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Dortmund vorm Nachholspiel : „Ein solches Erlebnis kann auch Kräfte freisetzen“

Das Team von Borussia Dortmund kurz nach dem Anschlag am Dienstagabend Bild: AP

Einen Tag nach dem Sprengstoff-Anschlag auf ihren Bus sollen die BVB-Spieler in der Champions League auflaufen. Der Sportpsychologe Oliver Stoll spricht über enorme mentale Belastung, möglichen Gruppenzwang – und die Kraft der Fans.

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          Nur knapp 24 Stunden nachdem sie während der Fahrt in ihrem Mannschaftsbus Opfer eines Sprengstoff-Anschlags geworden sind, sollen die Spieler von Borussia Dortmund an diesem Mittwoch (18.45 Uhr / Live bei Sky und im Champions-League-Ticker bei FAZ.NET) schon wieder Topleistungen in der Champions League abrufen, als wäre nichts gewesen. Wie soll das möglich sein?

          Es ist in jedem Fall eine extrem schwierige Situationen für die Spieler. Dass eine Mannschaft direkt nach einem solchen Ereignis, das sie ja selbst betrifft, wieder auflaufen soll, hat es zumindest hier in Deutschland noch nicht gegeben. Natürlich: Gerade Profifußballspieler wissen aus der Erfahrung unzähliger Partien, wie sie mit besonderem Druck und außergewöhnlichen Geschehnissen umgehen müssen – ob sie eine solche Ausnahmesituation allerdings innerhalb einem Tag bewältigen können, bezweifle ich stark.

          Wahrscheinlich werden auch die Spieler die aktuellen Entwicklungen verfolgen und für sich interpretieren. Wäre es besser gewesen, die Mannschaft erst einmal drei bis vier Tage in Ruhe zu lassen, damit sie das Geschehene verarbeiten können?

          Das Problem ist, dass wir es in diesem Fall mit einer Mannschaft von mehr als zwanzig Spielern zu tun haben. Ein einzelner Athlet könnte sich in so einer Situation eng mit seinem Trainer, Management oder Psychologen abstimmen und eine eindeutige Entscheidung treffen. In einem Team geht jeder Einzelne ganz anders mit dem Erlebten um: Einige können das mit Sicherheit für die zwei Stunden gut verdrängen, andere sind vielleicht eng mit dem verletzten Marc Bartra befreundet und machen sich dementsprechend mehr Sorgen. Deswegen ist es aus meiner Sicht auch sehr wichtig, dass die Mannschaft heute unter direkter psychologischer Betreuung steht.

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          Besteht die Gefahr, dass nun gegen den AS Monaco ein Spieler auf dem Platz steht, der eigentlich gar nicht dazu in der Lage ist – sich aber durch eine Mischung aus Gruppenzwang und dem Verantwortungsgefühl gegenüber der Mannschaftskameraden überzeugen lässt?

          Das ist durchaus denkbar. Aber es ist natürlich schwer darüber zu spekulieren, wie es derzeit um die Stimmung und Verfassung einzelner Spieler bestellt ist. Als Außenstehende können wir nicht wissen, wie eng die soziale Verbundenheit innerhalb der Mannschaft von Borussia Dortmund ist. Gut möglich, dass heute jemand spielt, der lieber daheim bei seiner Familie wäre. Möglicherweise schweißt ein solches Erlebnis das Team aber auch zusammen, setzt Kräfte frei und löst eine „Jetzt-erst-recht“-Reaktion aus.

          Wie ist die Situation für die Spieler des AS Monaco?

          Auch an denen wird das nicht spurlos vorbeigegangen sein. Zwar ist der Verein nicht direkt Opfer des Anschlags, aber auch die Abläufe von deren Spielern sind massiv gestört worden. Dass sie zudem in einem für den Klub äußerst wichtigen Spiel gegen die betroffenen BVB-Spieler antreten müssen, macht es nicht leichter. Ich nehme aber mal an, dass auch die Monaco-Spieler professionell genug sind, um sich zumindest in ihrem sportlichen Vorhaben nicht beeinflussen zu lassen. Ob sie es dann auch umsetzen können, ist eine andere Frage. Generell ist es aber auch im Alltag sehr interessant zu beobachten, wie Menschen allgemein dazu in der Lage sind, für eine gewisse Zeit eine extreme emotionale Belastung auszublenden und auf ein rationales Verhalten umzuschalten.

          Auch für die Fans ist ein Nachholspiel mit solch dramatischer Vorgeschichte nicht einfach. Für ihr Verhalten am Dienstagabend wurden die Anhänger beider Teams jedoch sehr gelobt. Was glauben Sie welche Atmosphäre im Dortmunder Stadion herrschen wird?

          Ich denke, dass sowohl die Organisatoren von der Uefa und von Borussia Dortmund aber auch die Fans versuchen werden, den Abend so normal wie möglich zu gestalten. Das würde den Spielern vermutlich schon ziemlich helfen und ihren Kraft für das Spiel geben. Es wird natürlich schwer sein, die Geschehnisse komplett auszublenden, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das Ganze emotional ausufert – weder in die eine noch in die andere Richtung.

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