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Chelsea und Hiddink : Krönung einer wunderbaren Freundschaft

Stolzer englischer Pokalsieger: Michael Ballack gewann mit Chelsea den FA-Cup gegen Everton Bild: AFP

Es ist sein dritter Titelerfolg in England: Michael Ballack gewann mit dem FC Chelsea den FA-Cup gegen Everton. Großen Anteil hatte der Deutsche gar nicht am Erfolg. Letztlich reichte es zum 2:1 - ein unvergesslicher Abschied für Trainer Hiddink.

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          Böse Zungen behaupteten gern, der beste deutsche Fußballer könne keine Finals außerhalb von Berlin gewinnen (wo er dreimal mit dem FC Bayern den Pokal geholt hatte). Nun, nach zwei verlorenen Champions-League-Endspielen, einem verlorenen Europameisterschafts-Finale, einem verpassten Weltmeisterschafts-Finale, einem verpassten englischen Pokalendspiel und einem nicht ganz lupenreinen, aber um so schmerzlicheren „Finale“ um die deutsche Meisterschaft (in dem er 2000 mit einem Eigentor in Unterhaching den ewig währenden Leverkusener Titelalbtraum begründete) - nun endlich hat Michael Ballack sie Lügen gestraft. Am Samstag gewann er mit dem FC Chelsea das englische Pokalfinale vor 89.000 Zuschauern im Londoner Wembley-Stadion.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Er brauchte dazu nur eine halbe Stunde. Bei der Startaufstellung vom scheidenden Trainer Guus Hiddink - als dessen Nachfolger Carlo Ancelotti vom AC Mailand am Montag, ausgestattet mit einem Dreijahresvertrag, präsentiert worden ist - übergangen, kam Ballack, dessen Vertrag mit Chelsea um ein weiteres Jahr bis 2010 verlängert wird, nach einer Stunde beim Stande von 1:1 gegen Everton für Essien ins Spiel und zeigte eine unauffällig solide Standard-Darbietung.

          Am 2:1-Siegtor in der 72. Minute war er sogar statistisch beteiligt. Ballack war der Letzte, der den Ball vor dem Torschützen berührte, wenngleich sein Zuspiel eher unspektakulär schien und die Torgefahr erst durch die solistische Kunst von Frank Lampard entstand. Bei seiner Körpertäuschung gegen Phil Neville beinahe ausgerutscht, rappelte sich der strauchelnde Lampard auf und erzielte fast aus dem Stand ein Weltklassetor - aus zwanzig Metern mit links ins linke obere Eck.

          So sehen englische Sieger aus: der FC Chelsea besiegte den FC Everton mit 2:1

          „Das ist einer der größten Erfolge meiner Karriere“

          Nach Sahas frühem Führungstor für Everton schon nach 25 Sekunden - dem schnellsten Tor in der 138-jährigen Geschichte des ältesten Fußballwettbewerbs der Welt - hatte Drogba in der 21. Minute ausgeglichen. Auch Malouda schoss noch ein Tor für Chelsea, das aber fälschlicherweise nicht als 3:1 anerkannt wurde. Sein Schuss knallte von der Latte knapp hinter die Linie, bevor er wieder hinausflog ins Spielfeld - was aber mit bloßem Auge auch für den Linienrichter kaum erkennbar war. Ein echtes Wembley-Tor - kein falsches wie 1966.

          „Den englischen Cup im Mekka des Weltfußballs zu gewinnen“, sagte Hiddink, „ist einer der größten Erfolge meiner Karriere.“ Seine 104 Tage bei Chelsea hatten am Valentinstag begonnen, als er das Pokalspiel gegen Watford von der Tribüne beobachtete. Es war der passende Tag für den Beginn einer wunderbaren Freundschaft: zwischen dem holländischen Trainer, den englischen Fans und einer multinationalen Profitruppe. Alles Flehen von Fans und Spielern, aus dem Interims-Einsatz eine Dauerlösung zu machen, war aber vergeblich. Hiddink kehrt nach Moskau zurück, um Russlands Nationalteam zur WM zu führen.

          Wie bei all seinen Stationen der letzten zehn Jahre, ob in Südkorea, Eindhoven, Australien oder Russland, hat Hiddink bleibende Verehrung geerntet für die ansteckend positive Art, in der er unterschätzte oder gehemmte Teams zur Entfaltung brachte. Bei Chelsea schien die Saison längst in Trümmern, als der große Irrtum mit Luis Felipe Scolari im Februar beendet wurde. Doch unter Hiddink fand das Team alte Stärke zurück, wurde nur durch groteske Fehlentscheidungen am Halbfinalsieg gegen den späteren Champions-League-Gewinner Barcelona gehindert - und holte sich nun den Pokal, „der ein wenig für die Champions League entschädigt“, so Kapitän John Terry.

          „Chelsea ist dabei, wieder auf die Füße zu kommen“

          Genauso große Anerkennung verdienten der FC Everton und dessen schottischer Trainer David Moyes. Dass sein Team, das nicht annähernd mit den Ausgaben der vier Spitzenklubs der Premier League mithalten kann, das Finale erreichte und bis zum Ende offenhielt, war ein kleines Fußballwunder. Dem knappen Kader war früh für die ganze Saison der Torjäger Yakubu mit Achillessehnenanriss abhandengekommen, dann auch Spielmacher Arteta, schließlich Abwehrchef Jagielka. Mitten in der Saison stand Moyes sogar monatelang ohne Stürmer da. Dennoch schaffte er Platz fünf in der Liga, und während Chelsea sich bis zum Pokalhalbfinale gegen Arsenal nur mit unterklassigen Klubs abgeben musste, hatte Everton in jeder Runde ein PremierLeague-Team besiegen müssen, darunter die beiden besten, Lokalrivale Liverpool und Meister Manchester. Doch der letzte Lohn blieb aus. „Chelsea war heute das bessere Team“, räumte Moyes ein.

          „Chelsea ist dabei, wieder auf die Füße zu kommen“, versprach Terry. Wenigstens kann die Konkurrenz aufatmen, dass Hiddink nicht bleibt - von 22 Spielen mit dem Niederländer hat Chelsea nur eins verloren (in Tottenham). Er habe ihnen „das Siegesgefühl“ wiedergegeben, resümierte Terry. Die Spieler gaben Hiddink auch etwas: eine Uhr mit Gravur und ein Hemd mit Unterschriften von allen. „Er war wirklich gerührt“, sagte Terry. Es muss nicht immer ein Pokal sein.

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