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Tottenhams Matchwinner Moura : Der Super-Super-Superheld

  • -Aktualisiert am

„Das ist sehr nahe dran an einem Wunder“: Lucas Moura Bild: dpa

Die Karriere von Lucas Moura war schon ins Stocken geraten. Dann schießt er Tottenham mit einem Hattrick gegen Ajax Amsterdam ins Finale der Champions League.

          3 Min.

          Von allen Beteiligten schien Lucas Moura am wenigsten zu begreifen, was er da gerade angerichtet hatte. Mund und Augen weit aufgerissen, wie in einer Mischung aus Ekstase und Panik, rannte er in die Richtung der Kurve, in der die Fans der Tottenham Hotspurs jubelnd übereinanderpurzelten. Gefolgt von sämtlichen Mitspielern sprang er in die Luft, sank auf die Knie, streckte die Arme seitlich von sich und schrie die in ihm brodelnde Energie heraus.

          Gerade hatte er in der 96. Minute des Halbfinalrückspiels in der Champions League das 3:2 gegen Ajax Amsterdam erzielt, sein drittes Tor an diesem spektakulären Fußballabend. Das Ergebnis reichte wegen der Auswärtstorregelung zu ihrem ersten Einzug ins Finale des europäischen Spitzenwettbewerbs. Dort trifft Tottenham am 1. Juni in Madrid auf den FC Liverpool. Gerechnet hatte damit zur Pause wohl niemand mehr. Amsterdam führte 2:0, hatte das Hinspiel 1:0 gewonnen. Doch dann kam Lucas Moura. „Ein unglaubliches Comeback: Episch, unerwartet, historisch. Tottenham folgt Liverpools Anleitung“, schrieb die Zeitung „The Sun“.

          In der Geschichte der Champions League ist Moura damit der fünfte Spieler, dem in einem Halbfinale ein Hattrick gelungen ist. Dass die Spurs überhaupt so weit gekommen sind, haben sie ebenfalls dem 26 Jahre alten Brasilianer zu verdanken: Im letzten Gruppenspiel gegen den FC Barcelona hatte er wenige Minuten nach seiner Einwechselung in der Schlussphase das Tor zum 1:1 geschossen, wodurch die Londoner als Zweitplazierte vor Inter Mailand in die K.-o.-Phase eingezogen waren.

          Mittelfeldspieler Christian Eriksen sagte nach der Sensation von Amsterdam: „Es war ein lächerliches Spiel. Wir lagen so weit hinten, haben versucht, uns zurückzukämpfen. Wir hatten einfach Glück.“ Über den Hattrick-Schützen Moura sagte er: „Er verdient es. Die Saison war wie eine Achterbahnfahrt. Er hat uns ins Finale gebracht, und ich hoffe, er bekommt dafür in England eine Statue.“

          Mauricio Pochettino, Tottenhams Trainer, hatte seine Spieler schon nach dem gewonnenen Viertelfinale der Champions League gegen Manchester City zu „Helden“ erklärt. Das wiederholte er nun, wobei er Moura besonders hervorhob: „Wenn die anderen Spieler Superhelden sind, dann ist Lucas ein Super-Super-Superheld. Er war unglaublich, so präzise vor dem Tor. Es ist eine magische Nacht für ihn.“ Als der Brasilianer vor knapp anderthalb Jahren bei Tottenham angekommen sei, habe er es schwergehabt, sagte Pochettino weiter. „Eine schwierige Phase, aber wir haben immer an ihn geglaubt – und nun seht, was heute passiert ist.“

          Im Januar 2018 war Lucas Moura für rund 25 Millionen Pfund von Paris Saint-Germain zu Tottenham Hotspur gewechselt. Er ist noch immer der neueste Zugang des Klubs, der weder im vergangenen Winter- noch im vorangegangenen Sommer-Transferfenster weitere Spieler verpflichtet hat. Der Bau des neuen Stadions für ungefähr eine Milliarde Pfund hat zu viele Ressourcen verschlungen. Unmittelbar nach seiner Ankunft in England kam Moura jedoch kaum zum Einsatz. Wie schon während seiner letzten Monate in Paris, als er nach 229 Spielen in fünf Jahren oft nicht mehr im Kader stand. In den 14 zum Zeitpunkt des Wechsels verbleibenden Spielen in der Rückrunde der Premier-League-Saison 2017/18 kam er sechsmal zum Einsatz, zum Teil aber nur für wenige Minuten.

          Matchwinner mit drei Toren im Halbfinale der Champions League: Tottenhams Lucas Moura
          Matchwinner mit drei Toren im Halbfinale der Champions League: Tottenhams Lucas Moura : Bild: dpa

          In einem Interview mit „Sky Sports“ sagte er rückblickend über seine Anfangszeit in London: „Ich kam mitten in der Saison hier an, also war es nicht leicht, zu spielen und sich an ein neues Spiel zu gewöhnen.“ Pochettino habe ihm jedoch versichert, dass man längerfristig mit ihm plante. „Also musste ich daran glauben, geduldig sein, auf meine Chance warten – und immer positiv bleiben.“ Es hat sich gelohnt. In dieser Saison ist er fester Bestandteil von Pochettinos Aufgebot. In der Champions League kam er nur im Rückspiel gegen Borussia Dortmund nicht zum Zug, in der Premier League steht er bei zehn Toren und einer Vorlage in 31 Einsätzen auf sämtlichen Positionen in der Offensive. Er genießt die Freiheit, die Pochettino ihm gewährt. Er ist angekommen. Und das zur rechten Zeit, denn Tottenham ist von Verletzungssorgen geplagt: Star-Stürmer Harry Kane fehlt seit Wochen. Im Oktober wurde Moura nach zwei Jahren Unterbrechung außerdem erstmals wieder zur brasilianischen Nationalmannschaft eingeladen.

          „Es ist unmöglich zu beschreiben, was ich gerade fühle“, sagte Moura nach dem Spiel dem TV-Sender „BT Sport“: „Ich bin sehr glücklich und sehr stolz auf meine Mitspieler.“ Jeder einzelne habe hart für den Erfolg gearbeitet, Ajax habe ihnen das Leben sehr schwergemacht: „Der Fußball ist unglaublich. Er gibt uns solche Momente. Unvorstellbar. Das ist der beste Moment in meiner Karriere.“ In den Katakomben der Amsterdamer Arena spielten ihm brasilianische Reporter später sein drittes Tor vor; mit dem brasilianischen Kommentator, der anscheinend nicht anders konnte, als wie von Sinnen in sein Mikrofon zu brüllen: „Históricoooo! Lucaaaas!“ Moura schmunzelte, senkte den Kopf, begann zu weinen, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und sprach mit brüchiger Stimme weiter. Da hatte er endlich verstanden, was gerade passiert war.

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