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Bayern München : Der Genuss-Fußballer Thiago

Die helle Freude: An Thiago Alcantara führt derzeit kein Weg vorbei. Bild: dpa

„Thiago oder nix“ – das war die Ansage von Guardiola. Aber erst unter dessen Nachfolger Ancelotti rückt der Spanier ins Bayern-Zentrum. Gegen Atlético Madrid (20.45 Uhr) ist er wieder gefragt.

          Gotoku Sakai hätte den Ball überall hin spielen können, es wäre wohl folgenlos geblieben für den Hamburger SV. Jeder andere Münchner hätte ihn vernünftigerweise erst mal angenommen und gesichert. Denn was soll man mit einem Fehlpass schon tun, der nahe der Mittellinie von schräg links halbhoch angeflogen kommt? Thiago Alcántara hatte eine andere Antwort. Er gab sie, indem er das durchgestreckte rechte Bein wie einen Tennisschläger beim Slice seitlich vom Körper in den entgegenkommenden Ball schwang, ihn leicht über den Außenspann abrollen ließ und mit etwas Unterschnitt versah – und scharf und schnurgerade über fünfzig Meter in den Lauf von Franck Ribéry jagte. Der Franzose nahm das Kunstwerk auf, servierte Joshua Kimmich den späten Siegtreffer, und der FC Bayern hatte auch das fünfte Ligaspiel gewonnen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Manuel Neuer, der in der Jugend fast ein genauso guter Tennisspieler wie Torwart war und bis heute sagt, bei diesem Spiel viel für die Koordination der Bewegung zum Ball zu lernen, stürmte jubelnd auf Thiago zu und imitierte im ausgelassenen Pas de deux mit dem Spanier dessen extravagante Ausholbewegung beim Zauberpass. Eine bayrische Zeitung verglich das Duett mit einem Schuhplattler. Nur die Lederhosen fehlten.

          Nicht alles ist brillant bei den neuen Bayern, den Post-Pep-Bayern. Ein paar spielen besser als im Frühjahr. Ein paar nicht. Eigentlich Normalität in jedem Kader – die Gegenläufigkeit einzelner Formkurven, die ein Trainer im Kollektiv auf Linie bringen muss. Aber weil es so schön ins mehrheitlich gemochte Erzählmuster passt (lockerer Menschenkenner folgt auf verspannten Perfektionisten und befreit bayrische Künstlerseelen), ist natürlich jeder von denen, die zur Zeit besser spielen, einer, der unter Carlo Ancelotti „aufblüht“.

          Allen voran Thiago. „Mein Stil hat sich unter dem neuen Trainer nicht geändert, ich bin immer noch so wie früher“, beteuert er zwar und will Ancelotti nicht mit Guardiola vergleichen. Immerhin sagt er auch: „Carlo ist ein großartiger Trainer und Typ. Er gibt uns viel Vertrauen und viele Freiheiten.“ Warum Guardiola ihn mit den Worten „Thiago oder nix“ aus Barcelona mitgebracht hatte, sah man von Beginn an in München. Man sah aber auch, warum der Maestro den kleinen Zauberlehrling immer wieder maßregelte und aus dem Team nahm – so wie zuletzt im Mai gegen Atlético Madrid, als die Bayern auch im dritten Pep-Jahr das Finale der Champions League verpassten. Entscheidend für das Aus war das 1:0-Siegtor im Hinspiel durch ein Solo von Saúl, das Thiago schon im Ansatz hätte stoppen können. Doch er trabte nur nebenher – und blieb im Rückspiel, dem wichtigsten der Ära Guardiola, auf der Bank.

          Keine Verletzungen, viel Vertrauen

          „Wir denken nicht an Rache“, sagt Thiago nun, wenn die Bayern fünf Monate später ins Estadio Vicente Calderón zurückkehren (20.45 Uhr/ live in ZDF, Sky und F.A.Z.-Liveticker). „Es ist ja nur ein Gruppenspiel“. Während Mario Götze, wie Thiago 2013 gekommen, im Sommer nicht mehr erwünscht war und nach Dortmund zurückkehrte, durfte Thiago bleiben – obwohl auch er immer noch den Beweis antreten muss, ein Mann für die ganz großen Aufgaben zu sein und nicht nur für brillante Kleinkunst. Für diesen Mittwoch (Anstoß: 20:45 Uhr) erwartet er ein Spiel, „in dem wir all unsere Waffen einsetzen müssen.“ Eines, in dem Disziplin, Härte und Cleverness wichtiger sein dürften als hübsche Ideen am Ball. Atlético sei „aggressiver als alle, gegen die wir bisher gespielt haben“, sagt Thiago, und verteidige „besser als wir“, ja besser „als jedes andere Team der Welt“.

          Manuel Neuer und Thiago Alcántara freuen sich über den späten Siegtreffer zum 1:0 gegen des HSV.

          Thiago, der sich in dieser Saison bisher als verlässlicher Verteiler im Mittelfeld zeigt und auch als Balleroberer wie bei seinem Treffer beim 3:0 gegen Hertha BSC, darf fest damit rechnen, zur Startelf zu gehören. Wie Guardiola tauscht Ancelotti ständig Spieler aus, um Last und Lust gleichmäßig zu verteilen. Aber vielleicht hat er mehr als sein Vorgänger ein Gespür dafür, dass mancher häufiger spielen muss, um Freude und Form zu finden. Während mit Ausnahme von Torwart Neuer und Torjäger Lewandowski die Besetzung fast aller Positionen variiert, vor allem im Mittelfeld, saß Thiago in bisher sieben Spielen in Liga, Supercup und Champions League nur einmal auf der Bank, gegen Ingolstadt. Ausgerechnet da lief es nicht gut.

          Auch Julen Lopetegui, der neue spanische Nationaltrainer, setzt auf ihn. Er gab Thiago, der bei der EM im Juni unter Vicente del Bosque nur zwei Kurzeinsätze bekommen hatte, das symbolträchtige Trikot mit der Nummer 10, das Cesc Fabregas abgeben musste. Keine Verletzungen, viel Vertrauen, das ist es vielleicht schon, was Thiago erblühen lässt. Oder gibt es da noch ein Geheimnis? „Ich habe im Sommer nichts Besonderes gemacht, einfach das Leben genossen und den Strand“, sagt er. „So ist das auch beim Fußball: Du musst das Spiel genießen.“

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