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Bayer-Gegner Atlético Madrid : Mit dem Mann zwischen den Strafräumen

  • -Aktualisiert am

Voller Einsatz: Thomas Partey trifft gegen Lokomotive Moskau. Bild: dpa

Thomas Partey musste lange Wege zurücklegen, um bei Atlético Madrid eine tragende Rolle zu bekommen. Nun will der Klub seine Ablöse auf eine Summe von 100 Millionen Euro festlegen. Gegen Bayer Leverkusen soll er seinen Wert untermauern.

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          Box-to-box-Midfielder nennen sie in England Mittelfeldspieler, die sowohl vor dem eigenen Strafraum Bälle erobern als auch vor dem gegnerischen Sechzehner Tore vorbereiten. In Spanien sind solche Fußballer selten geworden, streben die Iberer doch das technisch perfekte Kurzpassspiel an und belächeln Lauffreude, die zum Überwinden großer Distanzen nötig ist, schon mal als Ausgleich für mangelnde technische Fähigkeiten. Deshalb ist es kein Zufall, dass bei Atlético Madrid nun jemand mit schnellem, vertikalem Spiel und raumgreifenden Schritten für Aufmerksamkeit sorgt. In diesem Klub lässt der argentinische Trainer Diego Simeone seit Jahren seine Vorstellung von Fußball spielen und nicht die iberische – weshalb Fußball-Ästheten auf der Halbinsel über ihn ein wenig die Nase rümpfen.

          Champions League

          Thomas Partey aus Ghana zeigt jedoch auch noch nach hartem Körpereinsatz und langen Sprints keine technischen Unzulänglichkeiten. Am Dienstag in der Champions-League-Begegnung gegen Leverkusen will er seine Mitspieler wieder auf diese Weise in Szene setzen und die gegnerischen Angriffe blocken. Es sah anfangs nicht danach aus, dass es diese Saison zu seinem großen Durchbruch kommen würde. Zwar verließ Mittelfeldspieler Rodrigo Hernández, der sich nie an die Taktik Simeones gewöhnen konnte, Atlético in Richtung Manchester. Doch dafür holte der Klub Marcos Llorente von Real Madrid und Herrera aus Porto. Zudem hat Simeone zwei Stammplätze im Mittelfeld bereits an Saúl Ñíguez und Koke vergeben.

          Simeone liebt die vertikale Spielweise

          Doch jetzt setzt der Trainer auf Thomas, wie sie ihn in Madrid nennen, ohne seinen Nachnamen. In elf Partien hat er den 26-Jährigen bislang neunmal eingesetzt, fast immer von Beginn an. Sein bestes Spiel machte Thomas ausgerechnet beim 0:0 gegen den Stadtrivalen Real Madrid, einer Begegnung, die die spanischen Medien wegen des unterirdischen Niveaus als „Spiel des Nichts“ getauft hatten. Nur in Thomas sahen sie einen Lichtblick und kürten ihn zum besten Spieler. Auch wenige Tage später wurde Thomas in der Königsklasse beim 2:0 Atléticos bei Lokomotive Moskau wieder zum wichtigsten Spieler auf dem Feld. Das 2:0 erzielte er, nachdem er den Spielzug mit einer Balleroberung im eigenen Feld eingeleitet hatte. Die Neuzugänge Llorente und Herrera, Konkurrenten auf der Position des Ghanaers, kommen hingegen bislang nur auf wenige Minuten.

          Trainer Simeone liebt diese vertikale Spielweise, ermöglicht sie doch ein schnelles und gefährliches Umschaltspiel. Thomas ist oft die erste Anspielstation der Innenverteidiger im Spielaufbau von Atlético, er ist ballsicher, lässt immer wieder seine Gegner aussteigen, spielt entweder kurz weiter und zieht dann selbst weiter nach vorne oder spielt den Ball lang, womit er die Verteidigungslinien der Gegner aufreißt. Er spielt mehr Pässe als seine Mitspieler, viele davon in der Hälfte des Gegners, 90 Prozent davon erreichen seine Mitspieler. Nachdem Trainer Zidane preisgab, sich den zielstrebigen Thomas auch bei Real Madrid vorstellen zu können, verhandelt Atlético mit ihm über eine vorzeitige Vertragsverlängerung. Atlético will eine Ablösesumme von 100 Millionen Euro in den Vertrag aufnehmen, berichten spanische Medien.

          100 Milionen Ablöse: Atlético will die Summe für Thomas festschreiben.

          Der Weg zum vom mächtigen Stadtrivalen umgarnten Stammspieler war weit. Thomas Partey stammt aus Krobo Obdumase im Südosten Ghanas. Sein Vater ist Trainer des örtlichen Vereins. Doch als der älteste von insgesamt acht Brüdern vor sieben Jahren ins Flugzeug nach Madrid stieg, wollte er es der Familie verheimlichen. Dabei hatte der Vater ihm die Reise längst finanziert, ohne das Wissen des Sohnes. Denn er kam ohne Vertrag nach Spanien, nur mit der Zusicherung seines spanischen Agenten, bei spanischen Klubs vorspielen zu dürfen. So landete er schließlich bei der U19 Atléticos. Er hätte das Geld seiner Familie für die Reise niemals akzeptiert, erklärte Thomas vor zwei Jahren der BBC, die ihn 2017 zu den fünf besten Fußballspielern Afrikas zählte.

          Nach nur vier Monaten bei der U19 und einer Saison in der B-Elf Atléticos lieh ihn der Klub 2013 nach Mallorca aus. Der Klub spielte damals in der zweiten spanischen Liga. Er habe anfangs sehr viele Freistöße verursacht und viele Bälle verloren, erinnert er sich heute. Die Ruhe seiner Mitspieler habe ihn beeindruckt, die den Ball durch die eigenen Reihen laufen lassen konnten, ohne nervös zu werden. Nach nur einem Jahr wechselte er nach Almería in die erste spanische Profiliga, wo auf dem Platz alles noch viel schneller ablief. Er habe die einfachen Sachen gemacht, Bälle erobert und sie dem nächsten Mitspieler weitergepasst.

          Mit 22 Jahren kehrte Thomas zu Atlético zurück, diesmal zum Profiteam von Simeone, der ihn zunächst als Innenverteidiger einsetzte. Sein größtes Problem waren die bei Atléticos Spielern berüchtigten harten Einheiten des Konditionstrainers Óscar Ortega del Río. Das Training habe ihn so fertig gemacht, dass er zunächst höchstens auf der Hälfte seines körperlichen Potentials gespielt habe. Doch als sich sein Körper an die Belastung gewöhnt hatte, setzte sich Thomas durch. Simeone erklärte ihn im Sommer für „unverkäuflich“, als englische Klubs ihn locken wollten. Und so entfaltet Thomas bei Atlético mit 26 Jahren endlich sein ganzes Potential als Box-to-box-Spieler.

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