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Hoeneß versus ter Stegen : Abteilung Torwartverteidiger

Wutausbruch am Mikrofon: Uli Hoeneß greift in die Torwartdebatte ein. Bild: Reuters

Das Schauspiel um die deutschen Torhüter geht weiter: Uli Hoeneß macht sich in einem Fernsehinterview die Welt, wie sie ihm für Bayern-Torwart Manuel Neuer gefällt. Er fordert unter anderem von süddeutschen Medien mehr Rückhalt und droht dem DFB.

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          Bei diesem Interview fragt man sich unweigerlich, ob Manuel Neuer sich damit wirklich wohlfühlt. Es war ein merkwürdiger Versuch von Uli Hoeneß, den deutschen Nationaltorwart zu verteidigen gegen den verbalen Frontalangriff durch Nationalmannschafts-„Kameraden“ Marc-André ter Stegen in den vergangenen Tagen. Der Noch-Aufsichtsratsvorsitzende des FC Bayern München polterte nach dem 3:0-Sieg der Bayern gegen Roter Stern Belgrad zum Auftakt der Champions-League-Saison am Mikrofon des Fernsehsenders Sport 1 mal wieder in gewohnter Manier. Diese Empörung aus München klang ein wenig so wie schon im Frühjahr bei der Nationalmannschaftsausbootung der seinerzeit noch in Diensten des FC Bayern stehenden Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller – als alle drei bei den Bayern gleichfalls schon nicht mehr gar so hoch im Kurs standen wie früher.

          Schlüssige Argumente, wie sie ter Stegen am Vorabend mit dem abgewehrten Reus-Elfmeter zur Verteidigung des torlosen Unentschiedens seines FC Barcelona bei Borussia Dortmund geliefert hatte, sah und hörte man in diesem nächsten Kapitel des Ferndiskurses zum Thema „Nummer eins“ diesmal freilich wenig. Auf dem Feld war Neuer schlicht und ergreifend nicht ausreichend gefordert. Abseits des Feldes schoss die „Abteilung Torwartverteidigung“ so am Thema vorbei, dass Marc-André ter Stegen im fernen Barcelona vermutlich amüsiert zugeschaut haben dürfte.

          „Er hat gar keinen Anspruch, dort zu spielen“

          Hoeneß bezeichnete nicht nur die Verweigerung der Münchner Medien, Neuer zu verteidigen, als einen „Witz“, so als sei diese Medienlandschaft ein süddeutscher Informations-Dienst im Auftrag des FC Bayern: „Die westdeutsche Presse unterstützt den Marc-André ter Stegen extrem, wie wenn er schon 17 Weltmeisterschaften gewonnen hätte. Von der süddeutschen Presse sehe ich gar nichts“, sagte Hoeneß. Er leugnete gar die internationale Erfahrung ter Stegens, der seit nun bereits drei Jahren unumstrittener Stammtorwart beim FC Barcelona ist, eines in jüngerer Vergangenheit dann doch deutlich erfolgreicheren und prägenderen Klubs als Bayern München – und den zuletzt eine Jury ehemaliger Spitzentorhüter und -stürmer aus aller Welt und eben nicht eine Gruppe vermeintlich parteiischer westdeutscher Journalisten ohne den Bonus eines Nationaltorhüterdaseins in die enge Dreier-Auswahl bei der Fifa-Kür zum besten Torhüter des Jahres wählte.

          „Er hat gar keinen Anspruch, dort zu spielen“, sagte Hoeneß stattdessen und begründete das mit einer nötigen Klarheit in der Hierarchie und dem Verweis darauf, was Neuer in der Vergangenheit geleistet habe. Das von Bayern München einst so hoch gehaltene Leistungsprinzip scheint bei Hoeneß derweil außer Kraft gesetzt. Schon im Frühjahr hatte er weithin für Verwunderung gesorgt, als er verkündete, dass die Bayern in der vergangenen Spielzeit den maximalen Erfolg bewusst gefährdet hatten durch eine verlängerte Zusammenarbeit mit Franck Ribéry und Arjen Robben trotz deren abfallender Formkurve. Ribéry und Robben hätten sich dieses Abschiedsjahr einfach verdient durch ihre Leistungen der Vergangenheit, hatte Hoeneß damals sinngemäß gesagt.

          Grund zur Sorge für Neuer

          Für den zuletzt nach einem schwierigen WM-Jahr 2018 starken Neuer ist es freilich noch lange nicht soweit, an das Karriereende denken zu müssen. Aber besorgniserregend könnte es dem Schlussmann anmuten, dass Hoeneß offenkundig der Ansicht ist, Neuer habe die einstige Abteilung Attacke zur Verteidigung seines Nimbus ähnlich nötig wie einst Jupp Heynckes im Aufeinandertreffen mit seinem damaligen Erzrivalen Christoph Daum im ZDF-Sportstudio. 1989 hatte Hoeneß, als das Gespräch unter Leitung von Bernd Heller immer hitziger wurde, das Wort und ließ seinen zuvor in der Auseinandersetzung dünnhäutig wirkenden Trainer dabei etwas unmündig erscheinen. Er verlas beispielsweise ein Schreiben eines Journalisten, der Daum Unterlassungserklärungen zugestellt haben soll.

          Auch jetzt wirkt es bemerkenswert, dass Hoeneß offenbar glaubt, ausgerechnet den Kapitän der Nationalmannschaft gegen den DFB verteidigen zu müssen. „Dass man das zulässt, dass ein Mitspieler in die Öffentlichkeit geht mit einem Thema, das er nur mit dem Herrn Löw zu besprechen hat, das ist nicht in Ordnung“, sagte der Bayern-Aufsichtsratschef. Hoeneß kündigte später an, dass die Bayern den „Leuten beim DFB Feuer geben werden“. Ähnlich deutliche Worte verwendete Hoeneß vergangenes Jahr bei der teils grotesken gemeinsamen Pressekonferenz mit Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und Hasan Salihamdzic, bei der die Bayern zum Rundumschlag gegen die Medien ausholten und Hoeneß unter anderem Juan Bernat unterstellt hatte, in einem Spiel in Barcelona einen „Scheißdreck“ gespielt und die Niederlage verschuldet zu haben.

          Nach diesem Auftritt darf man gespannt sein, wer sich in der grotesken Auseinandersetzung als nächstes zu Wort meldet.

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