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Paris St. Germain : Der schwierige Auftrag des Thomas Tuchel

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Vor dem Champions-League-Duell zwischen Paris und Manchester United muss sich Thomas Tuchel warm anziehen. Bild: AP

Der deutsche Trainer wurde in Paris mit Skepsis empfangen, hat aber viele von sich überzeugt. In der Champions League steht Thomas Tuchel vor seiner Meisterprüfung. Doch nun gibt es gleich mehrere Probleme.

          Im vergangenen Sommer wurde Thomas Tuchel in Paris mit Skepsis empfangen. Favoriten als neuer Trainer von Paris Saint-Germain waren schließlich andere: Luis Enrique, Carlo Ancelotti oder Mauricio Pochettino. Tuchel war für viele der große Unbekannte. Er galt als unerfahren, als zu wenig erfolgreich für einen Verein, in dem die Besitzer aus Qatar seit 2011 mehr als eine Milliarde Euro investiert haben, um die Champions League zu erobern. Tuchel hatte bis dahin mit Dortmund nur den DFB-Pokal gewonnen. Seit seiner Vorstellung in Paris sind rund neun Monate vergangen – Tuchel hat inzwischen viele in der französischen Hauptstadt von sich überzeugt, die wirklichen Prüfungen aber stehen ihm noch bevor. Der Maßstab, an dem er gemessen wird, ist die Champions League.

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          An diesem Dienstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Sky) trifft Paris im Achtelfinal-Hinspiel in England auf Manchester United. Am Tag der Auslosung, am 17. Dezember, schienen die Kräfteverhältnisse eindeutig: Paris siegte nach Belieben in der Ligue 1, überstand auch die schwere Vorrundengruppe in der „Königsklasse“ mit dem FC Liverpool und dem SSC Neapel. Manchester United war unter Trainer José Mourinho mehr und mehr in die Krise geraten. Einen Tag nach der Auslosung aber wurde der Portugiese entlassen, und sein Nachfolger Ole Gunnar Solskjaer brachte es fertig, das Gesicht des Teams grundlegend zu verändern. Am vergangenen Spieltag konnte er sehen, wie Paris beim 1:2 in Lyon das erste Ligaspiel der Saison verlor. Die Vorzeichen haben sich geändert. Paris ist nicht mehr der große Favorit gegen Manchester, auch wenn Tuchel sagt: „Es gibt keinen Grund, an uns zu zweifeln.“

          Tuchel fehlen gleich vier Stützen seiner Mannschaft: Marco Verratti verletzte sich Mitte Januar am linken Sprunggelenk und fehlt seither als Stabilisator im Mittelfeld. Kurz danach traf es Superstar Neymar. Der Brasilianer erlitt einen Mittelfußbruch und fällt voraussichtlich bis Mitte April aus. Nach dem 1:0-Sieg über Bordeaux am Wochenende fehlen nun auch noch Stürmerstar Edinson Cavani wegen einer Blessur an der Hüfte und Defensivspieler Thomas Meuner (Gehirnerschütterung). „Ich bin besorgt, weil Schlüsselspieler fehlen“, sagte Tuchel. „Für die großen Spiele in der Champions League ist es absolut notwendig, auf solche Spieler mit viel Erfahrung zurückgreifen zu können.“

          Umso mehr wird Tuchel gefragt sein in den heißen Wochen dieser Spielzeit. „Für mich ist mein Trainer der beste der Welt, und er hat es heute bewiesen“, sagte PSG–Präsident Nasser Al Khelaifi nach dem 2:1-Sieg gegen Liverpool Ende November. „Mein Trainer“ – das hat der Mann aus Qatar wirklich gesagt. Dabei hatte Al Khelaifi keinen Einfluss auf die Verpflichtung von Tuchel, die Entscheidung wurde eine Stufe über ihm getroffen: Qatars Staatsoberhaupt Emir Tamim Al Thani, der Mehrheitseigner von Paris Saint-Germain, hat den Deutschen persönlich ausgewählt. Entscheidend war ein persönliches Treffen der beiden in Doha, bei dem Tuchel nicht nur mit perfektem Französisch gepunktet haben soll, sondern auch mit detailreichen Kenntnissen des Klubs und seiner eigenen Spielidee.

          Als exzellenter Trainer galt Tuchel schon in Deutschland. Mainz 05 führte er bis in die Europa League, ließ zum Teil zügellosen Angriffsfußball spielen und mischte in einzelnen Spielen auch immer wieder die Großen der Republik auf. In Dortmund trat er die Nachfolge von Jürgen Klopp an, führte den Verein zweimal in die Champions League und gewann den DFB-Pokal. Und doch zeigte Tuchel bei beiden Vereinen, dass er ein schwieriger Typ sein kann. Mainz wollte er ein Jahr vor Vertragsende verlassen. Als ihm der Klub dies verweigerte, erzwang er seinen Abschied und machte ein Sabbatical. In Dortmund überwarf er sich mit den Klub-Oberen, dem Chefscout und Teilen der Mannschaft.

          Tuchel ist ein Besessener. Er verordnet sich selbst Low-Carb-Diäten, versucht seine Spieler zu kontrollieren, wo es nur geht, will am liebsten nichts dem Zufall überlassen. In Paris sind sie voll des Lobes über ihn: „Der Trainer hat eine positive Stimmung geschaffen, ein Einheitsgefühl. Er hat uns enger zusammenwachsen lassen. Auf dem Feld – und im Leben“, sagt Cavani. Der Mann aus Uruguay galt lange als eine der großen Ich-AGs in Paris. Die andere: Neymar, im Sommer 2017 für 222 Millionen Euro vom FC Barcelona verpflichtet. In der ersten Saison trafen beide immer wieder in einem internen Hahnenkampf aufeinander, inzwischen hat Tuchel die Gemüter beruhigt. „Ich habe seit unserem ersten Gespräch große Zuneigung für ihn entwickelt, und wenn man solch eine große Zuneigung für seinen Trainer fühlt, gibt man sein Leben für ihn auf dem Platz“, sagt Neymar: „Ich werde für ihn mein Bestes geben.“ Dieses herzliche Miteinander zwischen dem Trainer Tuchel und seinen Spielern, das auch öffentlich zur Schau gestellt wird, kannte man in dieser Form weder aus Mainz noch aus Dortmund.

          Die Mannschaft weiß Tuchel hinter sich, mit anderen im Verein geht er beinahe schon wieder auf Konfrontationskurs. Seine Beziehung mit Sportdirektor Antero Henrique ist seit Monaten belastet. Kern der Auseinandersetzung ist die Verpflichtung eines defensiven Mittelfeldspielers, die Tuchel schon im Sommer vergebens gefordert hatte. Nach der Verletzung von Verratti wurde der Druck noch einmal größer, Henrique verpflichtete den Argentinier Leandro Paredes für rund 45 Millionen Euro von Zenit St. Petersburg. Doch es dauerte, bis der Transfer offiziell vermeldet wurde.

          In der Zwischenzeit echauffierte sich Tuchel deshalb beim TV-Sender Canal+: „Ich warte auf ihn seit ein paar Tagen. Ich habe überall gesucht, in den Duschen, in der Kabine, auch mit dem Hausmeister habe ich gesucht, aber er ist nicht da.“ Es war Tuchels Art der Kritik. Nach Abschluss des Transfers sagte er: „Wenn Sie mich fragen, ob ich insgesamt zufrieden bin – nein, das bin ich nicht“, sagte er nach der Niederlage in Lyon: „Ich habe meine Meinung, Henrique hat seine eigene.“ Schon spekulieren französische Medien, dass der Konflikt zwischen Tuchel und Henrique dazu führen wird, dass im Sommer einer der beiden gehen muss. Im Moment scheint sicher, wer: Henrique. Er könnte von Arsène Wenger, dem langjährigen Trainer des FC Arsenal, ersetzt werden.

          Tuchel wirkt inzwischen weniger verbissen. Nach dem Sieg im französischen Supercup im vergangenen August gegen Monaco sang er noch in der Mixed Zone „Happy“ von Pharell Williams. Ein Video davon wurde zum Hit in den Sozialen Medien. In der Winterpause nahm Tuchel mit seinem Team an einem Kamelrennen in Qatar teil. Trainer und Spieler saßen dabei in Autos, sie feuerten die Tiere über Funkgeräte an – und am Ende lief das Kamel von Tuchel und seinem Assistenztrainer Camara als Erstes ins Ziel. Danach erklärte Tuchel auf der Homepage des Vereins: „Das Wichtigste ist zu gewinnen. Dafür musst du jederzeit bereit sein. Wenn wir als Trainer nicht gewinnen, wie können wir dann diesen Siegeswillen übermitteln?“ Arm in Arm standen beide Trainer da, während Tuchel sprach.

          Der deutsche Trainer hat Paris bereits geprägt. Unter seinem Vorgänger Unai Emery spielte die Mannschaft zumeist im 4-3-3-System, taktische Finessen waren so gut wie nicht zu erkennen. Die starken Individualisten sollten den Unterschied machen – und taten es nicht immer. Tuchel wechselt nunmehr die Systeme, beginnt auch mal in einer 4-4-2-Grundordnung, wechselt im laufenden Spiel in ein 3-5-2 und manchmal auch wieder zurück. Liverpool mit Trainer Jürgen Klopp hat er so überrascht und besiegt. Nun steht Manchester vor der Tür zum Viertelfinale der Champions League. Für Tuchel eine erste Meisterprüfung.

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