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Chiles Volksheld Arturo Vidal : Wie ein Unfall die Copa America überschattet

  • -Aktualisiert am

Das Auto, in dem Arturo Vidal saß, wurde erheblich beschädigt bei dem Unfall Bild: AFP

Arturo Vidal ist der Star der chilenischen Fußball-Nationalelf. Während der Copa America im eigenen Land wird er in einen schweren Autounfall verwickelt. Offenbar ist Alkohol im Spiel. Trotzdem darf Vidal weiter mitspielen.

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          Die rechte Seite seines Ferraris ist aufgerissen, auf dem Asphalt der „Routa 5“ in Santiago liegt ein abgerissenes Nummernschild. Ein weiteres Fahrzeug ist durch die Wucht des Aufpralls ebenfalls stark beschädigt und liegt auf einer Seite. Der Staub des trockenen chilenischen Winters hat sich bereits über die beiden Autos gelegt, als die ersten Kameras am Schauplatz des Geschehens eintreffen. Der schwere Unfall, den der chilenische Fußball-Nationalspieler Arturo Vidal nach lokalen Medienberichten mit 1,2 Promille im Blut zumindest mitverursacht hat, hat die derzeit in Chile laufende Copa América zur Nebensache gemacht und droht die Karriere Vidals zu gefährden.

          Die chilenischen Tageszeitungen berichten via Live-Ticker, alle nationalen Fernsehsender haben ihr Programmschema unterbrochen und gehen live auf Sendung. Vidal wurde noch in der Nacht von den zuständigen Behörden in Empfang genommen, auf TV-Bildern ist dem ehemaligen Bundesligaspieler von Bayer Leverkusen der Schock ins Gesicht geschrieben, als er zwischen den Polizeibeamten im Fahrzeug sitzt.

          „Ich hatte heute einen Unfall, es war nicht meine Schuld. Mir geht es gut, meiner Familie geht es gut. Danke für alles“, ließ Vidal später mitteilen. Es war der erste Versuch, Schadensbegrenzung zu betreiben. Das Polizeifahrzeug hat Mühe, sich durch die Menge von Journalisten einen Weg zu bahnen.

          Die Nacht zum Mittwoch dürfte eine Zäsur im Leben des chilenischen Superstars von Juventus Turin bedeuten, egal wie die juristische Aufarbeitung des Unfalls ausgehen wird. Neben zwei Jahren Führerscheinentzug drohen Vidal theoretisch auch mehrere Jahre Haft. Während vor dem Gerichtsgebäude „San Bernardo“, in dem Vidal sich erklären muss, Hunderte Journalisten warten, wird im chilenischen Fernsehen bereits über die Zukunft Vidals im Trikot der „Roja“ diskutiert.

          Bei einer Pressekonferenz am Mittwoch blieb Vidal bei Wasser

          Er habe seine Vorbildfunktion verloren, schreiben erboste User. Andere fordern, erst einmal die Ermittlungen abzuwarten. Die meisten Fans, die sich vor dem Gerichtsgebäude versammelt haben, fordern aber die sofortige Freilassung Vidals. Nach seiner Vernehmung wird Vidal in ein Krankenhaus gebracht. Sein Führerschein wird einbehalten. Während das Gerichtsverfahren läuft, so die Auflage, muss der Juve-Profi einmal im Monat im chilenischen Konsulat in Mailand vorstellig werden.

          Der Fall wird die chilenische Öffentlichkeit noch länger beschäftigen. Benjamin Silva, Vater eines verunglückten Mädchens und Initiator des sogenannten Gesetzes „Ley Emilia“, das den Namen seiner Tochter trägt, beklagte bereits eine Sonderbehandlung des Superstars. „Es ist eine Schande, dass er nicht in einer Zelle, sondern in einem Büro warten durfte“, so Silva.

          Der Spieler von Juventus Turin ist der große Star bei Gastgeber Chile

          Das „Ley Emilia“ sieht vor, dass Verursacher eines Autounfalls unter Alkoholeinfluss, bei dem Menschen verletzt wurden, mindestens ein Jahr in Haft müssen. Silva kündigte an, den Fall aufmerksam zu verfolgen. Die Stiftung Silvas forderte Vidal zu einer umfassenden Stellungnahme auf. Das Land ist wegen der Debatte um das Gesetz besonders sensibilisiert.

          Justizministerin Javiera Blanco erklärte laut Tageszeitung „La Tercera“ allerdings erstaunlich schnell, dass der Fall Vidal nicht unter das „Ley Emilia“ falle. Offenbar, weil es keine schwerverletzten Personen bei dem Unfall gegeben habe. Die chilenische Regierung um die angeschlagene Präsidentin Michelle Bachelet, die bei den Heimspielen von „La Roja“ auf der Tribüne saß, hofft, dass der erste Gewinn der Copa América die Stimmung im Land auch zu ihren Gunsten kippen lässt. Carlos Albornoz, Neffe Vidals und dessen persönlicher Finanzberater, sagte chilenischen Medien, der Spieler sei zur umfassenden Kooperation mit der Staatsanwaltschaft bereit. Vidals Berater Fernando Felicevic traf ebenfalls am Morgen ein, offenbar ist das Umfeld des Stars angesichts der juristischen Ausgangslage sehr besorgt.

          Die Copa América sollte eigentlich ein Karrierehöhepunkt von Arturo Vidal werden. Vor der Südamerikameisterschaft wurden unzählige Werbespots mit dem Mittelfeldspieler, der in Europa sein Geld verdient, gedreht. Von Hochhäusern in Santiago de Chile hängen riesige Werbeplakate mit dem Konterfei des in seiner Heimat äußerst populären Spielers. Bei den ersten beiden Spielen gegen Ecuador (2:0) und Mexiko (3:3) traf Vidal dreimal und führt damit die Torschützenliste an, die Zuschauer begrüßten ihn jeweils mit frenetischem Applaus. Er ist der unumstrittene Star und Leader im Team.

          Jorge Sampaoli plant indes weiter mit seinem besten Mann bei dieser Copa América. Der Nationaltrainer hatte Vidal am Morgen im Gerichtsgebäude San Bernardo besucht, bevor er sich später auf einer Pressekonferenz äußerte. „Er ist für uns ein sehr wertvoller Spieler, er hat einen Fehler begangen, der nicht so schwerwiegend ist, um ihn auszuschließen“, sagte Sampaoli. Er hatte seine Spieler bislang an der langen Leine gehalten. Vidal nutzte das bereits am Wochenende zu einem aufsehenerregenden Ausflug mit einem Ferrari zur Rennbahn. Ausführlich begleitet von den chilenischen Medien. Zu solchen spektakulären Ausflügen wird es jetzt erst einmal nicht mehr kommen.

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