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Tuchels Anfänge : „Der Thomas ist ein Welttrainer“

  • -Aktualisiert am

Tuchels Entdecker Hans-Martin Kleitsch schwämt über die Traineranfänge:: „Er konnte Gegner sezieren, er hatte einen Röntgenblick. Seine Pläne funktionierten immer“: Bild: WITTERS

Mit Paris St. Germain trifft Thomas Tuchel in der Champions League im brisanten Duell auf seinen alten Verein Borussia Dortmund. Aber wie hat für ihn alles angefangen? Ein Auszug aus dem Buch „Tuchel“.

          5 Min.

          Wenn Hans-Martin Kleitsch Champions-League-Spiele von Paris St. Germain im Fernsehen verfolgt und Thomas Tuchel danach in fließendem Französisch über Fußball parlieren hört, erfüllt ihn das mit Stolz. „Der Thomas“, sagt Kleitsch und macht eine kleine Pause, bevor er fortfährt: „Der Thomas ist ein Welttrainer.“

          Hans-Martin Kleitsch, den alle, die ihn kennen, „Hansi“ nennen, ist der deutschen Öffentlichkeit eher unbekannt. Für Eingeweihte im Fußballgeschäft aber hat der Name des 68 Jahre alten Mannes einen großen Klang. Kleitsch formt in den 1990er und Anfang der 2000er Jahre als Jugendtrainer beim VfB Stuttgart unzählige Talente zu späteren Bundesliga- und Profispielern. Später arbeitet er vier Jahre lang als Scout beim FC Bayern, seit 2013 scoutet Kleitsch Spieler für die TSG Hoffenheim. Er ist ein Mann, der von vielen Erfolgen erzählen kann. Zum Abschluss der Saison 2004/05 zum Beispiel gewinnen die U-19-Junioren des VfB das Endspiel um die deutsche Meisterschaft in Celle gegen den VfL Bochum 1:0. In der Siegerelf stehen in Andreas Beck und Serdar Tasci zwei spätere A-Nationalspieler, im Angriff stürmt in Adam Szalai ein späterer ungarischer Internationaler, der Jahre später mit Mainz 05 unter einem Trainer namens Thomas Tuchel die Bundesliga aufmischt. Und Tuchel ist damals in Celle auch dabei: als Ko-Trainer von Kleitsch.

          Der geplatzte Traum nagt an Tuchel

          Tuchel ist da 31 und schon fünf Jahre Jugendtrainer beim VfB. Eine Entwicklung, die er nach seinem Umzug von Ulm nach Stuttgart nie vorausgesehen hätte. Eigentlich will er mit einem BWL-Studium die Basis für ein Auskommen abseits des Fußballs legen. „Thomas war nach dem Umzug nach Stuttgart traurig und wusste nicht so recht, wie es weitergeht“, erinnert sich sein alter Kumpel Oliver Wölki: „Er war da in einer Findungsphase.“ Tuchel gibt in einem seiner wenigen Interviews nach seiner Zeit bei Borussia Dortmund im September 2017 dem „Zeit Magazin Mann“ Einblick in sein Seelenleben nach dem Ende der Spielerlaufbahn: „Es war immer noch nix auf dem Konto, du bist gefühlt Fußballprofi und gehst trotzdem los auf Jobsuche.“ In Stuttgart fängt er schließlich an der Berufsakademie an, BWL zu studieren. Um Geld zu verdienen, kellnert er zwei Mal pro Woche in der „Radio Bar“. „Ich glaube, dass er zu der Zeit nicht daran gedacht hat, im Fußball Karriere zu machen. Er wollte sich in einem anderen Bereich neu beweisen“, sagt Wölki.

          Daniel Meuren und Tobias Schächter: Tuchel, Verlag Die Werkstatt, Berlin, 2020, 192 Seiten, 19,90 Euro.

          Es nagt lange an Tuchel, dass er seinen Traum vom Bundesligafußballer so früh hat aufgeben müssen. Dem „Zeit-Magazin Mann“ sagt er, er habe sich in der Bar ganz langsam ein neues Selbstbewusstsein erarbeitet, Schicht für Schicht, Abend für Abend: „Ich hatte die Hemmschwelle überwunden, fremde Menschen zu fragen, ob sie mich brauchen. Und plötzlich machte ich die Erfahrung: Die Kollegen mögen dich einfach nur für deine Art, die haben keine Ahnung, dass du mal Fußballprofi warst, die akzeptieren dich auch so.“ In der Bar habe er auch die Entscheidung getroffen, zurückzukehren ins Fußballgeschäft und Trainer zu werden. Tuchel musste in Ulm aufhören, als die Mannschaft, für die er drei Jahre spielte, endlich den Aufstieg in die zweite Liga schaffte. Als die Ulmer ein Jahr später mit Ralf Rangnick sogar den Erstligaaufstieg feierten, traf das Tuchel einerseits hart, andererseits fühlt er sich durch den Erfolg der alten Weggefährten auch herausgefordert. „Ich war richtig sauer. Und beleidigt. Ich dachte: Jetzt leben die meinen Traum. Bundesliga! Da, wo ich immer hinwollte. Ich habe noch eine halbe Stunde weiter in der Bar gearbeitet. Dann habe ich den Kollegen gesagt: Ich muss jetzt gehen.“

          „Er konnte Gegner sezieren“

          1999 ist Rangnick dort angekommen, wo Tuchel immer hin wollte: Er ist Cheftrainer in der Bundesliga, beim VfB Stuttgart. Tuchel hat Rangnick nach anfänglichen Problemen schätzen gelernt und erinnert sich an seinen früheren Trainer. Eigentlich will Tuchel zur Jahrtausendwende in Stuttgart noch einmal einen Anlauf als Fußballer nehmen. Er arbeitet hart an seiner Fitness, bis er auch unter hoher Belastung schmerzfrei ist. Dann kontaktiert er Rangnick und fragt seinen ehemaligen Ulmer Trainer, ob er einen Versuch als Spieler bei den VfB-Amateuren starten könne. Rangnick sagt ihm ein Probetraining zu. Doch das Comeback verläuft nicht wie gewünscht, nach zwei Monaten kommen die Schmerzen zurück, und Tuchel muss seine Fußballerlaufbahn zum zweiten Mal beenden. Endgültig. Rangnick bietet dem jungen Mann daraufhin eine Hospitanz im Nachwuchsbereich an und fragt seinen ehemaligen Spieler schließlich, ob er an einen Trainerjob in der Jugendabteilung interessiert sei. Tuchel ergreift die Chance, ohne zu wissen, ob er den Trainerberuf langfristig tatsächlich ausüben will.

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