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„Serienmörder“ Jürgen Klopp : Getrieben von Begeisterung

Macht manchen Angst: Jürgen Klopp, hier im März in Liverpool Bild: Imago

Als „Welttrainer“ erreicht er die nächste Stufe, dennoch nimmt Jürgen Klopp sich und den Fußball nicht allzu wichtig. Stattdessen bringt er Babys zum Heulen – wie passt das zusammen?

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          Jürgen Klopp wirkt nicht wie jemand, der sich Gedanken um seine Wirkung machen muss. Er hat sie einfach. Die Gedanken macht er sich trotzdem. „Ich bin schon viel ruhiger, als ich mal war“, sagte er nach seiner Ernennung zum „Welttrainer“ in der vergangen Woche in Mailand in einem Interview: „Ich weiß, es ist schwer zu glauben, aber ich bin schon ganz anders.“ Dass man ihm das nicht immer ansieht, schreibt er anatomischen Besonderheiten zu, gerade im Vergleich mit dem Kollegen Guardiola.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          „Pep ist auch lebhaft, aber nicht so sehr. Er sieht besser aus, wenn er schreit. Pep sieht immer perfekt aus – Körper, Klamotten, alles ist perfekt“, sagt Klopp über den ewigen Rivalen. Er selbst dagegen: „Wenn ich schreie, sehe ich aus wie ein Serienmörder. Es ist mein Gesicht. Ich beiße auf eine gewisse Weise meine Zähne zusammen. Babys schaue ich mit demselben Gesicht an. Ich sage: ‚Du bist so süß.‘ Und sehr oft fangen die Babys dann zu heulen an.“

          Babys haben aber auch noch keine Ahnung von Fußball. Und kennen die Zeit vor Klopp nicht. In Liverpool geht es, seit er vor vier Jahren kam, nur nach oben. Auf den Champions-League-Sieg im vergangenen Juni ist ein makelloser Saisonstart gefolgt. Das 1:0 am Samstag in Sheffield war der siebte Sieg im siebten Ligaspiel, eine Serie, die die Hoffnung auf die erste Meisterschaft seit dreißig Jahren schürt. An diesem Mittwoch (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League sowie in der Sky-Konferenz und bei DAZN) streben die „Reds“ zudem in der Champions League gegen Salzburg den nächsten Erfolg an. Mehr noch als die Siege ist es Klopps Persönlichkeit, die einen Sog entfacht. In sich vereint er zwei höchst seltene, scheinbar gegensätzliche Fähigkeiten: erstens die, Menschen zu begeistern und zu höchstem Einsatz zu bewegen; zweitens die, weder sich selbst noch das eigene Metier zu wichtig zu nehmen.

          „Diese Blase, in der wir leben, ist nicht die echte Welt“, schrieb Klopp in einem Text für die Website „The Players’ Tribune“. Darin erläuterte er auch, warum er der vom spanischen Profi Juan Mata gegründeten Initiative „Common Goal“ beitreten und künftig ein Prozent seines Gehalts für wohltätige Zwecke spenden will. „Es ist unsere Verantwortung als privilegierte Leute, etwas zurückzugeben an die Kinder überall auf der Welt, die einfach nur eine Chance im Leben brauchen.“

          Als er zwanzig war, suchte er selbst seine Chance, als junger Vater, als Amateurkicker, als Student mit Job in einem Lager für Kino-Filmrollen. „Ich habe jede Nacht fünf Stunden geschlafen, bin am Morgen ins Lagerhaus, dann in den Hörsaal. Abends habe ich trainiert und bin dann nach Hause, um Zeit mit meinem Sohn zu verbringen.“ Dass er heute auch nach Niederlagen lächele, habe mit dieser Erfahrung zu tun: „Als mein Sohn geboren wurde, begriff ich, dass es im Fußball nicht um Leben und Tod geht.“

          Auf den ersten Blick scheint Klopp sich mit diesen Worten von seinem größten Vorgänger zu distanzieren, von Bill Shankly. Das berühmteste Zitat des Trainers, der den FC Liverpool vor einem halben Jahrhundert von einem Zweitligateam zu einem der großen Klubs Europas machte, lautet: „Es gibt Leute, die denken, Fußball sei eine Frage von Leben und Tod. Ich bin sehr enttäuscht von dieser Einstellung. Ich kann versichern, dass er noch viel wichtiger ist.“

          Aber natürlich war das nicht ernst gemeint, sondern feinster britischer Humor – mit allerdings ernstem Hintergrund. Denn Shankly sah bei aller Hingabe für das Spiel auch die Auswüchse, die der Fanatismus auf den Rängen annahm und die 1985, vier Jahre nach seinem Tod, durch Liverpooler Hooligans zur Katastrophe von Heysel führen sollten. Auch in dieser Hinsicht ist Klopp, für den Fußball „nicht Elend und Hass verbreiten“, sondern „Freude und Inspiration sein“ soll, ein würdiger Nachfolger Shanklys. Auf dessen Bronzestatue an der Anfield Road steht: „Er machte die Menschen glücklich.“ Etwas Ähnliches wird irgendwann auch auf der von Klopp stehen.

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