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TSG in der Champions League : Hoffenheimer stürmen und stümpern

„Für mich bringt das gerade nichts“: Hoffenheims Nico Schulz Bild: AFP

Die TSG bietet gegen Lyon in der Fußball-Königsklasse beste Unterhaltung – doch der Lohn bleibt beim 3:3 wieder einmal karg. Dennoch lässt sich Hoffenheim die Zuversicht auf das Weiterkommen nicht nehmen.

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          Den Ärger über Medien hat der FC Bayern dieser Tage nicht exklusiv. Auch bei der TSG Hoffenheim kam es zu einem Vorfall, der zwar nicht gleich als Angriff auf die Grundrechte gewertet wurde, wohl aber auf die des Umgangs miteinander. So empfanden es die Geschäftsführer der TSG offenbar als respektlos, dass ein Reporter der „Bild“-Zeitung sich einen Überblick über das Geheimtraining vor dem Champions-League-Spiel gegen Olympique Lyon verschaffen wollte. Dazu musste der Mann zwar keinesfalls als Maulwurf tätig werden, es genügte, einen Hügel beim Trainingsplatz zu besteigen, der öffentlich zugänglich ist und somit nicht Hoffenheimer Hoheitsgebiet. Die Akkreditierung für das Lyon-Spiel wurde dem Reporter dennoch entzogen, und zwar, wie die „Bild“ berichtete, mit den besten Wünschen für einen „warmen Fernsehabend“.

          Champions League
          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Tatsächlich versorgte die TSG ihr Publikum am Dienstagabend dann, egal, von wo es zusah, mit ziemlich heißer Ware, das 3:3 gegen Lyon war ein Fußball-Drama voller Leidenschaft, Wendungen und einer Schlusspointe, die eigentlich ganz im Hoffenheimer Sinne war, Joelintons Treffer zum 3:3 in der Nachspielzeit. Doch man musste keine investigativen Recherchen anstellen, um zu erkennen, dass der TSG eher zwei Punkte verlorengegangen waren. Oder, wie es Nico Schulz mit Blick auf den Unterhaltungswert der 90 Minuten (sowie der Nachspielzeit, die den Hoffenheimern verständlicherweise zu kurz vorkam) und die Diskrepanz zum Ertrag formulierte: „Für mich bringt das gerade nix.“

          Auch aus Sicht von Trainer Julian Nagelsmann hätte eigentlich nur die munter drauflosstürmende TSG als Sieger vom Platz gehen dürfen. Dass sein Team bis auf die ersten zehn Minuten das bessere gewesen sei, war keine Übertreibung. „Und ich werde die Jungs so vorbereiten“, kündigte er an, „dass die Jungs das auch im Rückspiel sein können.“ Das nun zugleich ein Endspiel ist, was die Chancen auf ein Weiterkommen in der Königsklasse angeht: Zwei Punkte hat die TSG nach drei Partien auf dem Konto, Lyon derer fünf und Manchester City sechs. Am späten Dienstagabend klangen die Hoffenheimer, als würden sie dieses kleine Finale lieber heute als in zwei Wochen spielen – keiner, der nicht einen Satz voller Zuversicht und auch Trotz in die Mikrofone sprach, so wie Kevin Akpoguma: „Alles ist noch möglich.“

          Aber um wie viel realistischer wäre es gewesen, wenn die TSG ihre Chancen besser genutzt und/oder weniger Fehler gemacht hätte? So lag es nahe, dass auch die Frage nach der internationalen Reife aufkam. Auf diesen Pfad wollte sich Nagelsmann jedoch nicht begeben und betrachtete die Fehler, die zu den Gegentreffern geführt hatten, lieber einzeln und für sich: den von Kapitän Kevin Vogt, dem ein Rückpass zu Torwart Oliver Baumann zu kurz geriet, so dass Bertrand Traoré dazwischenfunken konnte (27. Minute), den von Baumann, der beim 2:2 – Andrej Kramaric hatte die TSG inzwischen mit zwei Treffern in Führung gebracht (33. und 47.) – den Schuss von Tanguy Ndombele ins Torwarteck passieren ließ (59.); in diesem Fall haderte der Trainer auch mit der Entstehung, auf die er sein Team eigentlich vorbereitet wähnte. Und schließlich das 2:3, bei dem, wie Nagelsmann es formulierte, eine „kurze Instabilität im Körper von Akpo“ in letzter Konsequenz dazu führte, dass Memphis Depay allein aufs Hoffenheimer Tor zulaufen konnte (68.). Nagelsmann sprach von „drei Eigentoren“, fügte aber hinzu: „Ich glaube nicht, dass das mit mangelnder Erfahrung auf internationaler Ebene zu tun hat.“ Das sah auch Akpoguma so: „Solche Fehler darfst du nirgendwo machen, in der Champions League, in der Bundesliga, in der dritten Liga, die werden immer bestraft“, sagte er.

          In die Ursachenforschung begab sich Pavel Kaderabek, einer der besten Hoffenheimer an diesem Abend, dessen scharfe Flanken von rechts immer wieder höchste Gefahr für das Lyoner Tor bedeuteten. „Das ist einfach unser Stil“, sagte er. „Wenn du viel mit dem Ball spielst, passieren auch Fehler.“ Seine Schlussfolgerung: „Wenn wir drei Tore kassieren, müssen wir mehr machen.“ Das allerdings klang etwas verwegen, zumal die Hoffenheimer in dieser Saison nicht nur in der Champions League Probleme haben, für ihr Spiel den vollen und verdienten Lohn einzufahren.

          „In der Bundesliga ist es gerade ähnlich“, sagte Nagelsmann und rechnete hypothetisch hoch. Normal kalkuliert, „müssten wir sechs Punkte mehr haben“, sagte er, „wohlwollend könnten es auch neun sein, damit wären wir ganz weit oben“. Einen grundsätzlichen Fehler im System musste man deshalb noch nicht gleich suchen. Womöglich aber wäre es zumindest am Dienstag einen Versuch wert gewesen, die Sache nach dem 2:1 ein bisschen ruhiger anzugehen. In dieser Hinsicht könnte sich die TSG ja durchaus den FC Bayern zum Vorbild nehmen. Wenn auch, ohne respektlos sein zu wollen, vielleicht eher den aus anderen Tagen.

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