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Tuchel und Paris im Finale : „Das ist das Gefährlichste, was du machen kannst“

Sitzend ins Finale: Thomas Tuchel und Paris Saint-Germain spielen um den Titel in der Champions League. Bild: Picture-Alliance

Thomas Tuchel ist „furchtbar angespannt“ – bis es Paris mit dem 3:0-Sieg über Leipzig endlich ins Finale der Champions League schafft. Die Nervosität des deutschen Trainers im Duell mit Julian Nagelsmann entlädt sich in einem Disput.

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          Thilo Kehrer hat nun gleich zwei Abendtermine, auf die er mit sehr viel Vorfreude blickt. Der 3:0-Sieg von Paris Saint-Germain über RB Leipzig im Champions-League-Halbfinale bescherte dem deutschen Fußball-Nationalspieler die Teilnahme am Endspiel am Sonntag. Zuvor aber blickt Kehrer auch diesem Mittwoch (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League, bei Sky und DAZN) mit Begeisterung entgegen. Dann spielt der Favorit FC Bayern gegen Paris‘ französischen Konkurrenten Olympique Lyon um den anderen Platz im Finale von Lissabon beim Corona-Turnier. Und Kehrer kann sich zurücklehnen.

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          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Auf einen Wunschgegner wollte sich Kehrer nicht einlassen. „Wir können ganz entspannt abends was essen und uns in Ruhe das Spiel anschauen. Dann sehen wir, wer der Gegner ist“, sagte er. Auch sein Trainer wehrte Gedankenspiele über den Kontrahenten im Kampf um Europas wichtigsten Titel im Vereinsfußball vehement ab. „Ich wünsche mir niemanden. Das ist das Gefährlichste, was du machen kannst“, sagte er beim deutschen TV-Sender Sky. Dort gab er sich erkennbar erleichtert, nachdem er vor der Partie im Interview noch offen zugegeben hatte, wie nervös er sei. Von Vorfreude keine Spur!

          Die Nervosität legte sich schnell. Denn Paris spielte seine ganze Klasse aus gegen Leipziger Spieler, die nicht an die Klasseleistung aus dem Viertelfinale gegen Atlético Madrid anknüpfen konnten. Vor allem die Offensive der Franzosen glänzte. Ángel Di María, der nach einer Sperre im Viertelfinale gegen Bergamo wieder mitmachen durfte, war an allen drei Treffern beteiligt. Die Führung durch Marquinhos per Kopfball bereitete er mit einem Freistoß vor (13. Minute), das 2:0 erzielte er nach einem sehenswerten Hackentrick von Neymar selbst (42.), und zum Endstand zirkelte er wiederum eine Flanke an den kurzen Pfosten exakt auf den Kopf des kleinen Juan Bernat (56.).

          Im Gegensatz zu Tuchel und Kehrer hat Kylian Mbappé, der mit Neymar und Di María der Leipziger Abwehr zusetzte, einen Wunsch für den Gegner im Finale. „Natürlich bin ich ein wenig mehr für Lyon, denn das ist eine französische Mannschaft“, sagte der Weltmeister: „Und wenn es dann Bayern wird, dann wird es Bayern.“ Mbappé rührte nach der Gala gleich die Werbetrommel für seinen Kumpel Neymar. „Ich bin mir sicher, wenn wir die Champions League gewinnen, kann er Weltfußballer werden. Ich hoffe, dass er diese Trophäe gewinnt, denn das würde heißen, dass wir die Champions League gewonnen haben“, sagte Mbappé.

          Noch ist wegen Corona aber nicht sicher, wann der Weltverband die Auszeichnung vergibt. Zuletzt hatte es Aussagen vom möglichen Finalkonkurrenten aus München gegeben, dass Stürmer Robert Lewandowski ein guter Kandidat für die Auszeichnung sei. Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, die den Titel zuletzt regelmäßig gewonnen hatten, stehen mit ihren Klubs 2020 nicht im Champions-League-Halbfinale. Dass Mbappé für Neymar wirbt, wundert wenig. „Wir lachen gerne zusammen, wir sprechen offen miteinander, wir mögen uns, die Chemie hat sofort gestimmt“, sagte der französische Nationalspieler.

          Dass Stars wie Mbappé und Neymar sich so verstehen, ist bemerkenswert, weil in einer Ansammlung von großen Fußball-Egos in Spitzenmannschaften nicht alltäglich. Die Aussage zeigt auch, warum es in Paris, das nun in 34 Champions-League-Spielen in Serie mindestens ein Tor erzielte und in dieser Saison mit fünf die wenigsten Gegentore aller Teams kassierte, derzeit läuft. Tuchel hat es offenbar geschafft, aus den Extrakönnern eine Einheit zu formen.

          Das deutete auch Kehrer an. „Was keiner so richtig weiß: Wir sind in diesem Jahr als Mannschaft zusammengewachsen.“ Man sei inzwischen „ein eingeschworener Haufen“, sagte er: „Wenn wir das auf den Platz bringen, dann kommt die individuelle Qualität noch mehr raus.“ Entsprechend groß war die Party in der Kabine nach dem Sieg über Leipzig. „Es war laut, es wurde viel rumgesprungen und rumgeschrien“, sagte der Abwehrspieler.

          Glücklich war auch Tuchel. Denn der Druck war immens. Nicht nur wurde ein Sieg über Außenseiter Leipzig erwartet. Vielmehr wollen die Besitzer aus Qatar endlich den Titel in der Champions League. Nun ist der deutsche Coach dem nah wie nie ein anderer auf der PSG-Bank. „Ich bin sehr erleichtert. Es ist unbeschreiblich, so etwas zu fühlen“, sagte Tuchel. „Ich war furchtbar angespannt bis zur Nachspielzeit, dann erst habe ich es geglaubt. Ich bin gerade k.o. Wir haben nicht nur Qualität gezeigt, sondern auch Hunger. Wir werden gerade dafür belohnt. Diese Mannschaft ist echt zusammengewachsen.“

          Die Anspannung Tuchels, der wegen eines Mittelfußbruchs das Spiel auf einer Tonne sitzend an der Seitenlinie verfolgte, entlud sich noch in einem Disput nach dem Spiel. Tuchel legte sich mit Daniel Behlau an und blaffte angeblich unter anderem das Wort „Schande“ in Richtung des Athletiktrainers des Bundesligaklubs. Behlau hatte sich für den Geschmack Tuchels zu sehr in eine Debatte zwischen ihm und Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann eingemischt. Behlau selbst reagierte recht gelassen auf den wütenden Tuchel und sagte nur mehrfach: „Glückwunsch zum Sieg.“

          Schon während des Spiels hatten sich Tuchel und Nagelsmann intensiv ausgetauscht. Nagelsmann räumte ungewöhnlich viele Fouls ein, nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil die PSG-Stars einfach zu schnell waren. „Er hat sich beklagt, um seine Spieler zu schützen“, erklärte Nagelsmann – alles kein Problem also. Die Einmischung eines Dritten fand Tuchel jedoch unangemessen. „Das hat mir nicht gefallen“, sagte er. Ein Disput wie beim Viertelfinale mit Atlético-Trainer Diego Simeone war für Nagelsmann mit seinem eigenen früheren Trainer Tuchel eh schwer vorstellbar. Auch nach der Partie sei alles unspektakulär gewesen, berichtete Nagelsmann: „Nach dem Abpfiff habe ich gesagt: ‚Gratulation, viel Erfolg im Finale und bis bald.‘“

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