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Wolfsburg gegen Real : Kleinkunst oder kollektiver Kraftakt?

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Scheitert oft an seinem Ausnahmetalent: Julian Draxler Bild: dpa

Der VfL Wolfsburg hat vom Talent her einen Ausnahmesturm – der seinem Ruf als solchem aber nur selten gerecht wird. Einer geht in Sachen Einstellung dennoch mit gutem Beispiel voran.

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          Brav und kleinlaut – das liegt ihm nicht. Es passt bestens zu Maximilian Arnold, dass er selbst vor diesem ganz großen Duell immer noch ziemlich mutige Töne spuckt. Respekt vor Real Madrid? Hat er in Maßen. Bammel vor dem mit Spannung erwarteten Hinspiel (Mittwoch, 20.45 Uhr / Live bei Sky und im Champions League-Ticker bei FAZ.NET) im Viertelfinale der Champions League? Ist eher nicht sein Ding. Im Grunde wäre es dem VfL Wolfsburg zu wünschen, dass er möglichst viele kleine Arnolds ins Kräftemessen mit dem großen Favoriten schicken könnte. Seinem früheren Kindheitstraum nähert sich der 21 Jahre alte Mittelfeldspieler mit einer Angriffslust an, die aufhorchen lässt. Beispiel gefällig? Das Auftreten von Real-Star Cristiano Ronaldo stuft Arnold schlichtweg als extravagant ein. Auch so kann man also als Nobody des europäischen Fußballs einen Profi von Weltformat willkommen heißen.

          Was Arnold regelmäßig vom Stapel lässt, ist überhaupt nicht böse gemeint. Und wenn er im beruflichen Alltag um sich tritt oder wie ein Rohrspatz schimpft, lässt das nicht auf einen Mangel an Disziplin, sondern eher auf einen Überschuss an Einsatzfreude schließen. Neulich, als sich der VfL Wolfsburg im Bundesliga-Alltag wieder einmal eine Enttäuschung leistete und die Mehrheit seiner Teamkollegen von den hohen Zielsetzungen des Vereins abzurücken versuchte, spielte Arnold einfach nicht mit. „Sich von einem erneuten Platz in der Champions League zu verabschieden, wäre der falsche Ansatz. Wir sind immer noch der VfL Wolfsburg“, fand der Emporkömmling.

          Die Art von Arnold passt perfekt zu jener Vorstellung von Fußball, die Cheftrainer Dieter Hecking gerne spielen lässt. Ärmel hoch, die Aufgaben erfüllen, und ab die Post: Vielleicht wäre es hilfreich, wenn sich im Duell mit dem übermächtigen Konkurrenten aus Madrid alle Wolfsburger Profis so unkompliziert in ihre Aufgabe stürzen würden. Die Fragestellung, wie sich ein Kräftemessen mit Real Madrid sinnvoll bestreiten lässt, bleibt kompliziert. Um sich auf dem höchsten Niveau erfolgreich behaupten zu können, beschäftigt der VfL Wolfsburg unter anderem solche Ausnahmekönner wie Julian Draxler, André Schürrle und Max Kruse. Das Trio gilt als hochbegabt, verinnerlichte diese Einschätzung auch und stolpert genau darüber regelmäßig. Angesichts der horrend hohen Ablösesummen, die der Verein für sein Trio bezahlte, sind die jüngsten Leistungen in der Bundesliga als enttäuschend einzustufen. Selbstkritische Töne sind von Zeit zu Zeit zu hören. Aber auch dezente Hinweise darauf, was sich die Spieler wünschen: „Max und ich sind Spielertypen, die sich ihre Räume suchen“, sagt etwa Schürrle.

          Es tut ihm nicht gut, in ein enges taktisches Korsett gedrängt zu werden. Gleiches dürfte für Kruse gelten. Aber wann immer Hecking seine Freigeister einfach mal machen lässt, wird er eher enttäuscht. Zumindest in der Champions League bewiesen Draxler, Schürrle und Kruse aber bisher mit Nachdruck, dass sie den Unterschied ausmachen können. Lieber mehr kreative Kleinstkunst oder doch besser ein kollektiver Kraftakt – Hecking steht bei der Ausrichtung der Spielstrategie für die beiden wichtigen Partien voeiner schwierigen Aufgabe. Eigentlich müsste sich jedes motivierende Wort erübrigen. Aber diese merkwürdige Lethargie, die zu einem treuen Begleiter des VfL Wolfsburg wurde, lässt sich in dieser Saison nicht verscheuchen. Geschäftsführer Klaus Allofs macht kein Geheimnis daraus, dass es in ihm häufig brodelt.

          Er verliert zuweilen deutliche Worte, nimmt seine Hauptdarsteller aber auch in Schutz. „Julian Draxler und André Schürrle haben dieses Besondere“, findet Allofs. Weil sie es zu selten zeigen und mit dem Team bis auf Rang acht der Bundesligatabelle zurückfielen, wird für die Zukunft noch mehr Besonderes ins Niedersächsische geholt: Die Verpflichtung von Mittelfeldspieler Daniel Didavi vom VfB Stuttgart, der sich am Dienstag bis 2021 an den VfL Wolfsburg band, ist angesichts seiner aktuellen Spielstärke eine gute Nachricht. Ob gegen Madrid nun ein Wunder gelingt oder nicht: Der Transfer beinhaltet die Botschaft an den Kader, dass dessen schwache Momente so oder so Veränderungsprozesse nach sich ziehen.

          Was sportlich nicht immer gelingt, dürfte in wirtschaftlicher Hinsicht ein Gewinn werden. Mit dem Einzug in die Runde der acht besten Teams Europas schuf sich der VfL Wolfsburg eine Planungsgrundlage, die im Dialog mit seinem Hauptsponsor Volkswagen von Belang sein dürfte. Ein Gewinnabführungsvertrag regelt, dass die Fußballfirma an ihren Eigner auch mal etwas zurücküberweisen darf, wenn es gut läuft. Der Rekorderlös in Höhe von rund 74 Millionen Euro, der im Sommer 2015 mit dem Verkauf von Kevin De Bruyne an Manchester City erzielt werden konnte, gestaltete das Geschäftsjahr des VfL Wolfsburg positiv. Die laufenden Einnahmen aus der Champions League sind auch ein Beitrag dazu, dem unter der Abgasaffäre leidenden VW-Konzern monetär weniger zur Last zu fallen.

          All das soll beim Rendezvous mit Real Madrid möglichst keine Rolle spielen. Das Wolfsburger Stadion, in Sichtweite des VW-Werks gelegen, ist mit rund 26.000 Zuschauern ausverkauft. Angeblich hätte man mehr als 50.000 Tickets absetzen können. Alle werden wissen wollen, wie viel Glanz sich mit Hoffnungsträgern wie Draxler, Schürrle und Kruse verbreiten lässt. Und es könnte auch großen Spaß machen mitzuerleben, wie ein gewisser Maximilian Arnold dem Establishment des bezahlten Fußballs die Zähne zeigt.

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