China gelockt wurde. Bild: AFP

Chinas Präsident hat Fußball zur Staatssache gemacht. Das erklärte Ziel: Weltmeister werden. Gehälter und Ablösen sind schon weltmeisterlich. Für den großen Sprung braucht es aber etwas anderes.

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          Maos „Großer Sprung nach vorn“ für China kostete Millionen Menschenleben. Xi Jinpings großer Sprung nach vorn für Chinas Fußball kostet Millionen von Euro. Das ist ein Fortschritt. Was unter dem Diktator misslang und zu Hungersnöten führte, der überhastete Versuch, das Land mit den Industrienationen des Westens konkurrenzfähig zu machen, ist mehr als ein halbes Jahrhundert später längst verwirklicht - in der Produktion und, damit zusammenhängend, vielleicht bald auch in der Torproduktion. Präsident Xi hat den Fußball zur Staatssache gemacht. Das erklärte Ziel: Weltmeister werden.

          Die Gehälter und Ablösen, um Stars aus Europa und Südamerika nach China zu locken, sind bereits weltmeisterlich. Selbst im inflationierten Fußballmarkt ist ein Jahressalär von fast vierzig Millionen Euro für einen 32-jährigen Stürmer wie Carlos Tevez mit rationalen Kriterien nicht zu fassen. Ebenso wenig wie die mehr als zweihundert Millionen Ablöse, die für die Brasilianer Oscar, Hulk, Ramires und Teixeira gezahlt wurden. Für Chinas Ökonomie, die dynamischste der Welt, ist das nur Spielgeld.

          Wie Shandong Luneng, von Trainer Felix Magath vor dem Abstieg bewahrt, gehört ein Großteil der Erstligaklubs riesigen Immobilienfirmen - den Profiteuren des Wirtschaftsbooms, die erst in Steine, nun in Beine investieren. Es klingt jedoch heuchlerisch, wenn nun ausgerechnet Trainer Antonio Conte jammert, China sei „eine globale Gefahr für alle“. Sein Klub Chelsea kassierte für Oscar und Ramires mehr als hundert Millionen Euro und steht als Tabellenführer der Premier League im Fressschema des Transfermarktes immer noch weit oben.



          Bisher profitiert Europa von China, man wird Mitläufer und alternde Stars mit Gewinn los. Mal abwarten, wie erst gejammert wird, wenn die Quelle wieder versiegt. Denn inzwischen stößt die Geldverschwendung auf ersten Widerstand in der Partei. Deren Organ „Volkszeitung“ beklagt, dass die Ausgaben für Ausländer die Stärkung der Basis behinderten. Die Zahl der pro Verein eingesetzten Ausländer soll bald von vier auf drei reduziert werden.

          Das große Ziel ist 2030. Dann will China die WM ausrichten. Für die Bewerbung hat man bereits deutsche Unterstützung zugesagt bekommen - im Rahmen einer Kooperation, in der das Land auch Nachhilfe in der Trainer- und Talentausbildung vom DFB erhalten soll. An ihr mangelt es. Seit der einzigen WM-Teilnahme 2002 (drei Niederlagen, 0:9 Tore) ist Chinas Nationalteam in der Qualifikation stets gescheitert. In der Asien-Ausscheidung für 2018 steht es abgeschlagen auf dem letzten Platz. Die Spieler, die China 2030 Ehre machen sollen, sind aber nicht die Ü-30-Latinos, die man überteuert kauft, sondern die U-14- und U-16-Chinesen, die jetzt die bestmögliche Ausbildung und bald erstklassige Erfahrung brauchen. Für den großen Sprung benötigt China nicht Geld, sondern Geduld. Es könnte ein Satz aus der Mao-Bibel sein: Wer zu früh springt, fällt hin.

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          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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